«So kann es nicht weitergehen»  - Corona-Höchststand in der Türkei – Ärzte werfen Erdogan Schönfärberei vor
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«So kann es nicht weitergehen» Corona-Höchststand in der Türkei – Ärzte werfen Erdogan Schönfärberei vor

Die Corona-Infektionszahlen sind in der Türkei derart in die Höhe geschnellt, dass die Türkei wieder Verschärfungen anordnen musste. Doch Präsident Erdogan kann nicht verhindern, dass in der Bevölkerung Kritik, Unmut und Misstrauen wachsen.

Ärzte werfen der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan vor, die Corona-Misere zu beschönigen.

Ärzte werfen der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan vor, die Corona-Misere zu beschönigen.

REUTERS

Darum gehts

  • Die Türkei meldet die höchste Zahl an Todesfällen an einem Tag im Zusammenhang mit Covid-19.

  • Auch die Infektionszahlen steigen dramatisch.

  • In Istanbul misstraut die Ärztekammer den offiziellen Zahlen, der Unmut gegenüber der Regierung nimmt zu.

In der Türkei schnellen die Corona-Infektionszahlen derzeit wie kaum anderswo auf der Welt nach oben: Dem türkischen Gesundheitsministerium zufolge sind auf Montag innert 24 Stunden 341 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben, so viele, wie seit Beginn der Pandemie nicht. Die Zahl der Neuinfektionen stieg zuletzt auf über 60’000 pro Tag – sie haben sich seit Anfang März versechsfacht. Damals hatte die Regierung die Corona-Restriktionen gelockert.

Präsident Recep Tayyip Erdogan war zwar letzte Woche noch voller Lob für die eigene Regierungspolitik, kam angesichts der dramatischen Zahlen aber nicht drum herum, neue Verschärfungen wie Ausgangssperren anzuordnen.

«So geht es nicht mehr weiter»

Die höchsten Sieben-Tages-Inzidenzen haben zurzeit die westtürkische Provinz Canakkale mit rund 963 Fällen pro 100’000 Einwohnern und die Millionenmetropole Istanbul mit rund 921 Fällen pro 100’000 Einwohnern. Die Lage in den Krankenhäusern der Millionenstadt sei jedoch nicht kritisch, hiess es vom Gesundheitsministerium.

Das sei eine Lüge, heisst es dagegen aus der Istanbuler Ärztekammer. «Hier in Istanbul liegt die Auslastung bei nahezu hundert Prozent, selbst in meinem eigenen Krankenhaus finden Covid-Patienten keine Betten mehr», sagt Vorstandsmitglied Murat Ekmez der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ). Er wirft der Regierung vor, die offiziellen Zahlen zu schönen und vor den Realitäten die Augen zu verschliessen. Das Gesundheitspersonal sei völlig ausgelaugt. «So geht es nicht mehr weiter.»

So denken mittlerweile nicht wenige. Längst fordern Ärzte und Opposition einen harten Lockdown für das Land, in dem die Schulen jetzt wieder geschlossen sind – seit März 2020 gab es kaum Präsenzunterricht – , während sich auf den Einkaufsstrassen Menschenmassen tummeln. Einen harten Lockdown will und kann sich die Regierung Erdogan aber wegen der schiefen Wirtschaftslage offenbar nicht leisten.

Kein Kurzarbeitergeld mehr

In Istanbul ist die Wut auf die Erdogan-Regierung hoch, die Umfragewerte entsprechend tief. «Die Corona-Lage wird sich erst bessern, wenn sich die Regierung ändert», ist eine Kosmetikerin überzeugt. Ihr Studio muss unter den jetzt beschlossenen Verschärfungen für einen Monat schliessen. Doch im Gegensatz zum Vorjahr erhält sie jetzt kein Kurzarbeitergeld oder sonstige Hilfe.

Ganz schlecht kam auch an, dass die AKP vor einigen Wochen im ganzen Land Parteitage mit Zehntausenden Teilnehmern veranstaltete, was nach den geltenden Corona-Massnahmen eigentlich verboten ist.

Man könne der Regierung nicht alle Schuld an der Corona-Misere geben, sagt dagegen Ertunc Mega von der Istanbuler Fatih-Sultan-Mehmet-Universitätsklinik. «Auch die Bürger tragen eine Verantwortung, sich umsichtig zu verhalten. Aber leider ist es in unserer Kultur verbreitet, alles vom Staat zu erwarten», so der Chefarzt zur NZZ. Er verweist auf die erfolgreiche Impfstrategie im Land: Mittlerweile seien 14 Prozent der Bevölkerung sicher einmal geimpft, die Sterblichkeit sei zurückgegangen.

Hoffen auf den eigenen Impfstoff

Auch die Regierung streicht gerne das Impftempo hervor. Die Türkei hatte ihre Impfkampagne Mitte Januar begonnen, bis Ende Juni will sie Impfungen für alle unter 40-Jährigen ermöglichen. Dabei setzt Ankara vor allem auf den chinesischen Impfstoff Sinovac. Allerdings gibt es mittlerweile starke Bedenken, was dessen Wirksamkeit angeht: Selbst ein hochrangiger chinesischer Virologe hat angegeben, dass der Impfstoff nur begrenzt wirksam sei.

Umso mehr hofft die Türkei auf ihre eigenen Vakzine. Einer von insgesamt 17 Impfstoffen habe eben die zweite Phase der klinischen Studien erfolgreich abgeschlossen und könnte laut Gesundheitsministerium bereits im Herbst zugelassen werden, schreibt die NZZ und schliesst lakonisch: «Viele Türken hoffen, dass zumindest das kein Märchen ist.»

(gux)

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