Kreisgericht St. Gallen: «Da habe ich die Badehose an der Hand gespürt»
Aktualisiert

Kreisgericht St. Gallen«Da habe ich die Badehose an der Hand gespürt»

Einem 66-Jährigen wurde vorgeworfen, er habe in einem Whirlpool im Säntispark sexuelle Handlungen an einem 15-Jährigen vorgenommen. Dafür wurde er nun verurteilt.

von
jeb
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Ein Jugendlicher feierte im September 2018 seinen 15. Geburtstag zusammen mit einem Kollegen im Säntispark in Abtwil SG.

Ein Jugendlicher feierte im September 2018 seinen 15. Geburtstag zusammen mit einem Kollegen im Säntispark in Abtwil SG.

zvg
Im Verlaufe des Abends trafen sie auf den heute 66-jährigen Beschuldigten.

Im Verlaufe des Abends trafen sie auf den heute 66-jährigen Beschuldigten.

Symbolbild
Im Sprudelbecken kam es seitens des Rentners zu sexuellen Handlungen am primären Geschlechtsteil des 15-Jährigen. Diese dauerten nur wenige Sekunden. Danach verliess der Jugendliche den Whirlpool.

Im Sprudelbecken kam es seitens des Rentners zu sexuellen Handlungen am primären Geschlechtsteil des 15-Jährigen. Diese dauerten nur wenige Sekunden. Danach verliess der Jugendliche den Whirlpool.

saentispark.ch

Der 66-jährige Vorarlberger flüchtete vor knapp einem Jahr nach Österreich, nachdem ihm vorgeworfen wurde, er habe im Säntispark an einem damals 15-Jährigen sexuelle Handlungen vorgenommen. Am Montag musste er sich vor dem Kreisgericht St. Gallen verantworten.

Der Prozess wurde zu Beginn kurz unterbrochen, weil der Verteidiger des Beschuldigten den Ausschluss der Öffentlichkeit verlangte. Dies zum Schutz der Familie des Beschuldigten. Die Richter, ein Dreiergremium, entschieden jedoch, die Öffentlichkeit am Prozess teilnehmen zu lassen.

Der Beschuldigte ist gelernter KFZ-Mechaniker, seit zwei Jahren pensioniert. Er lebt mit seiner Frau in Vorarlberg, die drei Kinder sind erwachsen und stehen auf eigenen Beinen. Seit 15 Jahren sei er Stammgast im Säntispark, hauptsächlich im Sauna-Bereich, wie er vor Gericht erzählt. Doch seit dem Vorfall im September hat er Hausverbot.

Verschiedene Versionen

Was damals genau geschah, klärte sich vor Gericht nicht. Die Versionen des 15-Jährigen und des 66-Jährigen gehen weit auseinander. Der Standpunkt des Jugendlichen wurde vor Gericht nur vom Staatsanwalt vertreten. Weder die Eltern des Teenagers, noch der Betroffene selber oder ein Verteidiger waren im Saal anwesend.

Der Staatsanwalt blieb bei seinen Ausführungen eng an der Anklageschrift (siehe hier). Anders schildert der heute 66-Jährige den Vorfall. Als Stammgast sei er wie üblich in der Sauna gesessen, als die beiden Jugendlichen mehrmals kurz nacheinander rein gekommen und nach einer Minute gleich wieder raus gegangen seien. Er habe sie belehrt, dass sie ein paar Minuten ruhig sitzen und auf die Zähne beissen sollten. Sonst mache ein Saunabesuch keinen Sinn. Später sei er nochmals auf die beiden getroffen, als sie direkt von der Sauna kommend zu ihm ins Kältebecken gesprungen seien. Er habe sie belehrt sie, dass sie sich zuerst duschen müssten. Zur dritten Begegnung sei es am Ausgang des Sauna-Bereichs gekommen. Dort habe er den beiden durch die Drehtür geholfen, die blockiert war. Danach seien ihm die beiden in den Whirlpool gefolgt.

Fusstritte und Boxschläge

Im Sprudelbad sei er bald eingeschlafen. Obwohl es Platz hatte, habe sich einer der Jugendlichen neben ihn gesetzt. Er sei immer wieder kurz eingenickt; der Jugendliche sei derweil mehrmals zu seinem Freund rüber gegangen, der gegenüber sass, und habe sich mit ihm in einer fremden Sprache unterhalten.

Irgendwann habe er die Badehose des Jugendlichen auf seiner Handoberfläche gespürt. Darauf habe er die Hand weggezogen und «Sorry» im Sinne von «Geht's noch» gesagt. Dann habe er das Sprudelbecken verlassen und sei sich duschen und umziehen gegangen. Als er den Saunabereich verliess, sei er vom Jugendlichen mit Fusstritten und Boxschlägen attackiert sowie beschimpft und als Vergewaltiger betitelt worden, so der Mann.

