Aktualisiert 18.05.2020 10:00

Wüste Beschimpfungen

Corona-Pöbler greifen Senioren im ÖV an

Senioren dürfen das Haus wieder offiziell verlassen. Laut Ärzten werden sie in der Öffentlichkeit aber für den Lockdown verantwortlich gemacht und beschimpft.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Für viele Senioren ist die ÖV-Nutzung derzeit alles andere als angenehm. Sie werden teils heftig beschimpft. «Das macht uns grosse Sorgen», so Medizinerin Heike Bischoff-Ferrari.

Für viele Senioren ist die ÖV-Nutzung derzeit alles andere als angenehm. Sie werden teils heftig beschimpft. «Das macht uns grosse Sorgen», so Medizinerin Heike Bischoff-Ferrari.

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Die Pöbler würden den Senioren an den Kopf werfen, dass sie zu Hause bleiben sollten und draussen nichts mehr zu suchen hätten, so Bischoff-Ferrari. «Dabei richtet sich die Empfehlung, weiterhin so wenig wie möglich mobil zu sein, nicht nur an die Mitglieder der Risikogruppe, sondern an alle Menschen.» Nur so liessen sich die Fallzahlen weiterhin niedrig halten.

Die Pöbler würden den Senioren an den Kopf werfen, dass sie zu Hause bleiben sollten und draussen nichts mehr zu suchen hätten, so Bischoff-Ferrari. «Dabei richtet sich die Empfehlung, weiterhin so wenig wie möglich mobil zu sein, nicht nur an die Mitglieder der Risikogruppe, sondern an alle Menschen.» Nur so liessen sich die Fallzahlen weiterhin niedrig halten.

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Aufgrund der Covid-19-Verordnung hatten einige Spitäler in den letzten Wochen 50 bis 90 Prozent der geplanten Operationen absagen müssen.

Aufgrund der Covid-19-Verordnung hatten einige Spitäler in den letzten Wochen 50 bis 90 Prozent der geplanten Operationen absagen müssen.

KEYSTONE/Anthony Anex

Darum gehts

  • Dank der Lockerungen finden in den Spitälern auch wieder Untersuchungen und Therapien statt, die nichts mit Covid-19 zu tun haben.
  • Auch Senioren, die zur Risikogruppe zählen, werden für Kontrolltermine aufgeboten. Viele reisen mit dem ÖV an – und werden angefeindet.
  • Binnen einer Woche wurden in Zürich fünf Senioren so übel beschimpft, dass sie wieder kehrtmachten und den Termin absagten.
  • Das bereitet Medizinern grosse Sorgen.

Weil die Fallzahlen sinken, werden immer mehr Corona-Massnahmen gelockert. Laut dem Bundesamt für Gesundheit dürfen Risikopersonen wieder das Haus verlassen, wenn sie die Hygienemassnahmen einhalten. So können in den Spitälern auch wieder solche Untersuchungen und Therapien durchgeführt werden, die nicht im Zusammenhang mit Covid-19 stehen. Auch durch Sars-CoV-2 besonders gefährdete ältere Menschen werden wieder für Kontrolltermine aufgeboten.

Das Problem: Der Weg zur Untersuchung wird für die Senioren zum Spiessrutenlauf. «Innerhalb der letzten Woche sagten fünf Patienten ihre Termine bei uns ab, weil sie auf dem Weg dorthin aufs Böseste beschimpft wurden», berichtet Heike Bischoff-Ferrari, Direktorin der Klinik für Geriatrie am Universitätsspital Zürich und Chefärztin der Universitären Klinik für Akutgeriatrie im Stadtspital Waid und Triemli. Zwei weitere Patienten seien ob der Anfeindungen auf dem Weg zum Spital völlig aufgelöst gewesen. Auch Pro Senectute stellt eine Enthemmung gegenüber Senioren fest (siehe Box).

Heike Bischoff-Ferrari ist Direktorin der Klinik für Geriatrie am Universitätsspital Zürich und Chefärztin der Universitären Klinik für Akutgeriatrie im Stadtspital Waid und Triemli.

Heike Bischoff-Ferrari ist Direktorin der Klinik für Geriatrie am Universitätsspital Zürich und Chefärztin der Universitären Klinik für Akutgeriatrie im Stadtspital Waid und Triemli.

Sabina Bobst/Lunax

Wüste Beschimpfungen

«Das macht uns grosse Sorgen», so die Professorin. Vor allem, da viele Ältere in den Wochen des Lockdowns aus Angst vor Covid-19 nicht zum Arzt gegangen seien, obwohl sie sich krank fühlten oder Schmerzen gehabt hätten. «Jetzt nehmen sie all ihren Mut zusammen und werden angegriffen.» Die teilweise wüsten Beschimpfungen gingen allesamt von jungen Menschen aus, darunter auch von Müttern mit Kindern.

