Neuer Podcast mit Sexarbeiterinnen - «Corona hat die Kunden gezwungen, mehr Pornos zu schauen»
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Neuer Podcast mit Sexarbeiterinnen«Corona hat die Kunden gezwungen, mehr Pornos zu schauen»

Ein neuer Podcast bietet Einblicke in das Leben von Sexarbeiterinnen in der Schweiz. Eine Erkenntnis: Die Pandemie hat die sexuellen Bedürfnisse der Kunden beeinflusst.

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Der Strassenstrich sei ein gefährliches Pflaster, doch immerhin könne man sich seine Kunden aussuchen, sagen zwei Sexarbeiterinnen. (Symbolbild)

Der Strassenstrich sei ein gefährliches Pflaster, doch immerhin könne man sich seine Kunden aussuchen, sagen zwei Sexarbeiterinnen. (Symbolbild)

Urs Jaudas / Tamedia AG 
Dies in einem neuen Podcast von Procore, dem nationalen Netzwerk von Beratungsstellen für Sexarbeitende.

Dies in einem neuen Podcast von Procore, dem nationalen Netzwerk von Beratungsstellen für Sexarbeitende.

Urs Jaudas / Tamedia AG 
Prostitution, sagen sie, sei «Kopfsache» – es brauche gute Nerven dafür. «Viele denken, es sei ausschliesslich körperliche Arbeit. Doch der Körper ist nur das Instrument.» 

Prostitution, sagen sie, sei «Kopfsache» – es brauche gute Nerven dafür. «Viele denken, es sei ausschliesslich körperliche Arbeit. Doch der Körper ist nur das Instrument.»

Urs Jaudas / Tamedia AG 

Darum gehts

  • In einem neuen Podcast von Procore sprechen Sexarbeiterinnen über ihr Leben und ihre Arbeit in der Schweiz.

  • In den ersten beiden Folgen kommen eine Angestellte eines Erotik-Massagesalons und zwei Prostituierte auf dem Strassenstrich zu Wort.

  • Weitere Folgen sind in Planung.

Wer einen interessanten Einblick in das Leben und die Arbeit von Prostituierten gewinnen will, sollte sich den neuen Podcast von Procore, dem nationalen Netzwerk von Beratungsstellen für Sexarbeitende, zu Gemüte führen. «Let’s talk about Sex Work» heisst die Gesprächsreihe, in der Sexarbeitende direkt zu Wort kommen und die laut Procore «einerseits das Wissen über Sexarbeit zugänglicher machen und andererseits einen Beitrag zur Versachlichung der Prostitutionsdebatte in der Schweiz leisten» soll.

«Es muss Spass machen»

Den Auftakt macht Milena aus Bern, die von ihren Schwierigkeiten als Sexarbeiterin während der Corona-Pandemie berichtet. Insbesondere der Lockdown im März 2020, als ein absolutes Berufsverbot herrschte, habe sie hart getroffen. «Ich musste von meinen Ersparnissen leben», sagt die 45-jährige, die Erotikmassagen in einem Salon anbietet. Lediglich Escort-Service sei möglich gewesen. Finanzielle Unterstützung erhielt sie in dieser schwierigen Zeit von Xenia, der Berner Fachstelle für Sexarbeit. Weniger entgegenkommend sei ihr Vermieter gewesen, mit dem sie derzeit einen Rechtsstreit ausficht: «Er will die volle Miete für die Monate, in denen wir nicht arbeiten konnten. Das finde ich ziemlich frech.»

Pandemiebedingt sei ihr die Hälfte der Kundschaft weggebrochen. Interessant: Jene, die ihre Dienstleistungen weiterhin in Anspruch nehmen, kämen nun plötzlich mit allerlei Sonderwünschen angerannt. Den Ursprung dieses neuerlichen Einfallsreichtums – Milena spricht von «sexuellen Deviationen» – hat sie längst ausgemacht: «Corona hat die Kunden gezwungen, mehr Pornos zu schauen.» Die Sexarbeiterin hat indes keine Scheu, allzu aussergewöhnliche Anfragen zurückzuweisen. Denn: «Wenn es mir nicht Spass macht, kann ich auch nicht leidenschaftlich dabei sein.»

Seit über 10 Jahren auf dem Strich

Katja und Maria, die Protagonistinnen der zweiten Folge, arbeiten seit über zehn Jahren auf dem Strassenstrich. Sie sind enge Freundinnen und teilen sich auch gern mal einen Kunden: «Wir sind eine gute Kombination.» Ausserdem sei es sicherer, wenn man nicht allein arbeite. Prostitution, sagen sie, sei «Kopfsache» – es brauche gute Nerven dafür. «Viele denken, es sei ausschliesslich körperliche Arbeit. Doch der Körper ist nur das Instrument.»

Der Strassenstrich sei zum einen ein gefährlicher Ort, sagen die beiden Osteuropäerinnen. Zugleich bedeutet er für sie Freiheit: Anders als etwa in einem Erotiksalon oder Bordell könne man sich hier seine Kunden aussuchen. Ehe zur Tat geschritten wird, suchen die beiden Osteuropäerinnen das Gespräch mit ihren Freiern, um deren sexuelle Wünsche zu ergründen. So könne unangenehmen Erlebnissen bei Kunde wie Dienstleisterin vorgebeugt werden.

Weitere Folgen kommen

Ihre Tätigkeit in der Schweiz verschweigen die beiden Frauen ihren Familien in der Heimat – aus Respekt, wie sie sagen: «Es handelt sich um eine diskrete Arbeit. Die Familie muss davon nichts wissen.» In ihrem Herkunftsland prostituieren sich die beiden nicht. Man führe gewissermassen zwei Leben, sagt Maria einmal: Hier sei sie Sexarbeiterin, dort eine «ganz normale Frau», die koche, putze und zu den Kindern schaue. Der Strassenstrich sei eine Abwechslung zum beschaulichen Leben in der Heimat: «Ich muss ein bisschen Adrenalin haben.»

Für dieses Jahr ist eine weitere Ausgabe des Podcasts geplant, wie es auf Anfrage bei Procore heisst. Ab 2022 will die Organisation alle zwei bis drei Monate eine neue Folge veröffentlichen.

Die Gespräche mit Milena sowie Katja und Maria finden Sie hier.

Wie freiwillig kann Sexarbeit sein?

Laut der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) arbeiten laut Schätzungen 270’000 Menschen in Europa unter sklavereiähnlichen Bedingungen in der Sexarbeit. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Unter Ethikerinnen und Ethikern sowie Aktivistinnen und Aktivisten findet eine Diskussion statt, ob Sexarbeit überhaupt freiwillig sein kann, oder ob sie nicht meistens Folge von Not oder Zwang ist.

Im Schweizer Sexgewerbe arbeiten zahlreiche ausländische Frauen. «Ohne Migrantinnen wäre die Sexindustrie in der Schweiz nicht mehr denkbar», schreibt die FIZ. Als Hauptgrund wird angeführt, dass den Frauen wenige andere Optionen bleiben. « Geschlechtsspezifische Diskriminierung im Herkunftsland – zum Beispiel wenig Arbeits- und Bildungschancen, sexuelle Gewalt oder Ausbeutung, starre Geschlechtsrollen – können mit ein Grund dafür sein, dass Frauen migrieren. Diesen Diskriminierungen entkommen sie durch die Migration aber nicht.»

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Zwangsprostitution und/oder Menschenhandel betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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(sul)

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