«Bald wieder 1000 Fälle» - Corona-Zertifikat könnte auch in Büro und Beiz zur Pflicht werden
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«Bald wieder 1000 Fälle»Corona-Zertifikat könnte auch in Büro und Beiz zur Pflicht werden

Die Taskforce warnt vor einer heftigen vierten Corona-Welle. Für Experten und Expertinnen ist es an der Zeit, dass Ungeimpfte zum Schutz der Allgemeinheit eingeschränkt werden.

von
Claudia Blumer
Daniel Graf
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Das Covid-Zertifikat könnte bald auch beim Restaurantbesuch oder am Arbeitsplatz Anwendung finden. 

Das Covid-Zertifikat könnte bald auch beim Restaurantbesuch oder am Arbeitsplatz Anwendung finden.

20min/Michael Scherrer
Heute wird das Zertifikat vor allem für Grossanlässe verwendet – wenn die Saison wieder losgeht, etwa auch, um wieder ins Fussballstadion zu können. 

Heute wird das Zertifikat vor allem für Grossanlässe verwendet – wenn die Saison wieder losgeht, etwa auch, um wieder ins Fussballstadion zu können.

20min/Michael Scherrer
Noch bewegen sich die Hospitalisationen und Todesfälle laut Patrick Mathys vom BAG auf sehr tiefem Niveau. 

Noch bewegen sich die Hospitalisationen und Todesfälle laut Patrick Mathys vom BAG auf sehr tiefem Niveau.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Taskforce-Vize Samira Hurst warnte am Point de Presse von Dienstag: Fällt die vierte Covid-Welle heftig aus, könnte es mehr Hospitalisationen und Todesfälle geben als im ganzen bisherigen Verlauf der Pandemie.

  • Noch bewegen sich die Spitaleinlieferungen auf sehr tiefem Niveau – die Fallzahlen explodieren aber bereits wieder, noch diese Woche könnte die 1000er-Grenze überschritten werden.

  • Massnahmen, um die vierte Welle abzuwenden, gibt es verschiedene. Experten und Expertinnen beurteilen, wie wahrscheinlich ihre Umsetzung ist und was sie bringen würden.

«Wenn sich ein Grossteil der nicht geimpften Menschen ansteckt, kann die Anzahl Kranker, Hospitalisierter und Toter in Zukunft höher sein, als es bisher in der Pandemie der Fall war.» Das sagte Taskforce-Vizepräsidentin Samira Hurst am Point de Presse vom Dienstag.

Patrick Mathys vom BAG sagte, bereits diese Woche könnte die Schwelle von 1000 Neuinfizierten pro Tag wieder überschritten werden. Es gebe erste Hinweise darauf, dass sich der Anstieg auch auf die Hospitalisationen auswirken werde. Die Spitaleinweisungen seien aber noch sehr tief, klare Aussagen zur Entwicklung liessen sich noch nicht machen.

Damit die Schweiz nicht in eine heftige vierte Welle, vorwiegend unter den Ungeimpften, läuft, stehen folgende Massnahmen zur Diskussion:

Zertifikat am Arbeitsplatz

Valentin Vogt, Präsident des Arbeitgeberverbands, fordert bei 20 Minuten, dass der Chef oder die Chefin von den Mitarbeitenden ein Covid-Zertifikat verlangen kann, wenn die Fallzahlen wieder steigen. Arbeitnehmer mit Zertifikat würden bevorzugt behandelt, sie müssten etwa keine Maske tragen. Personen ohne Zertifikat müssten in einem separaten Raum essen.

Epidemiologe Marcel Tanner stimmt dem zu. Solche Massnahmen seien im Ermessen der Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen, die je nach Arbeitsplatzsituation und Durchimpfungsrate entscheiden müssten. Eine Trennung von Geimpften und Nicht-Geimpften habe nichts mit Diskriminierung zu tun, sagt Tanner. Sondern mit Verantwortung. «Die staatlich verordneten Massnahmen werden jetzt - nachdem der Staat Impfung und Tests zur Verfügung gestellt hat - sukzessive abgebaut. Im gleichen Zug wird die Verantwortung auf Individuen und Unternehmen übertragen.»

Kritischer ist Jürg Utzinger, Direktor der Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts: «In vielen Berufen muss ich an den Arbeitsplatz gehen, deshalb finde ich das heikel. Ausserdem kann man sich hier auch mit den bekannten Schutzkonzepten, also Abstand halten, Hygieneregeln einhalten, regelmässiges Lüften und, falls angezeigt, Makentragen, gut schützen.»

Zertifikat im Restaurant

Für Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, käme eine Ausweitung des Covid-Zertifikats infrage, wenn die Lage sich verschlechtert – etwa auch auf den Restaurantbesuch.