Das macht uns grosse Sorgen.

Heike Bischoff-Ferrari, Professorin für Geriatrie und Altersforschung

Diese würden den Senioren an den Kopf werfen, dass sie zu Hause bleiben sollten und draussen nichts mehr zu suchen hätten, so Bischoff-Ferrari. «Dabei richtet sich die Empfehlung, weiterhin so wenig wie möglich mobil zu sein, nicht nur an die Mitglieder der Risikogruppe, sondern an alle Menschen.» Nur so liessen sich die Fallzahlen weiterhin niedrig halten.

Masken als Zeichen der Solidarität

Dass die Senioren den Weg zum Doktor wie vom Bundesamt für Gesundheit empfohlen mit dem eigenen Auto oder Taxi bestreiten, hält die Medizinerin für unmöglich: «Viele haben keinen Führerschein mehr, und nicht alle könnten sich ein Taxi auch leisten.» Sie seien schlichtweg auf den ÖV angewiesen.

Da der Aufenthalt in Menschengruppen ohne Zweifel ein Ansteckungspotenzial birgt, achten Bischoff-Ferrari und ihre Kollegen darauf, die Termine für Hochrisikopatienten nicht in die Stosszeiten zu legen. «Ausserdem schicken wir ihnen vorab Hygienemasken zu, die sie auf dem Weg zu uns tragen sollen.» Schliesslich empfehle das BAG diese in all jenen Situationen zu tragen, «in denen das Distanzhalten von zwei Metern nicht möglich ist». Und das sei besonders im ÖV der Fall.

«Leider sieht man dort sehr wenige Maskenträger» , so die Medizinerin. Dabei wäre das Tragen von Masken im ÖV ein wertvolles Zeichen der Solidarität – schliesslich schütze man damit andere und auch sich selbst, unabhängig vom Alter. Eine Maskenpflicht könnte laut Bischoff-Ferrari Abhilfe schaffen: «Aktuell schämen sich noch viele Menschen, eine Maske aufzusetzen – weil sie damit aus der Masse herausstechen würden.»

«Mehrere hundert Zuschriften»

Während anderen medizinischen Einrichtungen wie die Kantonsspitäler St. Gallen und Luzern oder die Spitäler Schaffhausen derartige Vorkommnisse noch nicht zu Ohren gekommen sind, hat Pro Senectute diesbezüglich «mehrere hundert Zuschriften» erhalten, wie Mediensprecherin Tatjana Kistler sagt. Die älteren Menschen würden sich, so der Vorwurf, aus der Pflicht nehmen und sich nicht an die Verhaltensempfehlungen halten. «Wir bedauern, dass dieser Eindruck bei einem Teil der Bevölkerung entsteht, und haben kein Verständnis dafür, wenn der Vorwurf in ehrverletzender Weise geäussert wird.» Zumal die Kritik unberechtigt sei: Senioren hätten – wie alle anderen Altersgruppen auch – das Recht, vor die Tür zu gehen. Wichtig sei, dass dabei die Hygieneregeln und Verhaltensempfehlungen eingehalten würden. Auch das gelte für alle.

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325 Kommentare
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Die kleine Zeitung ist dafür m

19.05.2020, 10:43

Monatelang wurde hier die Jungen gegen die Alten aufgehetzt. Meine Mutter (88) wurde am Samstag von einer Gruppe Antifa-Pöblern bespuckt und beschimpft... Soviel zur viel gepredigten Solidarität. Danke Herr Berse t

m.h.

19.05.2020, 08:16

Gewissen Leuten hat es das Hirn rausgepustet.....Ich wurde von Senioren dumm angemacht....beim normalen Laufen auf dem Trottoir für die Sekunde in der man keine 2m Abstand hat..ich hatte weder gehustet noch Mund offen und die fauchen Abstand halten.....hätte am liebsten gesagt Mund zu sonst stecken Sie mich noch an.....

Schibli Walter

19.05.2020, 07:16

Dabei wäre es jetzt gerade gut die Senioren wären wieder mehr unterwegs und bringen Ihr Geld unter die Leute, als Erwachsenen Sportleiter weiß ich wie viel die Senioren ausgeben z.B. beim Wandern, Velo fahren, Schneeschuh wandern oder im Winter auch beim Ski fahren nur schon der ÖV verdient viel Geld mit den Senioren.