Nobelpreis an US-Forscher: «Da ist ein Anruf für dich aus Stockholm»
Aktualisiert

Nobelpreis an US-Forscher«Da ist ein Anruf für dich aus Stockholm»

Der Nobelpreis für Chemie geht in diesem Jahr an die beiden US-Zellbiologen Robert Lefkowitz und Brian Kobilka. Lefkowitz schlief noch, als der Anruf aus Schweden kam.

Das sind die Preisträger: Brian Kobilka (links) und Robert Lefkowitz.

Das sind die Preisträger: Brian Kobilka (links) und Robert Lefkowitz.

Bei der Entwicklung von Medikamenten sind sie nicht mehr wegzudenken: G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (GPCR). Für ihre wegweisenden Studien zu diesen Andockstellen erhalten zwei US-Amerikaner den diesjährigen Chemie-Nobelpreis.

Robert Lefkowitz und Brian Kobilka bekommen die höchste Auszeichnung für Chemiker für ihre «bahnbrechenden Entdeckungen zur Struktur und Funktionsweise einer zentralen Gruppe von Rezeptoren: den G-Protein-gekoppelten Rezeptoren (GPCR)», wie die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Mittwoch in Stockholm mitteilte.

Der menschliche Körper besitzt etwa 1000 Arten von Rezeptoren auf der Zelloberfläche. Die GPCR sind eine wichtige Familie davon. Sie empfangen zahlreiche chemische Signale, wie zum Beispiel das Hormon Adrenalin. Andere sitzen in der Nase oder den Augen und lassen uns Gerüche oder Licht wahrnehmen.

Bessere Medikamente entwickeln

«Die Rezeptoren ähneln einem Schaltsystem in einem Gebäude», erläuterte Sara Snogerup Linse vom Nobelkomitee. Sie sorgen nach ihren Worten dafür, dass die Zellen Signale von aussen bekommen und darauf reagieren können. «Wie das funktioniert, ist sehr wichtig für die Entwicklung von Medikamenten.»

Denn etwa die Hälfte aller Medikamente wirken auf G-Protein-gekoppelte Rezeptoren ein, erklärte das Nobelkomitee. Die Erkenntnisse der beiden Forscher helfen somit, bessere Medizin mit weniger Nebenwirkungen zu entwickeln.

Nobelpreisträger mit Ohrstöpseln

Lefkowitz vom Howard Hughes Medical Institute und der Duke-Universität in Durham hat nach eigenen Worten fest geschlafen, als der Anruf kam. «Ich trage Ohrstöpsel», berichtete der 69-Jährige am Telefon in der Stockholmer Pressekonferenz. «Meine Frau hat mich mit dem Ellenbogen angestossen und gesagt: ‹Da ist ein Anruf für dich aus Stockholm›.»

Kobilka hatte seinen Kollegen über das Computernetzwerk Skype kontaktiert. Er sei «sehr aufgeregt und sehr froh», sagte der 57-Jährige von der kalifornischen Stanford-Universität dem schwedischen Radio.

Rezeptor mit Radioaktivität aufgespürt

Das Nobelpreiskomitee erklärte am Mittwoch, Lefkowitz habe 1968 Radioaktivität eingesetzt, um die Zellrezeptoren aufzuspüren. Er entdeckte tatsächlich mehrere Rezeptoren, darunter den für Adrenalin, den Beta-Adrenozeptor. Gemeinsam mit seinem Team konnte er diesen extrahieren und seine Funktionsweise entschlüsseln.

Als nächsten wichtigen Schritt isolierte der neu zum Team gestossene Koblika das Gen des Beta-Adrenozeptors, wie das Nobelkomitee mitteilte. Die Forscher entdeckten, dass der Rezeptor jenem ähnelt, der im Auge Licht empfängt. Sie schlossen daraus, dass es eine ganze Familie von Rezeptoren gibt, die gleich aussehen und arbeiten. Sie werden heute als G-Protein-gekoppelte Rezeptoren bezeichnet.

Die höchste Auszeichnung für Chemiker ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Franken (8 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert. Sieben Schweizer oder Doppelbürger haben sie bis heute erhalten, zuletzt Kurt Wüthrich im Jahr 2002 für seine Weiterentwicklung der magnetischen Kernresonanz-Spektroskopie.

Nobel selber war Chemiker

Der Nobelpreis für Chemie wurde erstmals im Jahr 1901 vergeben. Dem Testament des Stifters Alfred Nobel zufolge soll damit derjenige ausgezeichnet werden, «der die wichtigste chemische Entdeckung oder Verbesserung erbracht hat». Der Preis wird alljährlich als dritte der begehrten Auszeichnungen vergeben. Den oder die Chemie-Nobelpreisträger bestimmt die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften.

