24.08.2020 02:57

Schon ab 6 MonatenCorona-Skeptiker toben wegen Babyimpfung


Corona und Influenza könnten im Winter das Gesundheitssystem an den Anschlag bringen. Dies soll eine breite Grippeimpfung schon für Kinder ab sechs Monaten verhindern.

von
Pascal Michel
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Das BAG nimmt bei der diesjährigen Kampagne für die Grippeimpfung die Kinder in den Fokus.

Das BAG nimmt bei der diesjährigen Kampagne für die Grippeimpfung die Kinder in den Fokus.

Foto: Imago/Westend61
Schon Säuglinge ab 6 Monaten sollen geimpft werden.

Schon Säuglinge ab 6 Monaten sollen geimpft werden.

Keystone
Impfungen bei Kleinkindern sind in der Bevölkerung jedoch höchst umstritten.

Impfungen bei Kleinkindern sind in der Bevölkerung jedoch höchst umstritten.

Keystone

Darum gehts

  • Das BAG plant im Winter eine Impfoffensive zur Grippe, um Spitäler wegen Corona zu entlasten.
  • Teil der Kampagne sind Kinder: Säuglinge sollen schon mit 6 Monaten geimpft werden.
  • Eltern und Impfgegner fürchten bleibende Schäden und einen Schritt Richtung Impfzwang.
  • Ein Experte warnt, das BAG könne durch die Kampagne das Skeptiker-Lager stärken.
  • Führende Kinderärzte sind für eine breite Grippeimpfung.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) will in diesem Jahr ein Viertel der Schweizer Bevölkerung gegen die saisonale Grippe impfen. Bisher waren es rund 15 Prozent. Die Impfung soll verhindern, dass eine Grippewelle in Kombination mit der allfälligen zweiten Corona-Welle das Gesundheitssystem im Winter überlastet.

Wie die «SonntagsZeitung» berichtet, nimmt das BAG bei der diesjährigen Kampagne die Kinder bei der Grippeimpfung in den Fokus. Schon Säuglinge ab 6 Monaten sollen geimpft werden (siehe Box).

Der Schwerpunkt der diesjährigen Grippeimpfung liegt darauf, möglichst die Kinder, die mit Risikogruppen in Kontakt stehen, zu impfen. Wie 20 Minuten weiss, steht die Kampagne unter dem Slogan «Schutz gegen Grippe» statt wie bisher «Impfen vor der Grippe».

33 Meldungen wegen Komplikationen

Impfungen bei Kleinkindern sind in der Bevölkerung jedoch höchst umstritten. So sind Grippeimpfstoffe erst für Kinder ab 6 Monaten zugelassen, weil ansonsten noch Daten fehlen. Allgemein gab es laut Swissmedic im Jahr 2018 33 Meldungen von Kindern bis 11 Jahren, bei denen beim Impfen unerwünschte «Ereignisse» aufgetreten waren. Über alle Altersgruppen hinweg meldete Swissmedic 6 Fälle von schwerwiegenden Fällen nach einer Grippeimpfung. Dies bedeutet: Die Komplikationen verliefen tödlich, machten einen Spitalaufenthalt nötig oder waren lebensbedrohlich.

Der Aufschrei von Eltern und den Corona-Skeptikern ist dementsprechend gross. Letztere mobilisieren schon seit Monaten gegen einen vermeintlichen «Impfzwang», sollte dereinst ein Corona-Impfstoff verfügbar sein. Das BAG hat bereits mit dem Hersteller Moderna einen Vertrag über 4,5 Millionen Corona-Impfdosen abgeschlossen. Ein «Corona-Skeptiker schreibt auf Telegram: «Einem 6 Monate alten Kind eine Grippe-Impfung geben? Drehen die da oben komplett durch?»

Eine Mutter schreibt auf Facebook: «Ich hoffe, dass sich junge Eltern von einem gesunden Menschenverstand leiten lassen.» Auch die 20-Minuten-Leser sind skeptisch: Nur 16 Prozent würden ihr Baby gegen Grippe impfen.

«Heikle Strategie»

Für Kommunikationsexperte Marcus Knill ist klar, dass das BAG nach den verschiedenen Kommunikationspannen viel an Glaubwürdigkeit verspielt hat. «Jetzt bei der Grippeimpfung Babys ins Zentrum zu stellen, ist da natürlich heikel: Einerseits reagieren Eltern sehr emotional, andererseits gibt es Impfskeptikern Futter, weiter gegen Grippe- und später auch Corona-Impfungen mobil zu machen.»

