Gutes tun statt reich werden: Corona-Krise macht Schweizer sozialer
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Gutes tun statt reich werdenCorona-Krise macht Schweizer sozialer

Die Bevölkerung ist laut dem Hoffnungsbarometer 2021 eher bereit, anderen zu helfen. Mehr Geld zu verdienen, verliert an Bedeutung.

von
Bettina Zanni
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Rund 54 Prozent der befragten Personen geben an, jetzt eher dazu bereit zu sein, anderen Menschen zu helfen.

Rund 54 Prozent der befragten Personen geben an, jetzt eher dazu bereit zu sein, anderen Menschen zu helfen.

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Auch vor den Weihnachtsferien erinnerte der Bundesrat wiederholt an die Solidarität. «Unser Land ist stark, wenn wir gemeinsam handeln», sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (SP) an der Medienkonferenz vom 18. Dezember.

Auch vor den Weihnachtsferien erinnerte der Bundesrat wiederholt an die Solidarität. «Unser Land ist stark, wenn wir gemeinsam handeln», sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (SP) an der Medienkonferenz vom 18. Dezember.

Auch bei den persönlichen Hoffnungen für das Jahr 20121 hat die Nächstenhilfe an Bedeutung gewonnen.

Auch bei den persönlichen Hoffnungen für das Jahr 20121 hat die Nächstenhilfe an Bedeutung gewonnen.

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Darum gehts

  • Im neuen Hoffnungsbarometer sind rund 54 Prozent der befragten Personen jetzt eher dazu bereit, anderen Menschen zu helfen.

  • Gleichzeitig ist den Befragten Geld weniger wichtig geworden.

  • «Die Pandemie hat bewusst gemacht, dass wir alle im selben Boot sitzen und alleine an unsere Grenzen stossen», sagt Studienautor Andreas Krafft.

Noch selten so oft wurde an die Solidarität appelliert wie im Jahr 2020. Auch vor den Weihnachtsferien erinnerte der Bundesrat wiederholt daran.

«Unser Land ist stark, wenn wir gemeinsam handeln», sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (SP) an der Medienkonferenz vom 18. Dezember. Sie wünsche sich, dass wir zueinander schauten. «Die Pandemie hat gezeigt, wie verletzlich wir sind. Darum müssen wir Sorge tragen zueinander.»

54 Prozent wollen helfen

Die Appelle scheinen der Schweizer Bevölkerung in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, wie das aktuelle Hoffnungsbarometer der Universität St. Gallen zeigt (siehe Box).

Rund 54 Prozent der befragten Personen geben an, jetzt eher dazu bereit zu sein, anderen Menschen zu helfen (siehe Box) als früher. Auch bei den persönlichen Hoffnungen für das Jahr 2021 hat die Nächstenhilfe an Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig ist den Befragten Geld weniger wichtig geworden. So sank die Hoffnung auf mehr Geld. Noch stärker als im letzten Jahr hoffen die Befragten auf gute Gesundheit.

Zweifel an guten Menschen

Knapp 44 Prozent empfinden laut dem Hoffnungsbarometer, dass sie heute leicht bis stärker bereit sind, andere Menschen freundlicher zu behandeln. Nur rund acht Prozent haben den Eindruck, zurzeit andere Menschen weniger freundlich zu behandeln.

Kritisch zeigen sich die Befragten gegenüber der globalen gesellschaftlichen Entwicklung. Eine Mehrheit ist der Meinung, dass sich die Gesellschaft kaum oder nur mittelmässig positiv für alle Menschen entwickelt. Im selben Masse zweifeln sie daran, dass die Menschen grundsätzlich gut sind oder es einen Sinn macht, wie unsere Gesellschaft funktioniert.

«Ohne Gesundheit läuft nichts»

«In einer Krise wie der Corona-Pandemie besinnen sich die Menschen auf das zurück, was ihnen besonders wertvoll ist», sagt Andreas M. Krafft, Studienautor, Zukunftsforscher und Vorstand von Swissfuture. Dabei beriefen sich die Menschen noch mehr auf ihre Gesundheit und sozialen Kontakte, während materielle Werte in den Hintergrund träten.

Weltweit forderte das Coronavirus bisher über 1,7 Millionen Tote. Auch in der Schweiz starben seit März über 6400 Menschen. Täglich werden rund 200 Personen ins Spital eingewiesen. Laut Krafft geht das an den Schweizern nicht spurlos vorbei. «Die vielen toten und kranken Menschen haben uns gezeigt, dass ohne Gesundheit nichts läuft.» Die Bedrohung, selber am Virus zu erkranken oder gar daran zu sterben, habe dazu geführt, dass die Wichtigkeit der Gesundheit noch bewusster geworden sei.

Kein Wunsch nach mehr Geld trotz Krise?

Auch wächst in einer Gesundheitskrise laut dem Studienautor die Fürsorgepflicht gegenüber anderen Menschen. «Man versucht, achtsam zu sein, lächelt fremde Menschen eher an und versucht, Zuversicht zu vermitteln.»

