Schwarzer Berner Politiker: «Da können die Leute ja gleich rufen: ‹Hey, ich bin ein Rassist!›»
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Schwarzer Berner Politiker«Da können die Leute ja gleich rufen: Hey, ich bin ein Rassist!»

Der Berner SP-Stadtrat Mohamed Abdirahim über Rassismuserfahrungen, Linksautonome an den Black-Lives-Matter-Protesten – und wie er über die Mohrenkopf-Debatte denkt.

von
Simon Ulrich
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Ob im Zug oder bei der Wohnungssuche: Stadtparlamentarier Mohamed Abdirahim (26) hat schon oft Rassismus erlebt.

Ob im Zug oder bei der Wohnungssuche: Stadtparlamentarier Mohamed Abdirahim (26) hat schon oft Rassismus erlebt.

Foto: zvg
Auch vor Racial Profiling sei er nicht gefeit: «Es gab Zeiten, da wurde ich an zwei oder drei Wochenenden im Monat kontrolliert, wenn ich nach dem Ausgang zum Bahnhof lief.»

Auch vor Racial Profiling sei er nicht gefeit: «Es gab Zeiten, da wurde ich an zwei oder drei Wochenenden im Monat kontrolliert, wenn ich nach dem Ausgang zum Bahnhof lief.»

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Die Situation in den USA sei  nicht vergleichbar mit jener in der Schweiz, sagt Abdirahim: «Die Dynamik in den USA mit ihrem systematischen Rassismus und der Polizeigewalt gegen Schwarze ist eine ganz andere.»

Die Situation in den USA sei nicht vergleichbar mit jener in der Schweiz, sagt Abdirahim: «Die Dynamik in den USA mit ihrem systematischen Rassismus und der Polizeigewalt gegen Schwarze ist eine ganz andere.»

keystone-sda.ch

Herr Abdirahim, haben Sie in der Schweiz schon rassistische Erfahrungen gemacht?

Ja, definitiv. Einer der krasseren Fälle war sicher, als ich mich einmal für eine Einzimmerwohnung bewarb. Nach der Besichtigung erhielt ich die Antwort, ich würde nicht in die Nachbarschaft passen. Auch kam es im Zug schon vor, dass Leute wegen mir aufgestanden sind und das Viererabteil gewechselt haben.

Viele Schwarze klagen über Racial Profiling. Wurden auch Sie schon von der Polizei kontrolliert und hatten den Eindruck, es geschehe nur wegen Ihrer Hautfarbe?

Das habe ich oft erlebt, ja. Es gab Zeiten, da wurde ich an zwei oder drei Wochenenden im Monat kontrolliert, wenn ich nach dem Ausgang zum Bahnhof lief. Alle starren einen in dem Moment an, das ist ein demütigendes Gefühl. In den letzten zwei Jahren wurde ich zum Glück nicht mehr so oft kontrolliert. Aber es kommt immer noch ab und zu vor.

Wie gehen Sie damit um?

Ich begebe mich nach dem Ausgang mittlerweile nur noch zusammen mit weissen Kolleginnen und Kollegen auf den Heimweg. Das hat sicher auch dazu geführt, dass die Kontrollen weniger wurden. Zudem kennt man mich als Stadtrat mittlerweile ein bisschen.

«Ich begebe mich nach dem Ausgang mittlerweile nur noch zusammen mit weissen Kolleginnen und Kollegen auf den Heimweg.»

Mohamed Abdirahim

Seit dem Tod des US-Amerikaners George Floyd bei einer Polizeikontrolle protestieren weltweit Menschen gegen Rassismus, auch in der Schweiz. Lässt sich die Situation in den USA mit derjenigen in der Schweiz überhaupt vergleichen?

Ich glaube nicht. Die Dynamik in den USA mit ihrem systematischen Rassismus und der Polizeigewalt gegen Schwarze ist eine ganz andere. Rassismus gibts auch in der Schweiz, keine Frage. Aber er ist subtiler und bürokratischer.

Inwiefern?

