03.06.2020 08:30

Studie

Corona setzt Spitalpersonal psychisch stark zu

Im Rahmen der Corona-Pandemie werden laut einer Studie beim Klinikpersonal vermehrt psychische Störungen festgestellt. Stress und Ungewissheit sind die Auslöser dafür.

von
Claudius Seemann
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Das Arzt- und Pflegepersonal in der Schweiz war in den letzten Monaten stark gefordert. Die Ungewissheit über den Verlauf der Pandemie und die Vielzahl an Intensivpatienten brachte die Pflegenden an ihre Belastungsgrenzen.

Das Arzt- und Pflegepersonal in der Schweiz war in den letzten Monaten stark gefordert. Die Ungewissheit über den Verlauf der Pandemie und die Vielzahl an Intensivpatienten brachte die Pflegenden an ihre Belastungsgrenzen.

Foto: Keystone / Anthony Anex
Eine Studie von Psychologen der Hochgebirgsklinik Davos zeigt nun, wie stark die Krise den Spitalangestellten zusetzt.

Eine Studie von Psychologen der Hochgebirgsklinik Davos zeigt nun, wie stark die Krise den Spitalangestellten zusetzt.

KEYSTONE/Arno Balzarini
In einer ersten Erhebung weisen rund 15 Prozent des befragten Klinikpersonals aus der ganzen Schweiz Anzeichen einer Depressionen auf, 8 Prozent zeigten eine Anpassungsstörung.

In einer ersten Erhebung weisen rund 15 Prozent des befragten Klinikpersonals aus der ganzen Schweiz Anzeichen einer Depressionen auf, 8 Prozent zeigten eine Anpassungsstörung.

KEYSTONE/Laurent Gillieron

Darum gehts

  • Die Corona-Krise setzte dem Schweizer Gesundheitspersonal psychisch zu.
  • 15 Prozent weisen laut einer Studie Anzeichen von Depressionen auf, wie eine Studie aus der Hochgebirgsklinik in Davos zeigt.
  • Die Lebensveränderung und der Stress seien wesentliche Faktoren für die psychischen Störungen.
  • Beim Pflegeverband sagt man, dass vor allem die Unsicherheit den Pflegenden zu schaffen gemacht habe.

Das Arzt- und Pflegepersonal in der Schweiz war in den letzten Monaten stark gefordert. Die Ungewissheit über den Verlauf der Pandemie und die Intensivpatienten brachte das Klinikpersonal an seine Belastungsgrenzen. Eine Studie von Psychologen der Hochgebirgsklinik Davos zeigt nun, wie stark die Krise den Spitalangestellten zusetzt.

In einer ersten Erhebung der Langzeitstudie weisen rund 15 Prozent des befragten Klinikpersonals aus der Deutschschweiz Anzeichen von Depressionen auf. 8 Prozent zeigen Anzeichen einer Anpassungsstörung, das heisst eine psychische Reaktion auf ein kritisches Lebensereignis. Diese Häufigkeiten liegen klar über dem Durchschnitt der Allgemeinbevölkerung aus Vor-Corona-Zeiten. Somit stehen sie im Einklang mit Corona-Studien aus dem asiatischen Raum, die auf eine erhöhte psychische Belastung des medizinischen Personals während der Corona-Pandemie hinweisen.

Das Risiko für eine psychische Störung erhöht sich zudem, wenn man bereits vorbelastet ist. Bei den meisten Befragten zeigt sich auch: Sie hatten mehr Angst davor, dass ihre Familie an Corona erkranken könnte, als sich selbst zu infizieren.

Lebensveränderung als Belastung

«Beim Klinikpersonal wie auch in der Allgemeinbevölkerung stellen wir momentan eine hohe Häufigkeit von psychischen Störungen fest», sagt Sandy Patsch-Krammer, Psychologin und Leiterin der Studie, gegenüber 20 Minuten. Das betroffene Klinikpersonal zeige in erhöhtem Ausmass Anzeichen von Erschöpfung, sei depressiv, schreckhaft, schlafe schlecht oder sei von Ängsten geplagt. Was laut Patsch-Krammer zum Problem werden könnte, ist, dass Personen mit psychischen Störungen öfter bei der Arbeit ausfallen. «Das könnte auch wirtschaftliche Auswirkungen haben. Es bleibt daher abzuwarten, wie sich die psychischen Belastungen entwickeln.»

Doch warum führt diese ausserordentliche Situation in erhöhtem Mass zu psychischen Störungen beim Pflegepersonal? «Während dem Lockdown lag eine drastische Lebensveränderung für uns alle vor», erklärt Patsch-Krammer. «Gerade das Pflegepersonal spielte in dieser Zeit eine sehr wichtige Rolle und war einer hohen Belastung und Stress ausgesetzt. Es kam zu vielen Veränderungen bei der Arbeit, neue Schichten, neue Arbeitsorte, neue Aufgaben.»

Alkohol zur Ablenkung?

Die Betroffenen versuchen laut Patsch-Krammer auf unterschiedliche Art und Weise, mit den psychischen Belastungen und Ängsten umzugehen. «Manche fangen an, Dinge positiv umzustrukturieren, was gut ist, oder aber sie scheinen vermehrt Alkohol zu konsumieren, um mit unangenehmen Gefühlen umzugehen.»

Die Psychologin rät daher zum Gespräch, wenn man sich psychisch belastet fühlt: «Es ist wichtig, dass man sich traut, über seine Probleme zu sprechen. Es ist völlig in Ordnung, wenn man Ängste und Sorgen im Rahmen dieser ungewöhnlichen Lage hat.»

«Ungewissheit löst Ängste aus»

Zu den Ängsten und Problemen der Pflegenden sagt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Pflegeverbandes: «Die Corona-Zeit war ein Stresstest. Es war aber vor allem die grosse Unsicherheit, die es auszuhalten galt.» Man habe nie genau gewusst, was noch kommen werde. «Es war belastend, an die Bilder aus Bergamo zu denken, und nicht zu wissen, ob das am eigenen Arbeitsplatz auch so aussehen wird», erklärt Ribi. Für das Personal auf einer Covid-Station sei es schliesslich mit umso mehr Stress verbunden gewesen, denn der Krankheitsverlauf von Covid-19 sei oft lange und anspruchsvoll.

Auch die 12-Stunden-Schichten hätten dem betroffenen Pflegepersonal einiges abverlangt. «Darum ist es wichtig, dass man auch genug Ruhezeiten hat, um Energie zu tanken.» Für den Pflegeberuf ist eine gewisse persönliche Robustheit wichtig, aber die letzten Monate seien eine Ausnahmesituation gewesen. «Man lernt in der Ausbildung zwar Strategien zu entwickeln, um mit Belastungssituationen umzugehen, doch die letzten Wochen war sehr herausfordernd», sagt Ribi.

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60 Kommentare
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Eidgenossin

04.06.2020, 03:53

In der Schweiz hatten die Spitäler Kurzarbeit weil viele Behandlungen, Untersuchungen, Operationen wegen Covid nicht durchgeführt wurden, zudem waren glücklicherweise die IPS wegen Covid nicht überfüllt! Ich denke, wir hatten unsagbares Glück das wir nicht zustände wie in Italien hatten!

Eidgenossin

04.06.2020, 03:49

Ich denke die Coronakrise war/ist für alle schwierig, ganz besonders für uns Berufstätige!

mm

03.06.2020, 11:37

@nur so: um die die Kurzarbeit hatten und jetzt mehr arbeiten müssen um die Minusstunden aufzuholen?