Jungparteien haben Zulauf: Corona-Schock politisiert die Jugend
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Jungparteien haben ZulaufCorona-Schock politisiert die Jugend

Die Corona-Pandemie traf gerade junge Erwachsene hart. Um sich Gehör zu verschaffen, sind Hunderte wegen Corona einer Jungpartei beigetreten.

von
Carla Pfister
Pascal Michel
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Mira Meyer wurde durch Corona politisiert. Im August ist die 22-Jährige in die Juso eingetreten.

Mira Meyer wurde durch Corona politisiert. Im August ist die 22-Jährige in die Juso eingetreten.

Juso
Die Juso verzeichnet seit Corona einen Mitgliederzuwachs von zehn Prozent.

Die Juso verzeichnet seit Corona einen Mitgliederzuwachs von zehn Prozent.

Tamedia AG
Auch die Junge SVP konnte neue Mitglieder gewinnen. 

Auch die Junge SVP konnte neue Mitglieder gewinnen.

zvg

Darum gehts

  • Die meisten Jungparteien verzeichnen seit Corona ein Mitgliederwachstum.

  • Der Präsident der Jungen SVP ist überzeugt, dass dies am regierungskritischen Kurs liegt.

  • Ein neues Juso-Mitglied erzählt, dass Corona ihr gezeigt habe, wie ungerecht das System sei.

  • Ein Jugendforscher schätzt ein, wie nachhaltig die Politisierung durch Corona sein wird.

Lockdown, Kurzarbeit, Fernunterricht: Die Corona-Pandemie hat den Alltag aller radikal umgekrempelt. Besonders die Jugendlichen und jungen Erwachsenen leiden unter den sozialen Einschränkungen. Der Frust entlud sich nicht zuletzt mit Zwischenfällen am Zürcher Stadelhofen. Das Virus und die politischen Auseinandersetzungen über Massnahmen und Lockerungen sorgten aber auch dafür, dass die Jungparteien mehr Neueintritte verbuchen.

«Die Junge SVP wächst seit Corona deutlich», bestätigt Präsident David Trachsel. «In 75 Prozent der Kantone nehmen die Mitgliederzahlen zu, während sie beim Rest konstant bleiben.» Konkrete Zahlen nennt er nicht. Er sieht Corona als klaren Treiber der Neueintritte. «Da wir am Entschiedensten das Ende des Lockdowns fordern, erleben wir ein Wachstum. Es treten auch Leute ein, die zuvor wenig Sympathien für die SVP hatten.» Die Jugend werde durch die Massnahmen der Regierung pauschal mitgestraft und ihrer Zukunft beraubt, sagt Trachsel.

«Anliegen der Jungen werden ignoriert»

Er nennt das Beispiel einer jungen Frau aus dem Kanton Zürich, die sich bisher als eher «unpolitisch» bezeichnet hatte. «Die Corona-Politik fand sie dann so daneben, dass sie bei der jungen SVP Mitglied wurde und sich nun mit Enthusiasmus engagiert», so Trachsel.

Von Zukunftsraub spricht auch Matthias Müller von den Jungfreisinnigen Schweiz, dessen Partei seit der Pandemie um 200 Mitglieder auf insgesamt 4200 gewachsen ist. «Die Jugend ist eine der grössten Verliererinnen. Ihre Anliegen werden ignoriert. Deshalb setzen wir uns für Lockerungen und Perspektiven ein. Das wird gesehen und gehört», ist er überzeugt. Da die Junge BDP und die Junge CVP sich kürzlich zur Jungpartei «Mitte» zusammengeschlossen haben, steigen die Mitgliederzahlen bei ihnen ebenfalls. Ob ein Zusammenhang zu Corona besteht, bleibt offen. 537 Neumitglieder zählt die neue Jungpartei seit dem 1. März 2020. Einen Anstieg ohne detaillierte Zahlen vermeldet die Junge GLP seit zwei Jahren.