Auch dies befürwortet Marcel Tanner. «Ein Restaurantbesuch ist kein Grundrecht.» Dasselbe gelte für ein Konzert oder für sonstige Freizeitveranstaltungen. Es sei aber nicht Sache des Bundes oder der Kantone, die Zertifikatspflicht auszuweiten. Sondern der Betriebe sowie der Leute selber. «Wenn sich jeder einem Antigen-Schnelltest unterzieht, bevor er an einen Anlass geht, leistet er einen riesigen Beitrag zur Pandemiebekämpfung.»

Dem schliesst sich Utzinger an: «Ein Restaurantbesuch ist freiwillig und das Restaurant kann und soll selber entscheiden, ob es eine Zertifikatspflicht einführen will. Als Gast will ich ein Essen geniessen und dazu gehört, dass ich mich sicher fühle.»

Rückkehr der Maskenpflicht

Die Bestimmungen zur Maskenpflicht wurden vielerorts gelockert. Für Utzinger ist es zentral, dass verschiedene Faktoren berücksichtigt werden, um die Lage ständig einzuordnen und wenn nötig die Maskenpflicht wieder zu verschärfen: «In geschlossenen, schlecht durchlüfteten Räumen ist erwiesen, dass die Maskenpflicht hilft. Im Herbst könnte also etwa eine Verschärfung in den Fitnesszentren wieder angezeigt sein.»

Clubschliessungen

«Bei Grossveranstaltungen mit Zertifikat sind Personen, die nicht geimpft oder genesen sind, sondern sich haben testen lassen, ein gewisses Risiko», sagte Samira Hurst am Point de Presse. Je stärker die Fallzahlen steigen, desto grösser werde das Risiko, dass negativ Getestete trotzdem ansteckend seien. Dies treffe insbesondere auf jüngere Menschen zu, die noch dazu eine relativ tiefe Impfquote aufweisen.

Man solle die Clubs nicht schliessen, sagt Marcel Tanner. Sondern beim Einlass ein Zertfikat verlangen. «Man muss das Zertifikat breiter nutzen», sagt Tanner. Das habe nichts mit einer Diktatur zu tun, sondern mit der Nutzung der vorhandenen Möglichkeiten. «Die Bundesrats-Politik zielt nun dahin, die Möglichkeiten wie Testen, Impfen, Zertifikate breiter zu nutzen, um die Wiedereinführung von flächendeckenden Massnahmen zu verhindern.»

Utzinger ergänzt: «Junge Menschen, die im Club tanzen gehen wollen und nicht geimpft sind, dasfür aber ein negatives Testresultat vorweisen, wissen, dass sie ein gewisses Risiko einer Infektion in Kauf nehmen. Das liegt dann in ihrem eigenen Ermessen, aber die Clubs müssen deswegen nicht geschlossen werden.» Solange das Gesundheitssystem nicht Gefahr laufe, überlastet zu werden und wenn alle sich haben impfen lassen können, sei es nicht mehr Aufgabe des Staates, jeden und jede Einzelne zu schützen.

Zertifikat auf längeren Zugreisen

In Frankreich dürfen ab August – das genaue Datum ist noch nicht bekannt – längere Zugreisen nur noch mit Zertifikat angetreten werden. Davon ausgenommen ist der Nahverkehr. In der Schweiz ist der öffentliche Verkehr im vom Bundesrat festgelegten Grünen Bereich, wo es kein Zertifikat braucht. Die Einführung dieser Massnahme ist also unwahrscheinlich.

Die Zertifikatspflicht in Zügen sei «eine gute Sache», sagt jedoch Epidemiologe Marcel Tanner. Die SBB könnten eine analoge Regelung seiner Ansicht nach einführen, oder auch Regionalbahnen in der Schweiz.

Impfprämien

Mehrere Länder haben auf Impfprämien gesetzt, um die Impfbereitschaft zu steigern. In Griechenland erhalten junge Menschen etwa eine Karte mit 150 Euro, wenn sie sich impfen lassen. Utzinger schliesst das nicht aus: «Gerade die jungen Menschen mussten in dieser Krise auf sehr viel verzichten und konnten sich erst vor Kurzem impfen lassen. Sie etwa mit einem Railway-Gutschein dafür zu entschädigen, dass sie mithelfen und sich impfen, ist eine Option, die durchaus geprüft werden soll.»

Impfpflicht für das Pflegepersonal

Verschiedene Länder haben eine Impfpflicht für das Pflegepersonal verhängt. Auch in der Schweiz hat die erste Privatklinik diese Massnahme angekündigt. Das aber staatlich zu erlassen, kann sich Utzinger «schlicht und einfach nicht vorstellen»: «Das ist nicht der Schweizer Weg. Ich finde das nicht korrekt und bin überzeugt, dass es andere Wege gibt.»

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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