Oft tritt Rassismus in der Schweiz nicht offen, sondern indirekt auf. Wenn eine schwarze Person einen Laden betritt, behält man sie stärker im Auge als eine weisse – sie könnte ja etwas klauen. Vorurteile gegenüber People of Color haben sich stark in die Gesellschaft eingebrannt. Mit bürokratisch meine ich, dass Rassismus auch gesellschaftliche Institutionen betrifft. Für Schwarze ist es beispielsweise schwieriger, einen Job oder eine Wohnung zu finden. Oft müssen sie sich doppelt so sehr anstrengen, um auf einen grünen Zweig zu kommen. Auch Racial Profiling ist ein Beispiel für institutionellen Rassismus.

An den Protesten nehmen auch Linksautonome teil, in Zürich ist es am Samstag zu Ausschreitungen gekommen. Könnten solche Kreise der Bewegung schaden?

Wenn Leute von linksautonomen Kreisen bei den Demos mitmachen, ist es wichtig, dass sie sich im Hintergrund halten. Das hat insgesamt bisher gut geklappt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich solche Menschen stark mit ihren weissen Privilegien auseinandersetzen. Sie wissen daher auch, wie sie bei den Demos unterstützend wirken können und missbrauchen diese nicht für ihre eigenen Anliegen.

Mohamed Abdirahim

Mohamed Abdirahim wurde 2017 in den Berner Stadtrat gewählt.

Mohamed Abdirahim wurde 2017 in den Berner Stadtrat gewählt.

Foto: zvg

Mohamed Abdirahim (26) ist das Kind einer Engländerin und eines US-Amerikaners mit somalischen Wurzeln. Als er 6 Jahre alt war, zog die Familie aus dem Kanton Wallis nach Bern. Seit 2017 politisiert der Jugendarbeiter für die SP-Juso-Fraktion im Berner Stadtrat. Dort setzt er sich insbesondere für die Anliegen von People of Color und queeren Menschen ein.

Die meisten Demo-Teilnehmer sind weiss und haben nie in ihrem Leben Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihrer Hautfarbe erlitten. Spielt das Ihrer Ansicht nach eine Rolle?

Es ist dringend notwendig, dass sich auch die weisse Bevölkerung an den Protesten beteiligt. Rassismus geht uns alle etwas an. Weisse Menschen sind privilegiert. Dafür müssen sie sich zwar nicht gleich schlecht fühlen, aber sie sollen ihre Privilegien nutzen, um uns Schwarzen das Leben einfacher zu machen. Etwa, indem sie bei rassistischen Vorfällen intervenieren oder das Thema in der Familie oder am Stammtisch ansprechen. Das setzt Bildung voraus. Doch es ist nicht nur Aufgabe der schwarzen Community, den Weissen zu erklären, wo Rassismus vorkommt oder warum ein Wort rassistisch ist. Sie müssen sich auch selber darum tun.

Nicht zum ersten Mal wurde in den letzten Tagen über den Begriff Mohrenkopf geredet. Was halten Sie von der Debatte?

Es macht mich wütend und traurig, dass Menschen Rassismus unter dem Deckmantel der Tradition beibehalten wollen. Wenn mir weisse Menschen dann sagen, ich solle nicht so empfindlich reagieren, dann verletzt mich das. Klar ist Mohrenkopf ein altes Wort, doch die Zeit bleibt nun einmal nicht stehen, und Sprache befindet sich permanent im Wandel. Leute, die an dem Wort Mohrenkopf festhalten wollen, könnten sich gerade so gut auf die Strasse stellen und laut rufen: «Hey, ich bin rassistisch und möchte das N-Wort am liebsten auch gleich wieder verwenden!»

«Weisse Menschen sollen ihre Privilegien nutzen, um uns Schwarzen das Leben einfacher zu machen.»

Mohamed Abdirahim

Viele sehen das anders. Sie sagen: «Wenn ich dieses Dessert Mohrenkopf nenne, habe ich überhaupt keinen rassistischen Hintergedanken dabei.» Wie kommt das?