Obwohl die Krise viele Unternehmen und Angestellte hart trifft, verstärkt sie den Wunsch nach mehr Geld nicht. Wir lebten nach wie vor in einer Wohlstandsgesellschaft, sagt Krafft. «Der Grossteil der Gesellschaft ist trotz der Krise wirtschaftlich abgesichert und hat gute Reserven.» Zudem sei die Arbeitslosigkeit bis anhin nicht extrem gestiegen.

«Gefühl, dass der Mensch egoistisch ist»

Die verschärfte Kritik auf die globale gesellschaftliche Entwicklung der Befragten führt Krafft auf die «weltweit ausserordentlich schwierige Lage» zurück. «Die Menschen lesen viele negative Nachrichten und haben das Gefühl, man kriege die prekäre Lage nicht in den Griff.» Etwa Verschwörungstheorien und Corona-Skeptiker, die sich gegen die Massnahmen wehrten, hätten die Gesellschaft in diesem Jahr gespalten. «Viele haben deshalb das Gefühl, dass der Mensch egoistisch ist.» Vermisst werde der gesellschaftliche Dialog zwischen unterschiedlichen Meinungen und Interessen.

Durch die Pandemie hat laut Krafft bereits ein Umdenken begonnen. «Sie hat bewusst gemacht, dass wir alle im selben Boot sitzen und alleine an unsere Grenzen stossen.» Dieses Bewusstsein fange bei vielen Menschen schon beim Homeoffice an. «Homeoffice mag toll sein, aber die sozialen Kontakte fehlen den meisten Menschen.»

Hilfswerke verzeichnen viele Spenden

«Wir rechnen damit, dass wir für das aktuelle Jahr mindestens 15 Prozent mehr Spenden erhalten haben», sagt Christine Volet, Mediensprecherin der Heilsarmee. Weniger Spenden eingegangen seien für die internationalen Projekte der Heilsarmee. «Weil die Schweiz erstmals eine schwere Krise trifft, wollen die Spender möglicherweise zuerst den Bedürftigen im eigenen Land helfen», vermutet Volet.
Pro bedürftigen Menschen steht jedoch nicht mehr Geld zur Verfügung. «Grund dafür ist, dass auch die Zahl der Menschen in Not gestiegen ist.» Gleichzeitig habe die Heilsarmee aufgrund der Hygienemassnahmen auf verschiedene Veranstaltungen verzichten müssen. «Die Spenden für unsere Topfkollekte gingen deshalb zurück.»
Mehr Spenden gingen auch bei Caritas Schweiz ein. «Das Spendenergebnis der Caritas Schweiz wird 2020 klar höher liegen als im Vorjahr», sagt Mediensprecher Stefan Gribi. Gespendet hätten Privatpersonen, aber auch viele Firmen etwa anstelle ausgefallener Weihnachtsessen.
Auch die Glückskette zeigt sich zufrieden. «Wir haben trotz Corona-Krise viele Spenden erhalten», sagt Priska Spörri, Mediensprecherin der Glückskette. Seit ihrem Aufruf im März hätten sie über 42 Millionen Franken für Schweizer Opfer der Pandemie erhalten. 8 Millionen Franken habe der Aufruf im Oktober für Hilfe weltweit eingebracht. «Und letzte Woche haben meine Kolleginnen und Kollegen in der Romandie zusammen mit RTS Cœur à Cœur nochmals 2 Millionen Franken für Kinder, Opfer von häuslicher Gewalt, gesammelt.»

Studie

Schlechte Nachrichten in den Medien prägten sich in der Regel stärker ein als die guten alltäglichen Erlebnisse, sagt Studienautor Andreas Krafft. Sein Tipp: «Wer etwas für sein Wohlbefinden tun möchte, sollte daher im kommenden Jahr den vielen kleinen positiven Erfahrungen im Alltag und den guten Vorsätzen besonders viel Aufmerksamkeit schenken.»

Das Hoffnungsbarometer 2021 mit dem Titel «Wie resilient ist die Bevölkerung in Zeiten von Corona?» basiert auf den Ergebnissen einer schweizweiten Online-Befragung. Diese wurde im November 2020 mit rund 7000 Teilnehmern durchgeführt. Für die Studie arbeitete die Universität St. Gallen mit Swissfuture, der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung, und Swippa, der Schweizerischen Gesellschaft für Positive Psychologie zusammen.

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Deine Meinung

171 Kommentare
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roooli

30.12.2020, 21:14

Es gibt immer noch zu viele Egoisten.

Eidgenossin

30.12.2020, 04:44

Ich habe schon vor Corona geholfen, einander helfen sollte doch einfach normal sein.

Eidgenossin

30.12.2020, 04:42

Ich habe schon vor Corona immer geholfen, einander helfen sollte doch einfach normal sein.