Es sei deshalb zentral, jegliche verfügbaren Fakten zur Grippeimpfung bei Kleinkindern auf den Tisch zu legen. «Ansonsten treibt die Kampagne Unentschlossene ins Lager der Impfskeptiker – auch bei der Corona-Impfung», sagt Knill. Damit die Kampagne glaubwürdig sei, dürfe nichts beschönigt werden: «Die grosse Mehrheit, die das Beste für ihr Kind will, muss davon überzeugt werden, dass diese Impfung ungefährlich ist und ein wichtiger Beitrag gegen die Grippe- sowie die mögliche zweite Corona-Welle.»

Das spricht für Impfung bei Kindern

Zur Kritik wollte sich das BAG auf Anfrage nicht äussern. Für eine Impfung von bereits kleinen Kindern spricht jedoch generell, dass der Impfstoff bei Kindern sehr gut wirkt. 90 Prozent der Kinder und jungen Erwachsenen sind nach einer Impfung vor einer Infektion geschützt und übertragen sie so auch nicht an Erwachsene.

Ebenfalls für eine Grippeimpfung bei Kindern sprechen sich die führenden Kinderärzte aus. Heidi Zinggeler Fuhrer, Vizepräsidentin des Verbands Haus- und Kinderärzte Schweiz, sagt: «Wir müssen alles dafür tun, dass Arztpraxen und Spitäler im Winter Kapazität für Corona-Patienten haben.» Eine Impfung bei möglichst vielen Kindern sei deshalb zielführend, weil diese sehr oft Erwachsene ansteckten.

Die Experten des Bundes betonen in der Broschüre «Kinder impfen? Ja!», dass die natürliche Widerstandskraft, die die Mutter dem Kind mitgibt, nur wenige Monate anhalte. Deshalb seien frühe Impfungen notwendig.

Zwar sei keine Impfung ohne Risiko, schreiben auch die Experten. «Aber die Gefahren sind viel geringer als bei einer natürlichen Erkrankung. Schwerwiegende unerwünschte Nebenwirkungen treten bei weniger als einer von 100’000 Anwendungen auf.» Heidi Zinggeler ergänzt: «Impfschäden sind ausgesprochen selten. Man muss unterscheiden zwischen Impfschäden und Impfnebenwirkungen. Kurzzeitiges Fieber ist nur eine ungefährliche Nebenwirkung, eine Reaktion des Immunsystems.»

Das sagt das BAG

Auf Anfrage präzisiert das BAG seine Empfehlung bezüglich Säuglingen: «Was Impfungen für Säuglinge ab 6 Monaten anbelangt, hat sich an den Empfehlungen des BAG gegenüber dem Vorjahr nichts geändert.» Laut Empfehlung raten die Behörden demnach Säuglingen ab 6 Monaten, die ein erhöhtes Übertragungs- und Komplikationsrisiko haben, zur Impfung. https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/gesund-leben/gesundheitsfoerderung-und-praevention/impfungen-prophylaxe/impfungen-fuer-saeuglinge-und-kinder.html Neu ist an der aktuellen Kampagne, dass sie dieses Jahr den Fokus auf alle legt, die mit Risikopersonen (Ältere, Chronischkranke und Schwangere) Kontakt haben.

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1035 Kommentare
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twin mom

25.08.2020, 21:03

Ich sehe das Problem nicht (auch wenn ich die Empfehlung daneben finde), kann ja jeder machen wie er will. meine Kinder (16mt) werden ganz sicher nicht geimpft, was andere machen ist mir egal.

Arzt

25.08.2020, 20:53

Dass solch kleine Kinder schon mit solch vielen "Aufgaben" zu tun haben kann nicht gut sein. Es gibt nur noch Kombinationsimpfungen, Einzelimpfungen fast nicht mehr erhältlich. Diese Tatsache hat nichts mit der aktuellen Situation zu tun mit Covid-19. Aber auch dort, aufgepasst mit den zu kurzen Sicherheitsplänen. Autoimmungreaktionen sind die grossen Probleme bei Impfungen. Siehe wissenschaftlicher Artikel in Bezug auf das "Golfkriegssyndrom". Dabei wurden Impfstoffe mit einem Träger verwendet, der nicht einmal für Tierversuche zugelassen wurde - Squalen. Zudem handelt es sich bei der aktuellen Diskussion um RNA Impfstoffe, nie würde ich eine solche Impfung zur Zeit akzeptieren, dann würde ich lieber meine Zulassung als Arzt verlieren. Über Impfungen wird leider zu polemisch und emotional diskutiert - die Sicherheit bleibt auf der Strecke. Ich anerkenne jedoch die Impferfolge gegen viele "Krankheiten", mögliche Folgen davon bleiben jedoch oft im grauen/unklaren Bereich (bspw MS, etc)

Hans

25.08.2020, 18:08

Bevor ihr etwas schreibt, solltet ihr unbedingt den Artikel GENAU DURCHLESEN.