18.11.2020 04:50

Ethiker sprechen Klartext«Corona-Skeptikern ein Intensivbett zu verweigern, ist ein No-go»

Der Vorschlag von Gesundheitsökonom Willy Oggier, Corona-Kritikern bei Engpässen keine Behandlung zukommen zu lassen, führt bei Medizinethikern zu einem Aufschrei.

von
Daniel Graf
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Die Frage, wer das letzte Bett auf der Intensivstation erhalten soll, wenn es wirklich so weit kommt, ist nicht einfach zu beantworten. 

Die Frage, wer das letzte Bett auf der Intensivstation erhalten soll, wenn es wirklich so weit kommt, ist nicht einfach zu beantworten.

KEYSTONE
Der Gesundheitsökonom Willy Oggier hat nun eine brisante Forderung gestellt.

Der Gesundheitsökonom Willy Oggier hat nun eine brisante Forderung gestellt.

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Er schlägt vor, dass Corona-Skeptiker, wie verzeigt wurden, weil sie gegen die Hygiene- und Abstandsmassnahmen verstossen haben, im Ernstfall kein Bett erhalten.

Er schlägt vor, dass Corona-Skeptiker, wie verzeigt wurden, weil sie gegen die Hygiene- und Abstandsmassnahmen verstossen haben, im Ernstfall kein Bett erhalten.

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Darum gehts

  • Der Gesundheitsökonom Willy Oggier forderte, Corona-Skeptikern bei Engpässen kein Bett auf der Intensivstation zur Verfügung zu stellen, wenn diese bewusst die Hygiene- oder Abstandsmassnahmen nicht befolgt hatten.

  • Er argumentiert mit dem Verursacherprinzip: Wer sich nicht an die Regeln halte, trage zur Überlastung bei und solle folglich im Notfall keinen Platz erhalten.

  • Die Medizinethik hält von diesem Vorschlag nichts: In der Schweiz herrsche Konsens darüber, dass eine Triage ausschliesslich nach gesundheitlichen Kriterien vorgenommen werden soll.

Wer absichtlich gegen die Hygiene- und Abstandsregeln verstösst, soll bei Engpässen im Spital sein Recht auf einen Platz auf der Intensivstation verlieren. Diesen Vorschlag äusserte der Gesundheitsökonom Willy Oggier gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Er spaltet selbst Corona-Kritiker. So sagt etwa der Satiriker Andreas Thiel gegenüber 20 Minuten: «Von diesem Vorschlag halte ich gar nichts. Ich persönlich würde den Verzicht auf eine Intensivbehandlung aber unterschreiben, weil ich kein Risikopatient bin.»

Eine klare Haltung hat die Medizinethik zu dieser Thematik, wie eine Umfrage unter Experten zeigt: «Als ich das Interview von Herrn Oggier heute Morgen gelesen habe, hat mich das sehr überrascht», sagt etwa Nikola Biller-Andorno, Direktorin des Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte der Universität Zürich: «Dass jemand aufgrund seines Verhaltens oder seiner moralischen Einstellung eine schlechtere gesundheitliche Behandlung bekommt, ist ein komplettes No-go.» So gebiete schon das ärztliche Standesrecht, dass alle Patienten mit gleicher Sorgfalt zu behandeln seien, und zwar ungeachtet von sozialer Stellung und Fragen der Gesinnung.

«Triage nur nach gesundheitlichen Kriterien»

Auch die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) unterstützt Oggiers Ansatz nicht: «Triage soll ausschliesslich nach gesundheitlichen Kriterien erfolgen und nicht nach solchen weltanschaulicher, religiöser oder politischer Natur», sagt Thomas Gruberski, Leiter des Ressorts Ethik.

Ruth Baumann-Hölzle, Leiterin der Stiftung Dialog Ethik, drückt es so aus: «In der Schweiz muss Nothilfe unabhängig vom Verhalten oder dem Versicherungsschutz jedem Menschen gewährt werden. Gesundheit ist nicht nur ein privates, sondern auch ein öffentliches Gut, und das ist eine Frage der Menschenwürde.» Andernfalls dürfte man auch keine Bergsteiger oder Autofahrer nach einem Selbstunfall mehr retten und den Lungenkrebs eines Rauchers nicht mehr behandeln. «In einem humanen Staat kann niemand durch sein Handeln sein Recht auf Nothilfe verwirken. Deshalb haben auch alle Häftlinge in der Schweiz Anspruch auf medizinische Behandlung, Pflege und Betreuung», sagt Baumann-Hölzle.