Der 1896 verstorbene schwedische Chemiker und Erfinder Nobel verfügte in seinem Testament den Aufbau einer Stiftung für all jene, die in Medizin, Physik, Chemie und Literatur sowie bei der Völkerverständigung jeweils «im verflossenen Jahr der Menschheit den grössten Nutzen gebracht haben». Die Bestimmung über das «verflossene Jahr» liess sich allerdings nicht halten, da sich der Wert von Entdeckungen bisweilen erst später zeigt. Deshalb revidierte die Nobel-Stiftung im Jahre 1900 ihre Statuten.

1968 stiftete die Schwedische Reichsbank im Einvernehmen mit der Nobel-Stiftung einen Preis für Wirtschaftswissenschaften, der erstmals 1969 verliehen wurde. Die Preise für Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Wirtschaft werden in Stockholm vergeben. Den Friedenspreisträger bestimmt ein gewählter Ausschuss des norwegischen Parlaments in Oslo. Zu Lebzeiten Nobels bestand noch eine Union zwischen Schweden und Norwegen. Die Verleihung erfolgt alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters. Die Nobelpreise sind mit jeweils acht Millionen Kronen (knapp 1,1 Millionen Franken) dotiert. (sda/dapd)

Liste der Chemie-Nobelpreisträger

1970: Luis F. Leloir, Argentinien

1971: Gerhard Herzberg, Kanada

1972: Christian B. Anfinsen, Stanford Moore und William H. Stein, alle USA

1973: Geoffrey Wilkinson, Grossbritannien; Ernst Fischer, Bundesrepublik Deutschland

1974: Paul J. Flory, USA

1975: John W. Cornforth, Grossbritannien; Vladimir Prelog, Schweiz

1976: William N. Nipscomb jr., USA

1977: Ilya Prigogine, Belgien

1978: Peter Mitchell, Grossbritannien

1979: Herbert C. Brown, USA; George Witig, Bundesrepublik Deutschland

1980: Paul Berg und Walter Gilbert, beide USA, Frederick Sanger, Grossbritannien

1981: Kenichi Fukui, Japan; Roald Hoffmann, USA

1982: Aaron Klug, Grossbritannien

1983: Henry Taube, USA

1984: R. Bruce Merrifield, USA

1985: Herbert A. Hauptman und Jerome Karle, beide USA

1986: Dudley R. Herschbach und Yuan T. Lee, beide USA; John C. Polanyi, Kanada

1987: Donald Crem und Charles Pedersen, beide USA; Jean-Marie Lehn, Frankreich

1988: Johann Deisenhofer, Robert Huber und Hartmut Michel, alle Bundesrepublik Deutschland

1989: Thomas Cech, USA und Sidney Altman, Kanada

1990: Elias James Corey, USA

1991: Richard R. Ernst, Schweiz

1992: Rudolph Marcus, USA

1993: Kary Mullis, USA; Michael Smith, Kanada

1994: George Olah, USA

1995: Paul Crutzen, Niederlande; Mario Molina und Sherwood Roland, beide USA

1996: Harold Kroto, Grossbritannien; Robert Curl und Richard Smalley, beide USA

1997: Paul E. Boyer, USA, und John E. Walker, Grossbritannien; Jens C. Skou, Dänemark

1998: Walter Kohn, USA; John A. Pople, Grossbritannien

1999: Ahmed H. Zewail, USA

2000: Alan Heeger, Alan MacDiarmid, beide USA; Hideki Shirakawa, Japan

2001: William Knowles und Barry Sharpless, beide USA; Ryoji Noyori, Japan

2002: John B. Fenn, USA; Koichi Tanaka, Japan; Kurt Wüthrich, Schweiz

2003: Peter Agre; Roderick MacKinnon, beide USA

2004: Aaron Ciechanover und Avram Hershko, beide Israel; IrwinRose, USA

2005: Yves Chauvin, Frankreich; Robert Grubbs und Richard Schrock, beide USA

2006: Roger D. Kornberg, USA

2007: Gerhard Ertl, Deutschland

2008: Osamu Shimomura, Japan; Martin Chalfie und Roger Tsien, beide USA

2009: Venkatraman Ramakrishnan und Thomas A. Steitz, beide USA; Ada E. Jonath, Israel.

2010: Richard Heck, USA; Ei-ichi Negishi und Akira Suzuki, beide Japan.

2011: Daniel Shechtman, Israel.

2012: Robert Lefkowitz und Brian Kobilka, beide USA.

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