Flucht per Autostopp

Bevor er zu seinem Auto gelangen konnte, sei er von einer Reinigungskraft des Säntisparks angehalten und zurück in den Bäderbereich gebracht worden. Dort sei er kurz in einer Art Büro auf einem Stuhl gesessen, bevor er sich zur Flucht entschied. Geflüchtet sei er, weil er befürchtet habe, der Jugendliche oder dessen Vater könnte sich an ihm rächen, wie er sagte. Zudem sei er in Panik gewesen. Er flüchtete über einen Zaun nach Abtwil SG und liess sich dort per Autostopp von einem Fremden nach St. Margrethen nahe der Grenze fahren, von wo er danach nach Hause gelangte. Später habe er dann seinen Anwalt kontaktiert, der Kontakt mit den Strafverfolgungsbehörden aufnahm.

Zu oft vom Motorrad gefallen

Der Verteidiger führte vor Gericht aus, dass sein Mandant unschuldig sei. Er gehe seit 15 Jahren zweimal pro Woche in den Säntispark und habe sich nie was zu Schulden kommen lassen. Wäre es anders, hätte man den Österreicher schon längst nicht mehr rein gelassen. Leider sei sein Mandant gesundheitlich von diversen Stürzen beim Motocrossfahren angeschlagen, er habe mehrere kleine Hirnerschütterungen erlitten und deswegen spreche er nicht immer so klar oder lasse auf eine Frage sieben Antworten folgen, was sich vor Gericht nicht als vorteilhaft auswirke. Sein Mandant sei seit 40 Jahren verheiratet, hat drei Kinder, sechs Enkelkinder und sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. So jemand werde nicht plötzlich übergriffig.

Keine Beweise, hohe Genugtuung gefordert

Zudem gebe es keine Beweise, da es keine Kameras beim Whirlpool habe und der Freund des Jugendlichen nichts Konkretes sah. «Was unter Wasser passierte, hat niemand gesehen». Zudem sei komisch, dass sich der Jugendliche neben den Rentner setzte und nicht zu seinem Freund auf der gegenüberliegenden Seite. Auch sei der Jugendliche dem Vorarlberger körperlich überlegen gewesen.

Ausserdem seien die Jugendlichen wohl,«sexuell aufgeheizt» gewesen, nachdem sie sich rund zwei Stunden unerlaubterweise in der gemischten Sauna aufgehalten hätten. Auch würden Jugendliche aus Südosteuropa sexuell anders aufgeklärt als Teenager in Westeuropa und könnten wohl nicht alles richtig einschätzen. Zudem sei speziell, dass eine Genugtuung von 70 000 Franken gefordert werde. Vielleicht gehe es auch nur um Geld.

Glaubhafte Aussagen des Jugendlichen

Für den Staatsanwalt sind die Aussagen der Jugendlichen stringent und glaubhaft, diejenigen des Vorarbergers hingegen nicht. Er verstricke sich in Widersprüche und beschreibe wenig detailtreu. Zudem konnte er sich durch seine Flucht von einer Befragung unmittelbar nach dem Vorfall drücken und sich eine Geschichte zurechtlegen.

Der Staatsanwalt forderte eine Verurteilung wegen sexueller Handlung mit einem Kind. Dafür wollte er eine bedingte Freiheitsstrafe von 14 Monaten und eine bedingte Geldstrafe sowie eine Verbindungsbusse sehen. Obendrauf einen Landesverweis von fünf Jahren.

Das Gericht verurteilte den Vorarlberger schliesslich zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zehn Monaten sowie einer Geldstrafe von 800 Franken. Beides bedingt, bei einer Probezeit von zwei Jahren. Wenn sich der Rentner in den nächsten zwei Jahren nichts zu Schulden lassen kommt, muss er nicht ins Gefängnis.

Massiv überhöhte Forderung

Schwerer treffen wird den Mann die Landesverweisung von 5 Jahren. Auch die Gerichtskosten von etwas über 7000 Franken muss der Rentner, der von einer bescheidenen Rente von weniger als 1500 Euro monatlich lebt, zahlen. Obendrauf kommen 2000 Franken Genugtuung. Die geforderten 70 000 Franken erachtete das Gericht als massiv überhöht.

In der Urteilsbegründung sagte die Richterin, die Aussagen des Jugendlichen seien glaubhaft gewesen, diejenigen des Vorarlbergers widersprüchlich. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass vorsätzlich sexuelle Handlungen stattgefunden haben. Dass der Mann den Jungen nicht nach dem Alter gefragt habe, glaubt das Gericht «in dubio pro reo» dem Beschuldigten, da der Freund des Jugendlichen das bestätigte. Trotzdem hätte es Hinweise gegeben, dass der Jugendlich unter 16 Jahre alt war, weshalb das Gericht von eventual-vorsätzlichen sexuellen Handlungen mit einem Kind ausgeht. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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