Zürcher Obergericht: «Da habe ich gespürt, dass sie tot war»

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Zürcher Obergericht«Da habe ich gespürt, dass sie tot war»

Ein Mann, der seine Ehefrau in Affoltern am Albis vor fünf Jahren mit Schlägen und Fusstritten getötet haben soll, soll für 17 Jahre ins Gefängnis. Der Sohn sagte vor Gericht aus.

von
Stefan Hohler
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2017 kam es in Affoltern am Albis zu einem Femizid.

2017 kam es in Affoltern am Albis zu einem Femizid.

20min/News-Scout
Ein 49-jähriger Mann musste sich am Dienstag vor dem Zürcher Obergericht verantworten.

Ein 49-jähriger Mann musste sich am Dienstag vor dem Zürcher Obergericht verantworten.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Femizid in Affoltern am Albis: Ein 49-jähriger Schweizer soll vor fünf Jahren seine Frau totgetreten haben.

  • Die 29-Jährige starb an inneren Blutungen.

  • Der Verteidiger verlangte vor dem Obergericht einen Freispruch.  Die Staatsanwältin eine Freiheitsstrafe von 17 Jahren. 

  • Wann das Urteil gefällt wird, ist noch offen. 

Ein heute 49-jähriger Elektriker hat im Oktober 2017 seine Ehefrau während eines Streits in der gemeinsamen Wohnung in Affoltern am Albis brutal zusammengeschlagen. Laut Anklageschrift traktierte er die 29-Jährige mit Fusstritten und Faustschläge und schlug ihr mit einem Sitzhocker aus Holz auf den Kopf. Tödlich seien die Tritte in den Bauch gewesen. Die Frau erlitt vier Leberrisse und verblutete innerlich.

Das Schweizer Paar habe seit Jahren eine äusserst gewaltbeladene Beziehung geführt. Beide schlugen sich regelmässig, so auch am Vorabend des Todes seiner Mutter, sagte der inzwischen 16-jährige Sohn als Zeuge am Prozess vom Dienstag vor dem Obergericht. Die Eltern hätten sich am Vorabend des Todes gestritten und geprügelt. 

Er habe die Mutter am nächsten Abend nach der Rückkehr aus dem Fussballtraining zusammen mit seinem Vater leblos im Wohnzimmer aufgefunden. «Mein Vater wollte sie aufrichten, was ihm aber nicht gelang.» Dann habe der Vater vergeblich versucht, sie in der Dusche wiederzubeleben. «Da habe ich gespürt, dass sie tot war. Ich habe es in den Augen meines Vaters gesehen, sie waren leer», sagte der junge Mann. Sein Vater sei überfordert gewesen, deshalb habe er auch nicht die Sanitäter alarmiert. Zusammen hätten sie im Anschluss die Wohnung geputzt und seien gegen Mitternacht ins Bett gegangen.

Am nächsten Mittag habe der Vater den Sohn zu seiner Tante gebracht und sei anschliessend nach Zürich gefahren, wo er auf einem Polizeiposten den Tod seiner Ehefrau mitteilte.

Verteidiger verlangt einen Freispruch

Der Beschuldigte war mit der Frau 14 Jahre zusammen. «Die Hälfte davon war sie nur noch besoffen. Es war die Hölle», so der 49-Jährige. Sie hätten am Vorabend ihres Todes einen heftigen Streit gehabt, wobei er sie stark geschlagen habe. «Einen gezielten Fusstritt gegen den Bauch habe ich aber nicht verabreicht», betonte der Beschuldigte. Als er am Folgetag zusammen mit seinem Sohn die Frau leblos in der Wohnung auffand, seien seine einzigen Gedanken gewesen, dass er jetzt ins Gefängnis müsse. Die Ambulanz hat er nicht kontaktiert. Das begründet er damit, dass er sich Sorgen machte, was mit seinem Sohn passieren würde.

Der Verteidiger verlangte für seinen Mandanten einen Freispruch und eine Entschädigung für die bereits fünfjährige Haft. Das Bezirksgericht Affoltern hatte den Beschuldigten im Juni 2020 der eventualvorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen und ihn zu einer elfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Der Anwalt begründete den Freispruch am Prozess vor dem Obergericht mit den Ergebnissen des Instituts für Rechtsmedizin. Dieses bezifferte die Todeszeit zwischen Mittwochmorgen sieben Uhr und Donnerstagmorgen sieben Uhr. Die brutale Attacke hatte am Dienstagabend stattgefunden.

Laut dem Verteidiger war die Frau am Mittwoch zwischen 16 Uhr, als der Sohn sich von ihr verabschiedete, und 19.30 Uhr, als Vater und Sohn die Frau leblos in der Wohnung auffanden, gestorben. Sein Mandant habe an diesem Tag die Wohnung um sechs Uhr in der Früh verlassen und sei zur Arbeit gegangen. Nach Arbeitsende sei er direkt zu seinem Sohn zum Fussballtraining gefahren. «Er war in diesem Zeitraum nicht mit ihr zusammen und kann somit nicht wegen vorsätzlicher Tötung schuldig gesprochen werden», argumentierte der Verteidiger.

Staatsanwältin will 17 Jahre Gefängnis 

Die Staatsanwältin verlangte hingegen eine Freiheitsstrafe von 17 Jahren. «Der Todeszeitpunkt kann nicht genau eingegrenzt werden.» Die Frau hätte auch nach 19.30 Uhr gestorben sein können.  Es sei möglich, dass der Vater den damals elfjährigen Sohn bezüglich des Todeszeitpunktes beeinflusste. «Alles in allem waren die Aussagen des Sohnes widersprüchlich, auf sie kann nicht abgestellt werden.» Er habe seinen Vater nicht belasten wollen, weil er in einem Loyalitätskonflikt stand. Fazit der Staatsanwältin: «Der Mann hat den Tod seiner Frau mit den brutalen Schlägen und Fusstritten in Kauf genommen.» Es handle sich um eine eventualvorsätzliche Tötung.

Angesichts der Komplexität des Falles fällte das Obergericht am Dienstag noch kein Urteil.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

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