Deutschlands bekanntester Intensiv-Pfleger – «Corona-Patienten sehen schnell nicht mehr aus, wie sie mal aussahen»
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Deutschlands bekanntester Intensiv-Pfleger «Corona-Patienten sehen schnell nicht mehr aus, wie sie mal aussahen»

Ricardo Lange (40) gilt als Deutschlands bekanntester Intensivpfleger. Jetzt hat er dem «Spiegel» ein emotionales, aufrüttelndes Interview gegeben.

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Nicht wütend auf Ungeimpfte, «eher traurig»: Intensivpfleger Ricardo Lange. 

Nicht wütend auf Ungeimpfte, «eher traurig»: Intensivpfleger Ricardo Lange.

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Lange (40) arbeitet als Intensivpfleger in verschiedenen Berliner Kliniken und ist seit der Corona-Pandemie im ganzen Land bekannt (im Bild: Lange mit dem deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn und Lothar Wiele, dem Chef des Robert Koch-Institutes im April 2021) 

Lange (40) arbeitet als Intensivpfleger in verschiedenen Berliner Kliniken und ist seit der Corona-Pandemie im ganzen Land bekannt (im Bild: Lange mit dem deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn und Lothar Wiele, dem Chef des Robert Koch-Institutes im April 2021)

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Darum gehts

  • Den Intensivpfleger Ricardo Lange kennt Deutschland seit Ausbruch der Corona-Pandemie.

  • Jetzt, wo das Land über 100’000 Corona-Tote beklagt, hat er dem «Spiegel» ein Interview gegeben.

  • Zum Sterben mit Corona sagt er etwa: «Wegen des Organversagens sammelt sich Wasser im Körper an, manchmal sogar in den Augen.»

Einst erhielt Deutschland für seine effektive Pandemie-Bekämpfung international Anerkennung. Doch diese Lorbeeren sind längst verdorrt: Im Zusammenhang mit dem Virus sind mittlerweile über 100’000 Menschen gestorben. Gerade für das Pflegepersonal, das seit zwei Jahren immer wieder an seine Grenzen kommt, dürfte diese hohe Zahl nach allem, was es geopfert hat, nur schwer zu verdauen sein. Unter diesen Fachkräften ist auch Ricardo Lange.

Der 40-jährige Intensivpfleger aus Berlin wurde im ersten Corona-Jahr bekannt, als er in den sozialen Medien emotionale Einblicke in den Alltag der Intensivpflege gab und bessere Arbeitsbedingungen forderte. Seither ist er ein gern gesehener Gast in Talkshows, auf Twitter ist seine Gefolgschaft auf fast 50’000 Follower angewachsen, Lange betreibt einen Podcast und schreibt an einem Buch. Spiegel.de hat er jetzt ein eindrückliches Interview gegeben, aus dem wir in Auszügen zitieren.

Was sagt Lange zu den 100’000 Corona-Toten in seinem Land?

«Einhunderttausend. Das sind Gesichter, Geschichten, das ist dieser eine Anruf von der Tochter, die ihre Mutter wochenlang nicht besuchen durfte, das sind Tränen und Abschiedsszenen in Zimmern und auf Gängen.»

Was belastete ihn als Intensivpfleger letztes Jahr am meisten?

«Dass oft keine Zeit oder kein Raum da war, die Toten sanft zurechtzumachen, das Fenster zu öffnen, damit die Seele rausfliegen kann. Ja, das klingt spirituell, aber das war eben meine Art des Abschiednehmens und des Verarbeitens», sagt Lange. «Ich konnte den eigenen Abschluss immer besser finden, wenn ich den Toten mit Würde behandelt habe, wenn ich den Tod habe stattfinden lassen. Gerade in der Hochphase ging das aber oft nicht.»

Im Vergleich zum letzten Jahr würden heute nicht mehr «so schnell so viele» Menschen wegen oder im Zusammenhang mit Corona sterben. «Trotzdem werden wir hier ein Déjà-vu erleben, dasselbe Déjà-vu, das die Intensivstationen in vielen anderen Städten gerade schon erleben.»

Was ist dieses Jahr anders?

«Die Infizierten sind jünger als letztes Jahr», so Lange. Er geht davon aus, dass das am «deutschen Impfverhalten» liegt: «Auf den Intensivstationen liegen Geimpfte und Ungeimpfte, aber deutlich mehr Ungeimpfte. Und die sind, weil sich sehr, sehr viele alte Menschen haben impfen lassen, meistens jünger: Sie kommen vom Feiern, aus dem Urlaub, haben sich irgendwo da draussen angesteckt.»

Machen Ungeimpfte den Intensivpfleger wütend?

«Eher bin ich traurig. Die Infektion oder der schwere Verlauf wäre vermeidbar gewesen», sagt Lange. Er habe erst neulich gedacht: «Der junge Mann hier ist 30 Jahre alt und liegt da, schwer gezeichnet. Hättest du dich nur sachlicher informiert! Hättest du dich nur nicht von Falschinformationen beeinflussen lassen! Aber ich verurteile niemanden, das überlasse ich Richtern.»

Wie stirbt jemand mit Corona?

«Auch wenn die meisten ersticken, verläuft der Prozess des Sterbens davor sehr unterschiedlich, da ist das Virus sehr tückisch», so Lange. Er berichtet von eigentlich fitten Patienten, von Menschen mit einer Vorerkrankung wie Blutkrebs und von solchen, die wochenlang auf der Intensivstation liegen – und wie sich ihr Zustand enorm schnell, «von hundert auf null», verschlechterte: «Gerade noch unterhalten, im nächsten Moment notfallintubiert.»

Was für fast alle Corona-Kranken auf der Intensivstation gelte: «Sie sehen schnell nicht mehr aus, wie sie mal aussahen. Wegen des Organversagens sammelt sich Wasser im Körper an, manchmal sogar in den Augen. Das Gesicht schwillt bei manchen bis zur Unkenntlichkeit an. Durch die Bauchlagerung löst sich teilweise Haut ab. Alles noch vor dem Tod selbst.»

Wie ist das für die Angehörigen?

«Jetzt, wo Angehörige ja wieder hereingelassen werden, kommen sie. Aber der Abschied ist distanziert, in voller Schutzmontur eben», sagt Lange. Die Stimmung sei extrem gedrückt, Patienten würden oft zu zweit auf einem Zimmer liegen. «Während die einen Abschied nehmen, ein intimer Moment, geht es bei dem anderen schon weiter mit der Routine. Ich muss vielleicht hereinplatzen, Schläuche wechseln, Medikamente geben, während die anderen da noch sitzen und trauern.»

Hat er sich an das Sterben gewöhnt?

«Das werde ich nie.»

Wie lange hält er es auf der Intensivstation als Pfleger noch aus?

«Tja: nicht mehr lang», so Lange. «Ich liebe diesen Beruf, aber so, wie ich ihn mir ganz früher vorgestellt habe. Damals war ich naiv und dachte: In dem Job hilft man Menschen wieder auf die Beine, und was schlecht läuft, das wird sich schon ändern. Heute ist da nur noch Bitterkeit, die Erkenntnis: Es gehört zu diesem Beruf, die eigenen Ideale zu verraten. Ich erlebe zu oft ein Pflegesystem, in dem ich selbst nicht gepflegt werden wollen würde.»

(gux)

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