Wahlen 2019: «CVP schiesst komplett an den Wählern vorbei»
Aktualisiert

Wahlen 2019«CVP schiesst komplett an den Wählern vorbei»

Die Onlinekampagne der CVP, in der sie Politiker direkt angreift, sorgt für heftige Kritik. Laut einem Politologen dürfte sie der Partei mehr schaden als nützen.

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rol
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Politologe Louis Perron erzählt im Interview, was er von der umstrittenen CVP-Online-Kampagne hält.

Politologe Louis Perron erzählt im Interview, was er von der umstrittenen CVP-Online-Kampagne hält.

Privat
Dutzende Posts unter dem Hashtag #CVPFail buhen auf Twitter die CVP seit Dienstagmorgen heftig aus.

Dutzende Posts unter dem Hashtag #CVPFail buhen auf Twitter die CVP seit Dienstagmorgen heftig aus.

Keystone/Walter Bieri
Auslöser des kollektiven CVP-Bashings ist eine Kampagne der CVP. Eine Reihe von National- und Ständeratskandidaten der grossen Parteien fühlt sich von dieser diffamiert. Googelt man deren Namen, erscheint als oberstes Suchergebnis oft die URL Kandidaten2019.ch

Auslöser des kollektiven CVP-Bashings ist eine Kampagne der CVP. Eine Reihe von National- und Ständeratskandidaten der grossen Parteien fühlt sich von dieser diffamiert. Googelt man deren Namen, erscheint als oberstes Suchergebnis oft die URL Kandidaten2019.ch

Screenshot/20min

Die CVP setzt im Wahlkampf mit einer Negativkampagne auf Konfrontation: Wer bei Google nach anderen Politikern sucht, landet auf einer CVP-Seite, die auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar ist. Dort wird einem erklärt, warum man statt der gegoogelten Person besser einen CVP-Kandidaten wählt.

Politiker reagierten harsch, sie fühlen sich blossgestellt: «Schmutzkampagne», «Verzweiflungstat», «unschweizerisch», poltern sie in den sozialen Medien. Politologe Louis Perron versteht die Entrüstung und erzählt im Interview, was er von dieser Kampagne hält.

Herr Perron*, die neueste Kampagne der CVP wirft hohe Wellen. Glückte ihr ein Coup?

Ich denke, eher nicht. Für mich ergibt die Kampagne wenig Sinn: Vor allem Form und Inhalt haben mich überrascht. Dass die CVP auf den digitalen Weg setzt und andere Politiker aller Couleur direkt angreift, würde eher zu einem Aussenseiter wie zum Beispiel der Piratenpartei passen. Diese Kampagne passt weder zum bisherigen Stil noch zu den politischen Inhalten und Werten, die die CVP vertritt.

Also weder nett noch lösungsorientiert ...

Genau. Die Kampagne schiesst an der ländlichen, gemässigten, mittelständigen Stammwählerschaft vorbei. Eigentlich müsste die Partei Hausbesuche bei ihrer Basis machen, um diese Stimmen zu halten – und nicht online andere Politiker diffamieren.

Aber sie sorgt für Gesprächsstoff …

Auffallen im Wahlkampf ist grundsätzlich nicht schlecht und bringt Beachtung. Polarisieren muss man aber strategisch: Nehmen sie die «schwarzen Schafe» der SVP. Viele waren empört, aber den Stammwählern der SVP sprach das damals aus den Herzen. Bei dieser Kampagne nimmt man das der CVP nicht ab.

Sie könnte zum Rohrkrepierer werden?

Gut möglich, dass viele der CVP-Basis das nicht gerade mobilisiert. Schliesslich startete die Partei mit dem Slogan «Wir halten die Schweiz zusammen» in den Wahlkampf. Diese Kampagne impliziert das überhaupt nicht. Ich kann auch keine Gesamtstrategie dahinter sehen.

«Fake-News», «Hetze», «ohne Anstand»: Betroffene Politiker laufen sturm. Zu Recht?

Ja. Ich kann deren Unmut verstehen. Googelt jemand nach ihrem Namen, wird er auf eine falsche Seite geleitet. Das ist irreführend, zumindest wird die Irreführung in Kauf genommen. Zudem sind auf diesen Seiten nicht direkte Aussagen der Politiker aufgeführt, sondern nur vage Positionen seiner Partei, die die CVP ihren Lösungen gegenüberstellt.

Also kein Pendant zum amerikanischen Wahlkampf?

Mitnichten. Dort ist «opposition research» gang und gäbe. Dabei werden aber gemachte Aussagen oder Abstimmungsverhalten von politischen Gegner widerlegt, hinterfragt und kritisch beäugt. Das hat einen direkten Bezug zur angegriffenen Person mit Quellenangaben. Das ist bei der CVP-Kampagne nicht der Fall.

Ist das Abzielen auf einzelne Politiker ein Novum im Schweizer Wahlkampf?

Von einer Mittepartei schon und mit dieser digitalen Ausbreitung auf Kandidaten von links bis rechts ebenfalls. Aber die SVP hat schon in den letzten zwanzig Jahren im Wahlkampf öfter gezielt Einzelpersonen attackiert. Und umgekehrt musste auch Christoph Blocher schon einige Angriffe von linker Seite einstecken.

Warum macht die CVP nicht einmal vor FDP-Kandidaten halt?

Das erschliesst sich mir auch nicht. In vielen Kantonen haben die beiden Parteien Listenverbindungen, sind aufeinander angewiesen, vertreten ähnliche Positionen. Nachdem die CVP sich etwas von der Umarmung von GLP und BDP distanzierte, müsste sie der Partnerin FDP mehr Sorge tragen.

Ratlosigkeit, ein letzter Strohhalm: Was bringt eine Partei dazu, eine solche Kampagne zu starten?

Der verführerische Gesang der Meerjungfrau? (lacht) Viele Politiker denken, der Onlinewahlkampf sei günstig und quasi automatisch. Aber beides ist falsch.

Wie teuer könnte diese Kampagne gewesen sein?

Das kann ich nicht abschätzen.

Liess sich die CVP vielleicht von einer Agentur oder Werbern dazu überreden?

Das sind Ihre Vermutungen, ich kenne die Hintergründe nicht.

*Louis Perron ist Politologe und Politberater aus Zürich.

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