09.11.2020 08:24

Das sagt die Corona-Jugend«Corona versaut mir meinen ersten Ausgang»

Einige vermissen das Partyleben, andere waren noch gar nie im Ausgang: Die Corona-Massnahmen schränken das Leben von jungen Menschen stark ein. Wir haben gefragt: Wie geht es euch damit?

von
Remo Schraner
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«Ich finde es total blöd, dass ich wegen der Corona-Massnahmen an meinem 18. Geburtstag keine grosse Party feiern konnte», sagt Giulia (18).

«Ich finde es total blöd, dass ich wegen der Corona-Massnahmen an meinem 18. Geburtstag keine grosse Party feiern konnte», sagt Giulia (18).

zVg
Tamira (19) findet es «beschämend», dass Gleichaltrige das Tragen der Maske «geil» finden.

Tamira (19) findet es «beschämend», dass Gleichaltrige das Tragen der Maske «geil» finden.

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«Ich fühle mich vom Bund im Stich gelassen!», sagt Andy (16). «Wegen der Corona-Massnahmen habe ich Depressionen.»

«Ich fühle mich vom Bund im Stich gelassen!», sagt Andy (16). «Wegen der Corona-Massnahmen habe ich Depressionen

zVg

Darum gehts

  • Junge Menschen leiden besonders unter den Corona-Massnahmen.

  • Die Chatberatung der Pro Juventute stieg um 170 Prozent im Vorjahresvergleich.

  • 20 Minuten hat neun Personen zwischen 16 und 23 Jahren gefragt: Wie geht es euch?

Andy (16)

«Wegen der Corona-Massnahmen habe ich Depressionen. Angefangen hatte es im Lockdown. Ich war regelrecht zu Hause eingesperrt: Ich durfte meine Freunde nicht mehr sehen und konnte nichts mehr machen, was Spass macht. Ich fragte mich, wofür es sich noch zu leben lohnt. Da ich oft an Suizid dachte, begann ich mit einer Psychotherapie. Dort lerne ich nun, wie ich mit der momentanen Situation umgehen kann. So habe ich mich dazu entschieden, mich weiter politisch zu engagieren, indem ich mit Politikern Kontakt aufnehme. Ich will ein Sprachrohr für die Jugend sein. Denn ich fühle mich vom Bund im Stich gelassen! Diese soziale Abkapselung ist für uns junge Menschen nicht gesund! Und warum müssen wir auf unsere Freizeit verzichten, gehen aber normal arbeiten? Das geht für mich nicht auf.»

Tamira (19)

«Ich habe die Nase langsam gestrichen voll. Ich finde es beschämend, dass Gleichaltrige das Maskentragen sogar noch ‹geil› finden. Es ist sehr frustrierend, nichts mehr richtig machen zu können. Überall wird man mit irgendwelchen Corona-Massnahmen konfrontiert. Das ist sehr einengend, und es ‹glustet› mich gar nicht mehr, am Wochenende etwas auswärts mit Freunden zu unternehmen. Was sollten wir denn auch machen? Diese Einschränkungen nehmen mir meine Lebensfreude. Es stresst mich, dass ich wegen der Corona-Massnahmen auf schöne Erlebnisse verzichten muss.»

Giulia (18)

«Ich finde es total blöd, dass ich wegen der Corona-Massnahmen an meinem 18. Geburtstag keine grosse Party feiern konnte: Meine Freunde und ich kauften Tickets für ein Konzert, doch dann wurde es wegen der Massnahmen abgesagt. Ich war noch nie im Ausgang und freute mich darauf – und Corona versauts mir dann! Schlussendlich wurde es trotzdem ein schöner Geburtstag, aber halt im kleinen Rahmen.»

Gina (18)

«Da ich ohnehin schon psychische Probleme habe, ist die momentane Situation für mich sehr schwierig durchzustehen. Es gibt keine Events und keine Partys, die mir helfen, mich nicht alleine zu fühlen. Viele Leute verstehen das nicht, dass das belastend ist. So liege ich in meiner Freizeit oft im Bett und schaue Netflix.»

Till (19)

«Ich vermisse die Zeit im Ausgang – auch wenn man am nächsten Tag Kopfschmerzen hat, war es immer ein grosser Spass. Mit meinen Freunden halte ich virtuell Kontakt, meist beim Onlinegaming. Ich wäre sogar dafür, dass man schärfere Massnahmen erlässt, damit der Spuk schneller ein Ende hat.»

