Experten-Pressekonferenz : «Mit der Impfung können wir nicht zur Normalität zurück»

Experten-Pressekonferenz «Mit der Impfung können wir nicht zur Normalität zurück»

Der Bundesrat verlangt von den Kantonen schärfere Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Die Experten des Bundes informieren zudem in einer Medienkonferenz über den aktuellen Stand.

Die zweite Welle nimmt wieder Fahrt auf

Am stärksten betroffen sind St.Gallen und Tessin.

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Mittwoch, 09.12.2020

Das war die Medienkonferenz

Damit ist die Medienkonferenz beendet. Hier noch einmal die wichtigsten Punkte in Kürze:

  • Der Schwerpunkt der Pandemie in der Schweiz liegt nicht mehr in der Romandie. Die Ostschweiz und das Tessin sind im Vergleich am stärksten betroffen.

  • Während der Rückgang der Infektionszahlen gesamtschweizerisch gesenkt wurde, steigen die Hospitalisierungen und Todesfälle noch nicht wieder an. Das BAG rechnet hier mit einem zeitverzögerten Anstieg.

  • Am Donnerstag findet in der Schweiz der Aktionstag Psychische Gesundheit, der unter dem Zeichen des Coronavirus steht, statt.

  • Kantonsarzt BS, Thomas Steffen, gab Tipps zur Bewältigung einiger Stress-Faktoren in der Pandemie. Er betont, wie wichtig der Beitrag jedes einzelnen ist. Das solle man sich vergegenwärtigen, auch wenn sich andere Menschen weniger streng an Regeln halten.

«Wir bekommen schon jetzt Impfanmeldungen»

«Um klarzustellen: im Januar zu beginnen ist unser Ziel, ebenso wie 70'000 Impfungen pro Tag anzubieten», sagt Mathys. «Das sind unsere Planungswerte. Aber es gibt noch einige Hürden. Die Vorbereitung der Armee und der Kantone zielt darauf ab, dass wir im Januar beginnen können.»

«Wir bekommen seit Tagen Impfmeldungen, komplett mit Datum und Risikobeschrieb», erzählt Steffen. «Das ist erfreulich, aber noch etwas verfrüht. Wir sind aber sehr froh darüber, dass die Akzeptanz der Impfung in der Schweiz so gross ist.»

Wo steht die Armee bei der Organisation der Impfung?

«Wir sind mitten in der Planung. Ein Problem ist die Kälte. Die Impfstoffe müssen stark gekühlt werden. Wir haben die Infrastruktur dafür jetzt gekauft. Das andere ist die Distribution. Wir planen das mit einer grossen Professionalität», sagt Raynald Droz.

Gilt die 10-Personen-Regel auch draussen?

«Ja», sagt Mathys. «Es spielt keine Rolle, ob drinnen oder draussen. Es gilt also auch für Weihnachten im Wald.»

Wie wird die Testkapazität über die Festtage sichergestellt?

«Die grossen Zentren werden auch an den Festtagen Testkapazitäten bereithalten», sagt Steffen.

Wer haftet in der Schweiz für Impfschäden?

«Grundsätzlich haftet der Hersteller für Produktemängel», sagt Mike Schüpbach, Stv. Sektionsleiter Rechtsbereich 2, Bundesamt für Gesundheit BAG. «Die Verträge des Bundes mit den Herstellern sehen nichts anderes vor.» Es gibt aber eine Möglichkeit für einen finanziellen Ausgleich in solchen Pandemiesituationen.

Müsste der Bundesrat noch nachbessern, mit Blick auf Genf?

«Ich wollte sagen, dass die Massnahmen von Genf erfolgreich waren», so Ackermann. «Wie stark die Einschränkung von Anlässen und Schliessung von Gastrobetrieben sich schliesslich auswirken, können wir nicht sagen.»

Gibt es aus wissenschaftlicher Sicht Hinweise, dass es mehr Infektonen am Abend oder Wochenende gibt?

«Wir haben keine so genaue Zeit-Aufschlüsselung, was die Infektionszahlen angeht», so Ackermann. Es gehe darum, die nicht nötigen Kontakte zu reduzieren.

Wie viele Prozent der Schweiz haben eine Infektion durchgemacht?

«Dazu sind Studien in Arbeit. Die letze gab 10 Prozent an, da werden wir weit drüber sein», so Mathys.

Ist die Impfung das Ende der Pandemie?

«Aus unserer Sicht ist wichtig, dass wir nicht davon ausgehen können, dass wir zur Normalität zurückkehren, sobald die Impfung da ist. Die Idee ist naiv. Das Ende der Pandemie wird schrittweise erfolgen», sagt Ackerman.

«Rund 60 Prozent der Bevölkerung müsste immun sein, durch Impfung oder durchgemachte Infektion. Ab dann wird es schwierig für das Virus», ergänzt Mathys. Auf einer globalen Skala müssten es rund 70 Prozent der Bevölkerung sein.

Wie verhindert die Schweiz eine mögliche dritte Welle?

«Wir können nicht sagen, wie sich die Festtage auswirken werden. Aber wir wissen, dass die ein moderater Anstieg der Zahlen verheerende Folgen haben könnte.»

Wie sinnvoll sind regionale Massnahmen gegenüber gesamtschweizerischen Massnahmen?

