Emotionale Debatte - Covid-Zertifikat schürt Streit zwischen Geimpften und Ungeimpften
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Emotionale DebatteCovid-Zertifikat schürt Streit zwischen Geimpften und Ungeimpften

Die Spannungen zwischen geimpften und ungeimpften Menschen nehmen zu. Geimpfte sollten weniger besserwisserisch auftreten, rät ein Sozialwissenschaftler.

von
Bettina Zanni
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Zur Debatte stehen Forderungen, mit dem Covid-Zertifikat Ungeimpfte von Geimpften zu trennen.

Zur Debatte stehen Forderungen, mit dem Covid-Zertifikat Ungeimpfte von Geimpften zu trennen.

20min/Vanessa Lam
So sollen ungeimpfte Mitarbeitende in einem separaten Raum essen, während Geimpfte unter sich sind und von Lockerungen profitieren.

So sollen ungeimpfte Mitarbeitende in einem separaten Raum essen, während Geimpfte unter sich sind und von Lockerungen profitieren.

20min/Marco Zangger
Einige Geimpfte fühlen sich dadurch bestätigt. «Endlich werde ich als Geimpfter nicht mehr benachteiligt», schreibt «Öko» in einem Kommentar.

Einige Geimpfte fühlen sich dadurch bestätigt. «Endlich werde ich als Geimpfter nicht mehr benachteiligt», schreibt «Öko» in einem Kommentar.

20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • Zur Debatte steht, dass das Covid-Zertifikat in manchen Bereichen Ungeimpfte von Geimpften trennen soll.

  • Geimpfte fühlen sich dadurch bestätigt, Ungeimpfte diskriminiert.

  • «Die Solidarität in der Gesellschaft darf nicht an der Impfung scheitern», sagt Sozialwissenschaftler Marko Kovic.

  • Geimpfte sollten bescheidener werden und Ungeimpfte offener, so Kovic.

Noch diese Woche könnte die Zahl der Corona-Fälle die 1000er-Marke knacken. Gleichzeitig sinkt die Impfnachfrage. Der Druck auf Ungeimpfte steigt deshalb. Zur Debatte stehen Forderungen, mit dem Covid-Zertifikat Ungeimpfte von Geimpften zu trennen. So sollen ungeimpfte Mitarbeitende in einem separaten Raum essen, während Geimpfte unter sich sind und von Lockerungen profitieren. Auch spielen Fachpersonen mit dem Gedanken, das Covid-Zertifikat etwa auf den Restaurantbesuch auszuweiten.

«Endlich als Geimpfter nicht mehr benachteiligt»

Einige Geimpfte fühlen sich dadurch bestätigt. «Endlich werde ich als Geimpfter nicht mehr benachteiligt», schreibt «Öko» in einem Kommentar. Auch herrscht die Stimmung vor, die Geimpften müssten die Konsequenzen der Tatsache ausbaden, dass sich ein Teil der Bevölkerung nicht impfen lässt. «Es kommt so, dass die Geimpften den Ungeimpften das RAV bezahlen», spottet «ILSW».

Twitter-User Herbert Schaub schreibt: «Ihr habt alle nicht verstanden und euer Verhalten hilft einzig dem Virus.» Fakt sei, dass mehrheitlich Ungeimpfte erkrankten und das Virus allen weitergäben. «Und genau ihr klagt dann wieder über Einschränkungen.»

«Jeder wird sofort unter Generalverdacht gestellt»

Ungeimpfte hingegen fühlen sich diskriminiert. Gesund zu sein, sei plötzlich egal, schreibt «ConstantThinker». Jeder werde sofort unter Generalverdacht gestellt und müsse beweisen, nicht krank zu sein. «Ich würde jedenfalls keinen Fuss mehr ins Büro setzen, wenn ich dafür einen Test machen müsste und jedes Restaurant, das es wagt, mich zu diskriminieren, würde ich auch später nie mehr berücksichtigen.»

