Science Task Force - Corona-Taskforce des Bundes warnt vor Spitalkollaps im Dezember
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Science Task ForceCorona-Taskforce des Bundes warnt vor Spitalkollaps im Dezember

Auf 23 Seiten warnt die Corona-Taskforce vor einem Horrorszenario: Schon im Dezember müssten die Spitäler triagieren. Die Experten fordern wieder schärfere Massnahmen.

von
Daniel Krähenbühl

Expertinnen und Experten des Bundes informierten am Dienstag über die Corona-Situation in der Schweiz.

20 Minuten

Darum gehts

  • Die Swiss National Covid-19 Science Task Force vergleicht die Corona-Situation in der Schweiz mit jener in Österreich vor einigen Wochen.

  • Ab Dezember befindet sich die Schweiz in einer ähnlichen epidemiologischen Situation wie Österreich, so die Prognose.

  • Mit Booster- und neuen Impfungen könnten jedoch Zehntausende Hospitalisationen vermieden werden, so die Task Force.

Die nationale Covid-19 Science Task Force zeichnet in ihrem neuesten wissenschaftlichen Update ein düsteres Bild: Da in der Schweiz die Corona-Fälle jede Woche um 40 Prozent zunehmen, steige auch die Zahl der neuen Hospitalisierungen aktuell um 40 Prozent pro Woche. «Somit erwarten wir eine Verdoppelung der neuen Hospitalisierungen nach zwei Wochen», schreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die epidemiologische Situation in der Schweiz entwickle sich im Moment – mit einer zeitlichen Verzögerung von rund drei bis fünf Wochen – ähnlich wie jene in Österreich.

«Die bestätigten Fälle und Hospitalisationen nahmen in den vergangenen Wochen in den beiden Ländern mit einer ähnlichen Wachstumsrate exponentiell zu.» Bei gleichbleibender Dynamik sei zu erwarten, dass in der Schweiz im Laufe des Dezembers eine ähnliche epidemiologische Situation vorliegen werde wie aktuell in Österreich.

Kritische Grenze bald erreicht

Wie die Science Task Force im Bericht festhält, seien momentan rund 160 IPS-Betten von Covid-19-Patientinnen und -Patienten belegt, ab 200 komme es zu Verschiebung von Eingriffen: «Sobald mehr als 200 Intensivplätze durch Covid-19-Patientinnen und -Patienten belegt sind, ist mit regelmässigen regionalen und überregionalen Transfers von Patientinnen und Patienten zu rechnen.» Ausserdem sei damit zu rechnen, dass bei hoher Inzidenz Mitarbeitende des Gesundheitswesens wegen einer Covid-19-Infektion trotz Impfung in die Isolation müssten. «Damit wird das noch einsatzfähige Personal erneut über das normale Mass hinaus mit Arbeit eingedeckt, was potentiell zu einem Absinken der Qualität führen kann.»

Ab 300 Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf den Intensivstationen werde sich das oben genannte Szenario noch weiter verschärfen: «Die Verfügbarkeit von Intensivbehandlungsplätzen wird so knapp, dass Patientinnen und Patienten länger auf einen Intensivbehandlungsplatz warten müssen.» Dies habe zur Folge, dass Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen früher auf Normalstationen verlegt werden, und dass implizite Triage stattfindet (siehe Box).

Ab 400 und mehr Covid-19-Patientinnen und -Patienten und gleichzeitig zwischen 350 bis 450 Nicht-
Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf den Intensivstationen seien die mit dem vorhandenen Intensivfachpersonal betreibbaren Intensivbetten gesamtschweizerisch ausgeschöpft, so die Task Force. Alle nicht dringlichen Interventionen würden gestoppt, Hilfspersonal werde in grösserem Stil auf den Intensivstationen eingesetzt und die Behandlungsqualität würde weiter sinken. «Die Intensivstationen werden mit allen Mittel versuchen, eine explizite Triage zu verhindern, mit dem Aufbau von Zusatzkapazitäten und indem sie das Verhältnis zwischen der Anzahl der Behandelnden und der Anzahl Patientinnen und Patienten massiv reduzieren.»

Was ist eine Triage?

Bei einer Triage müssen Ärztinnen und Ärzte aufgrund Kapazitätsengpässen – etwa Ressourcen- oder Platzmangel – entscheiden, welche Patientinnen oder Patienten priorisiert behandelt werden und welche nicht. Im schlimmsten Fall können die Triage-Entscheidungen dazu führen, dass in der Folge Menschen sterben, die unter normalen Umständen gerettet werden könnten.

Erst vor einem Jahr hat die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften die Triage-Richtlinien überarbeitet. Die Richtlinien besagen, dass – wenn infolge völliger Überlastung der Intensivkapazitäten – Patientinnen und Patienten, die eine Intensivbehandlung benötigen, abgewiesen werden müssen, die kurzfristige Überlebensprognose für die Triage entscheidend ist. Die Fachpersonen erhalten zudem die Vorgabe, so zu entscheiden, dass die grösstmögliche Anzahl von Leben gerettet wird. Werden Spitalkapazitäten trotz mangelnden Personals jedoch ausgeweitet, können damit die üblichen Behandlungsqualitätsstandards nicht eingehalten werden. In diesem Fall steigt das Risiko der impliziten – also ethisch inkorrekten – Triage.

Impfgeschwindigkeit bei Boostern wichtig

Wie die Task Force betont, vermeiden Erst-, Zweit- und Drittimpfungen Krankheitsfälle nachhaltig. So zeigten internationale und schweizerische Daten, dass der Schutz vor Hospitalisation kurz nach der zweiten Impfdosis 90 bis 95 Prozent beträgt. «Das bedeutet, dass Ungeimpfte nach einer Infektion zehn bis zwanzig Mal wahrscheinlicher aufgrund von COVID-19 hospitalisiert werden müssen als Geimpfte.» Während der Schutz in der jüngeren Bevölkerung noch sehr hoch sei, falle die Schutzwirkung in der älteren Bevölkerung nach vier bis sechs Monaten jedoch auf 60 bis 80 Prozent ab, was zu vermehrten Spitalaufenthalten von doppelt Geimpften in dieser Altersklasse führe.

«Mit dem Verabreichen einer dritten Impfdosis wird dieser Schutz wieder auf mindestens 95% angehoben.» Das Ausmass des positiven Effekts einer dritten Impfdosis auf Hospitalisationen und Ansteckungen hänge jedoch von der Impfgeschwindigkeit ab. Wenn die meisten Geimpften eine dritte Impfdosis erhalten, bevor sie infiziert werden, könnten damit in der Schweiz rund 10’000 bis 20’000 Hospitalisierungen bei Menschen über 70 verhindert werden. Würden sich auch die noch nicht Geimpften vor einer allfälligen Infektion doppelt impfen, reduziere sich die Krankheitslast um weitere 10’000 bis 20’000 Hospitalisierungen.

Experten fordern Massnahmen

Am wöchentlichen Point de Presse machten die Experten des Bundesamts für Gesundheit und der Taskforce klar, dass aus epidemiologischer Sicht jetzt wieder Massnahmen nötig sind: «Wir müssen den Anstieg der Infektionszahlen jetzt verlangsamen», sagte Taskforce-Präsidentin Tanja Stadler. Welche Massnahmen das sein werden, müsse die Politik entscheiden. Patrick Mathys sagte aber, die bewährten Massnahmen seien bekannt: «Es geht darum, Kontakte zu reduzieren und die Kontakte, die stattfinden, sicherer zu machen.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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