Grüne und Juso zählen je 4000 Mitglieder

Auch bei den Linken hat Corona für Mitglieder-Zuwachs gesorgt. Die Jungen Grünen konnten seit März 2020 insgesamt 671 Neumitglieder gewinnen. Zurzeit zählt die Partei 4007 Mitglieder.

Bei den Jungsozialisten sind vor allem Lernende und Fachangestellte Gesundheit eingetreten, sagt Präsidentin Ronja Jansen. Um zehn Prozent sind die Mitgliederzahlen der Juso seit Corona gewachsen, auf insgesamt 4200 Mitglieder.

«Grossunternehmen machen Profite, während junge Arbeitnehmende mit Lohneinbussen kämpfen», erklärt sich Jansen den Trend. Soziale Ungleichheit bewog auch Mira Meyer (22) aus Zürich zum Engagement. Im Sommer wurde sie Mitglied – und stieg rasch auf: Seit November sitzt sie bereits im Vorstand der JUSO Stadt Zürich. Sie sei davor zwar politisch, jedoch inaktiv gewesen, erzählt sie.

Den Corona-Moment, der sie politisiert hat, beschreibt Meyer so: «Aufgefallen ist mir, dass normalerweise die Gesundheitsfachleute kaum geschätzt werden, wir sie jetzt aber dringender denn je brauchen. Darin erkannte ich grundsätzliche Probleme in unserem System, wo eine Krise der anderen folgt. Daran wollte ich grundsätzlich etwas ändern.»

Krisen wie Corona als Initialzündung

Martina Mousson vom Forschungsinstitut gfs.bern weist darauf hin, dass bereits vor der Pandemie und noch vor der Klimabewegung eine Politisierung der Jugend eingesetzt habe. «Politik ist nicht mehr so uncool wie zuvor», erläutert Mousson.

Diese könne in eine Parteimitgliedschaft münden, aber auch in eine Demo-Teilnahme – was allerdings zur Zeit kaum möglich ist. «Mit der Klimabewegung gewann das linke Spektrum, nun könnte während Corona eine Gegenbewegung entstehen: Die SVP äussert sich sehr klar und präsentiert den Jungen auch gleich die Verantwortlichen, die für den aktuellen Frust sorgen.»
Jugendforscher Luca Bertossa nennt einen weiteren Grund: «Die Tatsache, dass die Coronavirus-Krise Freunde, Beruf und Freizeit stark tangiert und zu Einschränkungen oder Lebensplanänderungen mit vielleicht langfristigen Konsequenzen führt, kann als ein weiterer, zentraler Ansporn für den politischen Einstieg einiger angesehen werden.»

Hat Corona das Potenzial, eine ganze Generation nachhaltig zu politisieren? Potenziell ja, glaubt Mousson. «Die Jugend ist bereits politisierter als noch vor ein paar Jahren wegen der Klimabewegung. Nun kommt zusätzlicher Schub durch Direktbetroffenheit rein.» Skeptischer ist Bertossa. «Da hinter einem Parteibeitritt ein Überlegungsprozess und das Teilen gewisser Grundwerte steckt, dürfte man zwar schon davon ausgehen, dass die meisten auch in der Zeit nach Corona ihre Parteimitgliedschaft verlängern werden.» Viele werden laut Bertossa aber auf eine aktive Partizipation in institutioneller Form verzichten, ist die Coronavirus-Krise einmal vorbei.

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

Deine Meinung

214 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

unschön

24.02.2021, 00:29

Vom Design her eine Bilderbuchlinke

Übel K.

23.02.2021, 21:11

Wie lange dauert es noch, bis sich die nicht-Impfwilligen oder die, welche sich wegen Vorerkrankungen oder anderer Medikation nicht impfen lassen dürfen einen Stern am Kleid tragen müssen?

Charakterprüfung

23.02.2021, 13:40

Wenn die Jugend wieder lernt, dass es Situationen gibt, aus denen man sich nicht freikaufen kann, in denen nur das eigene Handeln im rechten Augenblick zählt, man nichts aussitzen kann und kein Versprechen hilft, dann ist vieles gewonnen. Dann hat die neue Generation mehr gelernt, als ihre Eltern- und Grosseltern.