«Regionale Massnahmen haben eine höhere Akzeptanz, aber wenn die Inzidenz so hoch ist wie momentan, können überregionale Massnahmen sinnvoll sein», antwortet Ackermann.

Wie kann die Schweiz die Akzeptanz in der Bevölkerung verbessern?

«Essenziell sind hier vor allem klare Signale», sagt Ackermann.

Warum sollte die Schweiz weniger harte Massnahmen ergreifen als das Ausland?

«Die Massnahmen sind nur ein Teil. Der andere ist, wie sie von der Bevölkerung mitgetragen werden. Mit weniger harten Massnahmen als das Ausland ist es der Romandie schon gelungen, die Infektionszahlen zu senken. Es ist schwierig, Länder miteinander zu vergleichen», so Ackermann.

Wieso kommuniziert die Taskforce in letzter Zeit weniger?

«Wir entscheiden selber, wann wir kommunizieren», sagt Ackermann. «Wir sind ein unabhängiges wissenschaftliches Gremium.»

Sind die angedachten Massnahmen des Bundes überhaupt sinnvoll?

«Ja, wenn sie umgesetzt werden», sagt Martin Ackermann. Das zeige auch die Westschweiz.

Fragerunde

Die anwesenden Journalisten bekommen nun die Gelegenheit, Fragen zu stellen.

Drei Tipps für die Psyche

«Wir befinden uns an einem kritischen Punkt in der zweiten Welle», sagt Thomas Steffen, Kantonsarzt Basel-Stadt, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte. «Die Lage ist gefährlich, weil sie instabil ist. Schon überschaubare Veränderungen, wie die Festtage, können weitreichende Folgen haben.»

Bund und Kantone sind daran, neue Massnahmen vorzubereiten. «Die Massnahmen greifen aber nur, wenn wir sie auch ideell mittragen. Wie drücke ich also die Kurve mit nach unten? Es ist sicher nicht einfach, nach Monaten der Pandemie noch Energie zu haben.»

Steffen listet drei mögliche «Energiekiller»:

1) «Ich gebe mir so viel Mühe, die anderen aber nicht»

«Das kann frustrierend sein, muss aber nicht. Die Menschen, die sich aktiv bemühen, sind dafür verantwortlich, die Welt zusammengehalten wird. Sie leisten einen Beitrag dafür, dass Intensivstationen nicht zusammenbrechen. Wir erleben gerade die grösste Krise unserer Generation und werden sie nur bewältigen, wenn wir alle am selben Strick ziehen. Auch wen es anderen egal ist, mein eigener Beitrag ist unendlich wichtig.»

2) «Wir sind doch alles Egoisten»

«Tatsächlich war die Solidarität in der 1. Welle speziell. In der 2. Welle sind wir in einer viel komplexeren Situation. Die Solidarität ist aber auch ein Teil des Alltags geworden, wie beispielsweise das Maskentragen zeigt. Es kamen aber auch viele andere Arten der Solidarität ins Spiel. Die Solidarität, das zeigen mir Beispiele, ist auch in der zweiten Welle noch spürbar.»

3) «Es ist alles so mühsam und kompliziert geworden»

«Wir bekommen viele Rückmeldungen zu den Weihnachts-Massnahmen. Wenn man sich vornimmt, dem Virus keine Chance zu geben, dann geht das einfacher. Beispielsweise, indem man Abstand hält, Maske trägt und viel lüftet. Die Frage sollte nicht sein, was ich darf. Sondern, was ich machen kann, um die Kurve zu senken.»

Armee in sechs Kantonen im Einsatz

Raynald Droz, Brigadier, Stabschef Kommando Operationen, Armee: «Die Armee war bisher in der zweiten Welle in acht Kantonen engagiert. Ab nächster Woche kommt der Kanton Schaffhausen dazu. 63 Anfragen von Spitälern gab es total, davon wurden 23 positiv beantwortet. Aktuell sind noch 530 Armeeangehörige in sechs Kantonen im Einsatz.»

Die gesundheitliche Lage innerhalb der Armee sei unter Kontrolle.

«Der Einsatzrahmen läuft bis am 31. März 2021, wir müssen also stets bereit sein, allfällige weitere Einsätze zu leisten», sagt Droz. Er bedankt sich bei allen Armeeangehörigen, die im Einsatz stehen.

«Wir haben bewiesen, dass es möglich ist»

«Unsere Spitäler sind jetzt schon nahe an der Belastungsgrenze, eine höhere Anzahl Hospitalisierungen hätte gravierende Konsequenzen», sagt Ackermann. Dabei sei es durchaus möglich, die Infektonszahlen zu senken. «Wir haben das vor zwei Wochen bewiesen, dass es möglich ist, die Fallzahlen schnell zu senken», so Ackermann. Dazu brauche es aber die richtigen Massnahmen.

Zur Impfung: «Der Wert von verhinderten Infektionen ist umso höher je näher das Ende der Pandemie ist.» Die Einschränkungen haben derzeit also besonders viel Wert. Zudem werde das wirtschaftliche Risiko für die Schweiz kleiner, denn die Wahrscheinlichkeit mit Corona-Geldern eigentlich nicht überlebensfähigen Firmen zu retten, sinkt ebenfalls.