Solche Aussagen zeigen, dass sich viele Menschen nicht ernsthaft mit Rassismus auseinandersetzen und mit ihrem Halbwissen im Recht bleiben wollen. Offenbar glauben sie, dass solche Begriffe etwas Urschweizerisches sind und deshalb zu ihrer Identität gehören. Da herrscht aus meiner Sicht eine grosse Ignoranz. Ich kenne Leute, die haben sich kein bisschen aufgeregt, als Firmen trotz Kurzarbeit Dividenden ausgeschüttet haben, dafür machen sie jetzt bei den Mohrenköpfen einen Riesen-Radau. So etwas verstehe ich einfach nicht.

Neben dem Begriff Mohrenkopf wird aktuell auch über Statuen, Namen von Bars und Gaststätten oder Ortswappen gestritten. Führen solche Diskussionen den wichtigen Kampf gegen Rassismus nicht ad absurdum und schaden diesem mehr, als sie nützen?

Das glaube ich nicht. Solche Debatten können Denkanstösse liefern und letztlich ein Schritt in eine weniger rassistische Gesellschaft sein. Wichtig ist aber, dass mit der Entfernung der Bezeichnungen und Objekte immer auch ein Prozess der Bildung und der Selbstreflexion einhergeht. So wie etwa bei der Colonial-Bar in Bern: Nachdem die Betreiber heftig kritisiert worden waren, mussten sie sich eingestehen, dass der Name nicht mehr zeitgemäss ist. Wenn solche Namen und Symbole aus dem Alltag verschwinden, können auch die damit verbundenen rassistischen Stereotypen nicht mehr durchscheinen. Das ist ein Anfang.

Was muss aus Ihrer Sicht nun passieren, damit die Proteste zu einem Erfolg werden und nicht einfach versanden?

Rassismus wird uns wohl noch sehr, sehr lange beschäftigen. Die Proteste sind wichtig, um das Problem sichtbar zu machen. Aber sie reichen bei weitem nicht aus: Es liegt an jedem Einzelnen, sich mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen. Es gibt dazu viele gute Materialien im Internet oder Bücher schwarzer Autorinnen, die über ihre Erfahrungen berichten. Im Schulunterricht muss die Geschichte der Schweiz in der Kolonialzeit aufgearbeitet werden. Auch in den Institutionen braucht es intern Weiterbildungen zum Thema.

«Eine ‹farbenblinde› Gesellschaft möchte ich nicht. In einer solchen Welt würden die Kämpfe von Schwarzen und People of Color kleingeredet.»

Mohamed Abdirahim

Glauben Sie, dass es jemals eine «farbenblinde» Gesellschaft geben wird, in der die Hautfarbe überhaupt keine Rolle mehr spielt?

Ich denke, wir alle streben eine Gesellschaft an, in der es keine Homo- und Transphobie, keinen Sexismus, Faschismus und Rassismus gibt. Aber eine «farbenblinde» Gesellschaft möchte ich nicht. In einer solchen Welt würde das Individuum zu wenig gewürdigt und die Kämpfe von Schwarzen und People of Color in der Geschichte und Gesellschaft kleingeredet. Die richtigen Lösungen sind Bildung, der Austausch mit Betroffenen sowie Plattformen, auf denen über Rassismus und die Kolonialzeit diskutiert werden kann. Wenn wir laufend daran arbeiten, wird die Gesellschaft sicher um einiges angenehmer.

Demos in der ganzen Schweiz

In vielen Schweizer Städten ist es am Samstag zu Demonstrationen gegen Rassismus gekommen. Erneut gingen tausende Menschen auf die Strasse, um friedfertig ihre Meinung kundzutun. Proteste gab es etwa in Zürich, Bern, Luzern und St. Gallen. Auf dem Berner Bundesplatz nahmen schätzungsweise 4000 Menschen an der unbewilligten Kundgebung teil. Die Kantonspolizei liess trotz des Verbots von Versammlungen von über 300 Personen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewähren. Die Kundgebung aufzulösen hätte die Gefahr von Ausschreitungen bedeutet, hiess es bei der Medienstelle. Auch wäre das Risiko von Ansteckungen höher gewesen. Zu Anhaltungen kam es nicht.

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