Erneuerbare Energie: Costa Rica setzt als erstes Land voll auf grünen Strom
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Erneuerbare EnergieCosta Rica setzt als erstes Land voll auf grünen Strom

Costa Rica nutzt nur noch erneuerbare Stromquellen. Ob das zentralamerikanische Land zum Vorbild für andere taugt, ist aber fraglich.

von
O. Fischer

Costa Rica strebt nach einem 100-Prozent-Deckungsgrad mit Strom aus erneuerbaren Energieträgern an. (Video: KameraOne)

Seit über 180 Tagen, fast einem halben Jahr, deckt Costa Rica seinen Strombedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energieträgern. Der grösste Energielieferant ist die Wasserkraft und in diesem Bereich namentlich das Wasserkraftwerk Reventazon, das grösste seiner Art in ganz Zentralamerika. Hinzu kommt Strom aus Wind-, Photovoltaik- und Geothermiekraftwerken. Laut «ABC News» stammten im August 80 Prozent des Stroms aus der Wasserkraft.

Bereits im Jahr 2015 deckte das kleine Land zwischen Pazifik und karibischem Meer 99 Prozent seines Strombedarfs durch erneuerbare Energien, wie der «Independent» schreibt. 285 Tage lang wurde ausschliesslich sauberer Strom verwendet.

«Günstige klimatische Bedingungen»

Der Chef des costa-ricanischen Energie-Instituts (ICE), Carlos Manuel Obregon, rechnet laut «ABC News» damit, dass Ende 2016 nur zwei Prozent des Jahresstromverbrauchs aus fossilen Energieträgern stammen werden. Künftig will das Land nur noch erneuerbare Energien für seine Stromversorgung nutzen.

Die Chance, dass Costa Rica diese Ziel erreicht, schätzt Andreas Häberle, Leiter des Institus für Solartechnik an der Hochschule für Technik in Rapperswil, als hoch ein: «Costa Rica hat sehr günstige klimatische Bedingungen, um das Land langfristig zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien zu versorgen.» Das Unterfangen werde dadurch begünstigt, dass Costa Rica kaum über energieintensive Industriezweige verfüge.

Insbesondere dieser letzte Aspekt mache das Land für grössere Industrienationen zu keinem ernsthaften Vorbild, glaubt Stefan Roth, Dozent für erneuerbare Energie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Dennoch sei es unumgänglich, dass auch andere Länder langfristig einen hohen Deckungsgrad an Strom aus erneuerbaren Quellen anstrebten.

Schweden will nachziehen

In Europa befindet sich Schweden quasi auf halber Strecke zu diesem Ziel. Wie der «Independent» schreibt, deckte das skandinavische Land in den Jahren 2013 und 2014 bereits knapp über die Hälfte seines Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien. Und in einer Ansprache vor der UNO erklärte der schwedische Premierminister Stefan Löfven 2015, sein Land wolle eines der ersten Wohlstandsländer der Welt werden, das ohne fossile Brennstoffe auskomme.

In der ganzen Diskussion gilt es allerdings nicht zu vergessen, dass neben dem Stromverbrauch vor allem der Privatverkehr und Gütertransport noch auf lange Sicht von fossilen Brennstoffen abhängen werden, schrieb «Guardian»-Journalistin Lindsay Fendt schon 2015. Rund 70 Prozent der Schadstoff-Emissionen von Costa Rica stammten 2014 laut dem Umweltministerium aus dem Verkehr.

Wasserkraft kann Lebensraum gefährden

Ein weiteres Problem sieht der «Guardian» darin, dass viele Länder, um zum Beispiel Wasserkraft substanziell nutzen zu können, grossflächig Flüsse stauen müssten und dadurch Lebensraum von Mensch und Tier, Kulturland und Natur zerstört würden.

Optimistischer ist Energie-Experte Roth. Er sagt: «Wasserkraft, aber auch Wind- und Photovoltaik-Technologie haben heute einen industriellen Reifegrad erreicht, sodass der grossflächigen Anwendung nichts mehr im Wege steht.»

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