Auch Ungeimpfte befürchten, dass sie wegen der Geimpften zur Kasse gebeten werden. «Die Ungeimpften müssen die Impfschäden der Geimpften bezahlen, so sieht’s leider aus», schreibt «Pheebo».

Skeptisch ist auch «Kein_Konzept». «Das wird ja mal lustig, wenn Betriebe mit hunderten von Mitarbeitern wegen eines Zertifikats nicht mehr richtig arbeiten könnten.» Der User sieht «schon einige leere Regale aufgrund von fehlendem Personal, weil in der Logistik 15 Staplerfahrer und 54 Kommissionierer fehlen.»

Trennung sei nicht umsetzbar

Sozialwissenschaftler Marko Kovic bestätigt, dass die Spannungen zwischen Geimpften und Ungeimpften zugenommen haben. Aufgrund der stagnierenden Impfquote hätten immer mehr Geimpfte den Eindruck, dass die Impfunwilligen die Pandemie und die Massnahmen unnötig in die Länge zögen. Ungeimpfte derweil fühlten sich zu Unrecht beschuldigt und unter Druck gesetzt.

Rational gesehen würde es laut Kovic Sinn machen, Geimpfte von den Massnahmen zu befreien und Ungeimpfte einzuschränken. «Beim Autofahren hat auch jeder die Wahl, sich anzugurten oder unangegurtet zu fahren und damit eine Busse zu riskieren.» In der Praxis sei dies jedoch nicht umsetzbar, da die Trennung von Geimpften und nicht Geimpften auf emotionaler und symbolischer Ebene sehr heikel sei – die Folge wäre eine Zweiklassengesellschaft.

Tendenz zu Radikalisierungen bestünde

«Kann jemand am Mittag nicht mehr mit seinen Gspändli zusammensitzen, weil er nicht geimpft ist, würde dies die Person beleidigen und sehr verletzen», sagt Kovic. Eine Ungleichbehandlung drohe den Graben zwischen Geimpften und Ungeimpften zu vertiefen.

«Diese emotionale Verletzung könnte dazu führen, dass sich Ungeimpfte nur noch bei Gleichgesinnten gut aufgehoben fühlen», so Kovic. In der Folge tendierten sie eher zu Radikalisierungen. «Zum Beispiel suchen sie online nur noch Kanäle, die Geimpfte verteufeln.» Dies würde das bereits aufgrund der Massnahmen angespannte politische Klima nachhaltig verschärfen.

«Wir sollten mehr mit den anderen reden»

«Die Solidarität in der Gesellschaft darf nicht an der Impfung scheitern», sagt der Sozialwissenschaftler. Geimpfte sollten mehr Bescheidenheit und Verständnis an den Tag legen. «Manchmal verhalten sie sich fast etwas besserwisserisch oder rechthaberisch und verurteilen jede Person, die sich nicht impfen lassen will.» Auch sei es nicht in Ordnung, Ungeimpfte als Egoisten abzustempeln. «Oft halten diffuse Ängste sie von der Impfung ab.» Nicht zu vergessen seien diejenigen Menschen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können.

Kovic hält für wichtig, dass Geimpfte mit Ungeimpften den Dialog suchen und ihnen nicht den Eindruck vermitteln, ausgegrenzt zu werden. «Anstatt mehr über die anderen zu reden, sollten wir mehr mit den anderen reden.» Sinnvoll sei etwa, impfskeptischen Personen Argumente für die Impfung aufzuzeigen. «Meine Mutter zum Beispiel wollte sich zuerst auch nicht impfen lassen. Indem ich ihr die Argumente dafür ruhig und sachlich erklärte, hat sie entschieden, sich doch impfen zu lassen.» Ungeimpfte wiederum sollten offen für Argumente bleiben und sich fragen, ob Leute, die sich impfen liessen, vielleicht doch gute Gründe dafür hätten.

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