Willy Oggiers Reaktion auf die Kritik an seiner Aussage sehen Sie im Video.

Seit Jahrzehnten Konsens

Dass die Medizinethik sich mit solchen Fragestellungen auseinandersetzt, ist nichts Neues. «Erstmals ist das in der 60er-Jahren aufgekommen», sagt Biller-Andorno. Damals hätten Komitees die Frage diskutiert, wer vorrangig von den neuartigen Dialysegeräten profitieren solle. Auch bei Organtransplantationen stelle sich die Frage: «Auch dort sind die Ressourcen begrenzt, die Frage, wer etwa ein Spenderherz bekommt, entscheidet oft über Leben und Tod. Aus medizinethischer Sicht soll derjenige ein Spenderherz bekommen, der es am dringendsten braucht und den meisten Nutzen davon hat. Diskriminierung aufgrund von sozialen Kriterien kommt nicht infrage.»

Oggiers Aussage ist für Biller-Andorno noch in einer weiteren Hinsicht problematisch: «Alleine die Tatsache, dass eine solche Forderung ausgesprochen wird, kann einen Kollateralschaden für den Diskurs mit sich bringen.» Die Gesellschaft brauche einen zivilisierten, kritischen Diskurs im Umgang mit der Corona-Krise. «Durch solche Aufrufe werden aber alle Kritiker in eine Ecke gedrängt. Das ist genau der falsche Ansatz», ist Biller-Andorno überzeugt.

«Hochkomplexe Debatte»

Ähnliche Fragestellungen wie bei Oggiers Aussage stellen sich laut Thomas Gruberski auch im Zusammenhang mit den Möglichkeiten genetischer Tests. «Dabei können Risiken oder Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Erkrankungen ans Licht kommen, und dazu gibt es viele Gedankenspiele», sagt Gruberski. Ein Beispiel: «Nehmen wir an, ein Bekannter von Ihnen hat einen Test gemacht, der ein hohes Risiko für eine Nierenerkrankung voraussagt. Er verzichtet auf präventive Massnahmen. Zehn Jahre später braucht er eine Spenderniere. Soll die Krankenkasse die Behandlung bezahlen?»

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Diese Fragen seien ausserordentlich schwierig zu beantworten und letztlich fast grenzenlos: «Bestrafen Sie die starke Raucherin, die an einer Lungenerkrankung leidet? Oder den Übergewichtigen mit den Gelenkschäden und das Unfallopfer einer Risikosportart?» Solche Fragen kann laut Gruberski weder eine Krankenkasse noch eine Akademie abschliessend klären. «Es wären, wenn, dann gesamtgesellschaftliche Entscheidungen, denen eine lange und hochkomplexe Debatte vorausgehen müsste.»

«Brauchen bessere Daten für Prognosen»

Medizinethiker sind sich einig: Menschen aufgrund ihrer Corona-skeptischen Haltung eine Behandlung auf der Intensivstation zu verweigern, ist ein No-go. «Das ändert aber nichts daran, dass jeder sich ohne Angabe von Gründen freiwillig dazu entscheiden kann, eine solche Behandlung abzulehnen», sagt Nikola Biller-Andorno, Direktorin des Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte der Universität Zürich. Wichtig wäre für sie in diesem Zusammenhang, dass insbesondere ältere Menschen und Risikopatienten mehr Hilfestellungen für die Entscheidung gegeben wird. «Es gibt viele, die nicht kategorisch Ja oder Nein sagen zu einer künstlichen Beatmung. Sie möchten aber wissen, wie ihre Chancen stehen, diese zu überleben, und wie gross das Risiko ist, danach mit Beeinträchtigungen leben zu müssen.» Deshalb ist es für Biller-Andorno wichtig, dass mit den vorhandenen Daten zumindest ungefähre Prognosen erstellt würden. «Wenn der Arzt mir sagt, dass die Überlebenschance bei 10 bis 30 Prozent liegt, ist das doch ein sehr gewichtiger Unterschied im Vergleich zu einer ungefähren Chance von 70 bis 90 Prozent.»

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