25.03.2020 16:06

Bettler (40) erzählt

«Corona zwingt mich wohl, kriminell zu werden»

Es ist leer geworden auf den Schweizer Strassen. Das hat auch Auswirkungen auf Obdachlose und Drogensüchtige. Der randständige Juri (40) erzählt.

von
gwa
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Das Leben auf der Strasse ist wegen des Coronavirus härter geworden, erzählt der Randständige Juri.

Das Leben auf der Strasse ist wegen des Coronavirus härter geworden, erzählt der Randständige Juri.

20 Minuten/gwa
Seit der Bund strenge Auflagen erlassen hat, sind weniger Menschen unterwegs. Genügend Geld für Essen oder die Notschlafstelle aufzutreiben sei schwierig geworden.

Seit der Bund strenge Auflagen erlassen hat, sind weniger Menschen unterwegs. Genügend Geld für Essen oder die Notschlafstelle aufzutreiben sei schwierig geworden.

20 Minuten/gwa
Seit etwas mehr als dreieinhalb Jahren lebt der 40-Jährige in Luzern auf der Strasse.

Seit etwas mehr als dreieinhalb Jahren lebt der 40-Jährige in Luzern auf der Strasse.

20 Minuten/vro

Seit etwas mehr als dreieinhalb Jahren lebt Juri (40) auf der Strasse. Das Leben sei in der letzten Zeit härter geworden, sagt der Randständige im Interview.

Wie hat sich dein Leben in den letzten Tagen und Wochen verändert?

Ich lebe vom Betteln und habe sonst kein Einkommen. Pro Tag bringe ich inzwischen pro Tag schätzungsweise 50-mal weniger Geld zusammen als üblich. In der letzten Zeit reicht es oft nicht fürs Essen oder die Notschlafstelle.

Wie reagieren die Leute auf dich?

Viele Menschen gehen mir aus dem Weg: Sie wechseln die Strassenseite oder die Richtung, wenn sie mich sehen. Sie haben wohl das Gefühl, dass ich sowieso dreckig und infiziert bin. Das ist kein Aufsteller. Viele, die mir sonst immer wieder mal einen Batzen gegeben haben, geben nun nichts mehr. Ich muss mir relativ viele Beleidigungen anhören wie zum Beispiel: «Gott brachte das Virus, damit Leute wie du verrecken.» Einmal hat auch jemand etwas Münz auf die Strasse geworfen und gesagt: «Lies das auf, du Hund, und verrecke dabei.»

Was empfindest du, wenn so etwas passiert?

Es ist sehr belastend. Ich habe eine relativ dicke Haut wegen meiner Vergangenheit und lebe nun schon dreieinhalb Jahre auf der Strasse. Aber jetzt komme ich immer mehr an meine Grenzen.

Wie kommst du denn über die Runden?

Wenn es so weitergeht, dann bin ich mehr und mehr dazu gezwungen, kriminell zu werden. Ich will das nicht, ich bin ein ehrlicher Mensch. Aber mir bleibt eigentlich keine andere Wahl. Ich musste auch schon etwas zu essen stehlen. Gut geht es mir dabei aber nicht. Ich will das Gesetz nicht brechen – und ins Gefängnis gehen will ich natürlich auch nicht.

Kriegst du Unterstützung von der Gassenarbeit?

Sie tun ihr Bestes und halten die Gassenküche so lange geöffnet wie möglich. Aber auch die Hände der Gassenarbeiter sind gebunden. Sie können ja die Regeln des Bundes nicht missachten. Die Zeit zum Essen und die Anzahl Plätze sind wegen der Abstandsregel beschränkt. Auch in den Räumen, in denen man Stoff konsumieren darf, ist die Platzzahl beschränkt.

Wie ist die Stimmung unter den Randständigen und Süchtigen?

Die Atmosphäre ist sehr aggressiv geworden. Es wird gewalttätiger, Stoff wird geklaut. Gestohlen wurde zwar schon früher, jetzt ist es aber schlimmer geworden. Man muss extrem aufpassen. Wenn du eine Sekunde wegschaust, sind deine Sachen weg. Die Süchtigen haben Angst, keinen Stoff mehr zu bekommen. Es ist extrem schwierig geworden, etwas zu organisieren. Beim Drogenhandel wird man auch mehr gelinkt. Anstatt Base bekommt man vielleicht ein Kieselsteinchen. Anstatt Sugar wird Streckmittel verkauft. Teilweise ist da Sägemehl oder eine Gewürzmischung drin. Das Geld ist dann weg, die Entzugserscheinungen bleiben aber.

Wie verhält sich die Polizei?

Die Polizei ist tolerant, muss aber natürlich auch ihren Job machen. Abstand halten ist halt schwierig unter Süchtigen, auch wenn man etwas kaufen will. Da droht die Polizei mit Bussen und greift auch durch. Ich habe das Gefühl, dass auch die Polizisten langsam an ihre Grenzen kommen. Sie sind ungeduldiger geworden.

Hast du Zugriff auf Seife oder Desinfektionsmittel?

Auf öffentlichen Toiletten hat es teilweise Seife. Oft ist der Seifenspender aber auch leer. Die Abfallkübel sind öfter überfüllt. Stoff oder gestohlene Ware wird teilweise im Abfall versteckt und Süchtige durchwühlen oft Abfalleimer. Die müssten gerade jetzt mehr geleert werden. Das wäre doch wichtig im Moment.

Hast du einen Rückzugsort, wenn du krank wirst?

Nein, so etwas habe ich nicht. Wenn ich krank werde, ist mir das eigentlich egal. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe niemanden mehr ausser einem kleinen Teil meiner Verwandtschaft. Angst vor dem Leiden habe ich aber schon.

Was wünschst du dir von den Leuten?

Man muss nun mal akzeptieren, dass die Situation momentan so ist. Das Virus ist da und die Auflagen auch. Der Hysterie sollte man sich nicht hingeben. Also sollte man das Beste daraus machen. Das gelingt aber nur wenigen, finde ich. Man sollte die gute Laune nicht verlieren. Wenn alle aggressiv sind, färbt das schnell auf andere ab, und es wird nur immer schlimmer. Etwas mehr Lockerheit täte den Leuten gut.

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