Aktualisiert 31.12.2010 12:44

Angriff aus der UkraineCyberkrieg in Basels Rotlichtmilieu

Die Webseiten mehrerer Basler Sex-Studios wurden lahmgelegt. Die Betreiber beklagen Einnahmeeinbussen. Unklar ist, wer hinter den Angriffen steckt.

von
Joel Bedetti
Auch das Bordell-Infoportal www.sexy-tipp.to ging aufgrund der DDOS-Attacken K.O.

Auch das Bordell-Infoportal www.sexy-tipp.to ging aufgrund der DDOS-Attacken K.O.

Das ist keine schöne Bescherung: Mehreren Basler Sex-Studios ist das Weihnachtsgeschäft durch Attacken aus dem Cyberspace vermiest worden.

Wie Recherchen von 20 Minuten Online zeigen, haben die DDoS-Angriffe (siehe Box) vor rund einer Woche begonnen. «Erst waren es 600 Anfragen pro Sekunde, dann 1600, dann 20000, jetzt schon über 124 000», sagt der Betreiber des Clubs «FKK Basel», der anonym bleiben will. Das Grossstudio, das diesen April öffnete und sich mit seinen rekordtiefen Preisen im Milieu nicht gerade beliebt machte, wurde bereits im Juni Opfer eines Buttersäureanschlags.

Nachtschicht für Informatiker

Die Gäste wüssten nicht, ob der Club geöffnet sei. Dadurch erleide man Umsatzeinbussen von 20 bis 30 Prozent. «Weil wir ein diskretes Etablissement sind, ohne Rotlicht und Plakate an den Hauswänden, werden Kunden nur durch das Internet auf uns aufmerksam», sagt der Betreiber. Deshalb treffe ihn der Angriff besonders hart.

Das ist nicht alles: «Weil die Angriffe andere Websites unseres Serveranbieters geschädigt haben, müssen wir nun Schadenersatz zahlen», so der Betreiber. Zudem beschäftige er seit einigen Tagen Informatiker, welche «fast rund um die Uhr» arbeiteten. Neben dem Studio in Basel seien auch Etablissements in Deutschland von den Angriffen betroffen.

Computer aus der Ukraine

Den Server hat das «FKK Basel» inzwischen zu einer spezialisierten Firma in den USA verlagert. «Dort müssen wir aber immer grössere Schutzpackages kaufen, weil auch die DDoS-Angriffe immer grösser werden», sagt der Betreiber. Neben den Einnahmeeinbussen sei dem Club so ein Schaden im fünfstelligen Bereich entstanden. Genaue Zahlen will der Betreiber nicht nennen. Die Website funktioniere jetzt aber wieder.

Anzeige hat das Studio noch nicht eingereicht. Die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt habe ihnen mitgeteilt, dass Ermittlungen kaum zu einem Erfolg führen würden. «Es ist sehr schwer, die Urheber zu ermitteln», sagt der Basler Clubbetreiber. Man wisse, dass die Attacken von Computern in der Ukraine ausgeführt würden – das liege nicht einmal im Zuständigkeitsbereich der hiesigen Staatsanwaltschaft.

Swisscom nimmt Seite vom Netz

Den Recherchen von 20 Minuten Online zufolge wurden auch andere Studios Opfer von DDOS-Attacken. Ein weiteres Studio in Basel, das anonym bleiben will, bestätigt den Vorfall. «Die Spam-Attacken dauerten eine ganze Woche, dadurch sind 20 000 bis 25 000 Franken Umsatzeinbussen entstanden.» Jetzt seien sie auf einen privaten Server gewechselt, seither funktioniere die Website wieder.

Lahmgelegt ist auch das Bordell-Infoportal www.sexytipp.to und die Seite des Basler Studios Hot House. 20 Minuten Online weiss aus sicherer Quelle, dass das Studio damit täglich einige hundert Franken verliert. Und dass der Server-Anbieter von Hot House, die Swisscom, die Website vom Netz genommen hat, weil die Attacken andere Swisscom-Kunden in Mitleidenschaft zogen. Schon bei den Cyber-Attacken auf www.happysex.ch kam die Swisscom im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen. Nach Drohungen der DDoS-Angreifer, Grosskunden ins Visier zu nehmen, kippte die Swisscom happysex.ch vom Server.

Die Swisscom bestätigt auf Anfrage, dass es Mitte Dezember einzelne DDoS-Angriffe gegeben habe. Man habe «umgehend reagiert» und die betroffenen Webseiten-Betreiber kontaktiert.

Anonyme Anschuldigungen

Über die möglichen Urheber der Attacken wird im Milieu derzeit heftig spekuliert. Auch wenn die Krieger in der Ukraine sitzen: Die Befehlsgeber vermutet man ganz in der Nähe. In einem einschlägigen Forum werden Gerüchte gestreut: «Angeblich soll gerüchteweise das Studio Play in Basel, früher trug es den Namen Castelli, hinter den Aktionen stecken», schrieb ein User vor einigen Tagen.

Seltsam: Am Sonntagabend erhielt die 20-Minuten-Online-Redaktion ein anonymes Mail. Darin steht: «Basels Nr. 1 Studio-Play hat die Internetseite des starken Konkurrenten www.fkkbasel.ch mit DDOS-Attacken total lahm gelegt.» Die Website sexytipp.to habe dran glauben müssen, weil darauf schlechte Berichte über das Studio Play veröffentlicht worden seien.

Ein Neider?

Davide, der Betreiber des Studio Play, weist die anonymen Anschuldigungen von sich. «Auch wir wurden Opfer von DDOS-Attacken», sagt er. Weil er aber seit einer länger zurückliegenden Attacke auf einen teuren Spezialserver umgestiegen sei, hätten die Angriffe nichts bewirkt. Ausserdem sei auch sein Studio vor mehreren Monaten Opfer eines Buttersäureanschlags geworden. «Ich weiss nicht, wer mir das anhängen will», sagt Davide, «wahrscheinlich ein Neider.»

Laut Klaus Mannhart, Sprecher der Polizei Basel-Stadt, hat noch niemand aufgrund des aktuellen Cyber-Wars Anzeige eingereicht.

Unwissende Krieger

Bei einer DDOS-Attacke greifen Tausende von PCs, die von «Trojaner» genannten Viren infiziert sind, gleichzeitig auf eine bestimmte Webseite zu, die unter der enormen Last zum Erliegen kommt und nicht mehr aufgerufen werden kann. Schützen kann man sich dagegen, indem man sich auf teuren Servern einmietet, die gegen solche Angriffe schützen.

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