Fiona (20)

«Vor der Corona-Zeit ging ich oft in den Ausgang. Das Partyleben vermisse ich sehr. Ich verschwende meine besten Jahre, indem ich zu Hause sitze und mich alleine betrinke – das macht ja keinen Spass! Zudem kann ich meinen Hobbys nicht wie gewohnt nachgehen. So müssen wir in der Pfadi alle – selbst draussen – eine Maske tragen. So macht das keinen Spass mehr. Mein Leben besteht momentan aus Schlafen, Essen, Arbeiten und alleine sein. Ich hoffe sehr, dass der normale Alltag bald wieder möglich ist.»

Flurin (21)

«Ein grosser Teil von uns Jungen ist vernünftig und hält sich an die Regeln. Jedoch fehlen uns der Ausgang und die gemeinsame Zeit sehr. Bis jetzt konnte man noch zusammen etwas trinken gehen oder etwas unternehmen – doch seit den neuesten Massnahmen geht das nicht mehr. Darum müssen wir unsere Kollegen halt illegal treffen. Einmal gingen wir auf ein Maiensäss und grillierten zusammen. Wir waren insgesamt 20 Freunde. Es ist nicht toll, solche Regeln zu brechen, aber was sollen wir tun? Ich habe es satt, dass ‹die Jungen› als Sündenbock herhalten müssen.»

Michael (23)

«Das soziale Leben hat bei mir einen sehr hohen Stellenwert. Ich brauche den physischen Kontakt zu anderen Menschen. ‹Sehen und gesehen werden›, wie man so schön sagt. Ich verstehe es, wenn die älteren Generationen wenig Verständnis für unsere Frustration haben. Wir mussten noch nie in unserem Leben auf etwas verzichten. Das erklärt auch, weshalb es uns so schwerfällt, die Situation zu akzeptieren. Wir müssen lernen, mit diesen Einschränkungen leben zu können. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass es in einem Jahr besser werden wird.»

20-Minuten-Leser* (20)

«Warum müssen wir Jungen uns einschränken, die Alten sich aber nicht? Das macht mich unglaublich wütend. Denn mir scheint, dass sich das Freizeitleben der Rentner kaum verändert hat: Noch immer sehe ich viele Senioren-Wandergruppen. Es müsste klare Einkaufszeiten für die Senioren geben, und sie dürften zu Stosszeiten den ÖV nicht benutzen. So könnten wir Jungen unser Leben weiterführen, und die Spitäler wären trotzdem nicht überlastet.»

*Name der Redaktion bekannt

«Das BAG muss spezifischer mit den Jungen kommunizieren»

Thomas Brunner, Leiter Beratung bei der Pro Juventute.

Thomas Brunner, Leiter Beratung bei der Pro Juventute.

Herr Brunner, die Corona-Massnahmen gelten für uns alle. Warum haben aber viele junge Menschen Mühe damit?

Thomas Brunner: Für einen 18-Jährigen kann sich ein Sommer ohne Open Airs und Partys schon so anfühlen, als würde er seiner Jugend beraubt. Junge Menschen suchen die Gemeinschaft – das gehört zur Jugend. Sie wollen die Welt entdecken. Doch die Corona-Massnahmen verhindern dies nun.

Wieso aber sollen die Einschränkungen die Jungen härter treffen als Erwachsene?

Junge Menschen konstruieren ihr Selbstbild über die Interaktion mit anderen. Konkret: Sie machen sich für den Ausgang oder die Schule hübsch. Dieses «sehen und gesehen werden» ist Teil ihres Selbstwerts. Die Massnahmen erschweren diesen Teil.

Erklärt das die Wut, von der die Jungen oft reden?

Ja, unter anderem. Denn all das, was für sie bis anhin normal und auch wichtig für die Entwicklung war, wie eine stürmische Umarmung zur Begrüssung, Handshakes oder das Teilen einer Flasche Bier, wird durch die Massnahmen nun als etwas Gefährliches eingestuft.

Was würde ihnen helfen?

Sie müssen den Sinn der Beschränkungen verstehen. Die Aussage «Befolgt die Massnahmen, damit ihr andere schützt» reicht da nicht.

Sondern?

Man muss einen Bezug zu ihnen selbst herstellen. Also: Befolgt die Massnahmen, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird und auch ihr bei Bedarf medizinisch versorgt werden würdet.

Sollte das BAG die Massnahmen besser erklären?

Es sollte spezifischer mit der jungen Zielgruppe kommunizieren, ja. Die Piktogramme und Pressekonferenzen sind gut, aber die Jugendlichen werden damit zu wenig erreicht.

Im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet die Pro Juventute eine Zunahme von Beratungsgesprächen auf allen Kanälen – die Chatberatung stieg um 170 Prozent.

Dir oder jemandem, den du kennst, geht es nicht gut?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Pro Juventute, Tel. 147

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