Folgen der Pandemie - «Corona-Verlierer werden vermehrt kriminell sein»
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Folgen der Pandemie«Corona-Verlierer werden vermehrt kriminell sein»

Im Jahr 2020 erreichte die Zahl der Verurteilungen ein Allzeittief. Ein Soziologe rechnet jedoch damit, dass der Trend bald kehren könnte.

von
Bettina Zanni
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«Menschen, die schon vor der Krise wenig Geld hatten und durch die Krise noch mehr kämpfen müssen, könnten vermehrt Diebstähle begehen», sagt Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

«Menschen, die schon vor der Krise wenig Geld hatten und durch die Krise noch mehr kämpfen müssen, könnten vermehrt Diebstähle begehen», sagt Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

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«Die Schweiz ist friedlicher geworden», bestätigt Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) aktuell jedoch.

«Die Schweiz ist friedlicher geworden», bestätigt Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) aktuell jedoch.

ZHAW
2020 registriert das Bundesamt für Statistik (BFS) rund 95’000 und damit elf Prozent weniger Verurteilungen von Erwachsenen als im Vorjahr.

2020 registriert das Bundesamt für Statistik (BFS) rund 95’000 und damit elf Prozent weniger Verurteilungen von Erwachsenen als im Vorjahr.

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Darum gehts

  • Im Jahr 2020 gab es elf Prozent weniger Verurteilungen als im Vorjahr.

  • «Die Schweiz ist friedlicher geworden», sagt ein Soziologe und Kriminologe.

  • Durch die Corona-Krise rechnet er aber mit vermehrt kriminellem Verhalten.

Die neusten Zahlen zu den Verurteilungen befinden sich in allen Bereichen im Sinkflug. 2020 registriert das Bundesamt für Statistik (BFS) rund 95’000 und damit elf Prozent weniger Verurteilungen von Erwachsenen als im Vorjahr. Am stärksten zurück gingen die Verurteilungen wegen Verstössen gegen das Ausländer- und Integrationsgesetz (17 Prozent). Bei den Strafen kommt das BFS zudem zum Schluss, dass Freiheitsstrafen von mindestens zwei Jahren am wenigsten (-27 Prozent) verhängt wurden.

Ein Blick auf die Kurve der letzten Jahre (siehe Grafik in der Bildstrecke oben) zeigt, dass die aktuellen Zahlen bei den Verurteilungen nach den wichtigsten Gesetzen an einen Abwärtstrend anknüpfen. «Die Schweiz ist friedlicher geworden», bestätigt Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Polizei leiste bessere Arbeit

Grund dafür sei unter anderem, dass die Polizei noch bessere Arbeit leiste und sich die Menschen vor Kriminalität besser schützten, so Baier. «Zum Beispiel setzen sie einbruchsichere Fenster und Türen ein.»

Als weiteren entschärfenden Faktor beurteilt Baier das Internet. «Wut und Aggressionen haben sich vermehrt ins Netz verlagert.» Dabei sei der Schritt von der verbalen zur physischen Gewalt gross und werde selten begangen. Das Corona-Jahr 2020 (siehe Box) hat laut Baier den bestehenden Trend verstärkt. «Durch die sozialen Einschränkungen sank das Kriminalitätspotenzial zum Beispiel im Bereich des Diebstahls automatisch.»

Gewalt sei weniger möglich gewesen

Mindestens zweijährige Freiheitsstrafen werden etwa für schwere Körperverletzung, versuchten Totschlag, Raub und Einbrüche verhängt. Hier lasse sich der Effekt der Pandemie allerdings noch nicht klar erkennen, da sich die Urteile zum Teil auf das Jahr 2019 und damit nicht auf die Pandemie bezögen. «Fakt ist aber, dass es während der Pandemie weniger möglich war, dass Leute abends zusammen in einer Bar etwas trinken, woraus sich zum Teil gewalttätige Auseinandersetzung entwickeln können.»

Da sich die Menschen zudem mehr zuhause aufhielten, sind laut Baier auch Einbrüche seltener vorgekommen. Nicht auf die Pandemie zurück führt Baier die tiefe Zahl der Verurteilungen im Zusammenhang mit dem Ausländer- und Integrationsgesetz. Die Migration habe in den Jahren 2015 und 2016 ihren Höhepunkt erreicht. «Je weniger Menschen zuwandern, desto tiefer ist die Zahl der illegalen Grenzübertritte.»

«Perspektiven verschlechtern sich»

Der Soziologe und Kriminologe rechnet jedoch damit, dass sich das Blatt künftig wenden könnte. «Nach der Phase des Rückgangs erwartet die Schweiz wohl eine Phase des Anstiegs», sagt Baier. In den nächsten zwei, drei Jahren werde die Corona-Krise wirtschaftliche Spuren hinterlassen.

«Für Leute, die wenig haben und schon wenig hatten, verschlechtern sich die Perspektiven», sagt Baier. Diese gesellschaftlichen Verlierer der Krise würden in der Folge vermehrt kriminelles Verhalten zeigen. «Menschen, die schon vor der Krise wenig Geld hatten und durch die Krise noch mehr kämpfen müssen, könnten vermehrt Diebstähle begehen.»

In der Pandemie bildeten sich auch neue politisch aktive Gruppen heraus, zum Beispiel Massnahmen-Kritiker und Verschwörungstheoretiker. Dass diese Gruppen künftig die Statistik der Verurteilungen auch in die Höhe treiben wird, glaubt Baier jedoch nicht. «Wenn die Schweiz die Pandemie im Griff hat, haben diese Gruppen ihren Erzfeind verloren und kümmern sich wieder um ihren Alltag.»

Einfluss der Pandemie

Das Bundesamt für Statistik (BFS) hält für möglich, dass die Corona-Pandemie einen grossen Einfluss auf die Verurteilungszahlen gehabt hat. Die aktuelle Statistik liefere aber noch kein abschliessendes Bild. Erst wenn alle Straftaten aus dem Jahr 2020 abgehandelt worden seien, könne beurteilt werden, ob es wirklich zu weniger Straftaten gekommen sei oder nur ein Rückstand beim Erledigen der Strafverfahren der Grund sei.
Ein anderes Bild zeigte der Jahresbericht der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Diesem zufolge wurden 2020 fast neun Prozent mehr schwere Gewaltstraftaten verzeigt. Darunter fallen insbesondere versuchte Tötungsdelikte, Vergewaltigung und schwere Körperverletzung. Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), geht davon aus, dass erst die Verurteiltenstatistik des Jahres 2021 die Effekte des Corona-Jahres 2020 und den leichten Gewaltanstieg sichtbar machen werden.

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