Insiderin packt aus: «Da wird man zur Callcenter-Abzockerin»
Aktualisiert

Insiderin packt aus«Da wird man zur Callcenter-Abzockerin»

Das Job-Inserat klang gut und sie brauchte das Geld. Doch der Alltag in einem Callcenter war für sie und viele Kunden am anderen Ende der Leitung eine Katastrophe.

von
G. Brönnimann
«Guten Tag Herr Meier, hier ist Schneider, Grüezi! Ich habe gesehen, dass Sie keinen Stern-Eintrag im Telefonbuch haben! Das ist richtig, oder?»  Manche Callcenter machen gar Werbetelefone gegen Werbetelefone. (Symbolbild)

«Guten Tag Herr Meier, hier ist Schneider, Grüezi! Ich habe gesehen, dass Sie keinen Stern-Eintrag im Telefonbuch haben! Das ist richtig, oder?» Manche Callcenter machen gar Werbetelefone gegen Werbetelefone. (Symbolbild)

Frau D.V.*, Sie haben im vergangenen Jahr während zwei Monaten bei einem Callcenter gearbeitet. Wie war das?

Nicht toll.

Warum, telefonieren Sie nicht gerne?

Daran liegt es nicht. Es war wegen dem, was wir tun mussten und wegen unseren Arbeitsbedingungen: Die im Artikel von 20 Minuten beschriebenen Telefon-Terror-Methoden einiger schwarzer Schafe der Branche erinnerten mich sehr daran.

Was genau mussten Sie tun?

Wir verkauften ein Produkt, das angeblich unerwünschte Telefonwerbung verhindert. Ein Abonnement.

Sie machten also Telefonwerbung für ein Bezahl-Abo gegen Telefonwerbung?

Ja. Es ist viel über solche Angebote geschrieben worden.

Bis auf die Tatsache, dass das paradox ist: Was war denn das Problem mit dem Service, den Sie da verkauft haben?

Teil des verkauften Produkts war ein Sterneintrag im Telefonbuch. Der ist gratis. Dann veranlassten wir einen Eintrag in einer Werbesperrliste – für Callcenter ebenfalls gratis. Ein Bestandteil des Service ist auch, dass man melden kann, wenn man trotz Abo einen Werbeanruf erhalten hat. Dann beantragten wir eine Löschung aus der Datenbank. Das ist aber nicht in jedem Fall erfolgreich.

Hätten Sie selber so ein Abo gelöst?

Nein, das würde ich nie kaufen.

Wie fühlte sich das an, das tagtäglich möglichst vielen Leuten aufzuschwatzen?

Was soll ich sagen? Einem 95-Jährigen ein Abo mit zehnjähriger Laufzeit zu verkaufen – das ist einfach asozial. Da wird man zur Callcenter-Abzockerin, da fühlt man sich nicht gut dabei.

Warum haben Sie es denn gemacht?

Ich brauchte unbedingt einen Job. Und das Inserat sah gut aus: Gute Anstellungsbedingungen, fixer Stundenlohn. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Ich habe es auch nicht sehr lange ausgehalten. Wie die meisten dort.

Haben alle dieselben Skrupel?

Das kann ich nicht beurteilen. Die Mitarbeiter waren nett. Aber man weiss aufgrund der Inserate nicht, was einen erwartet. Und die Arbeitsbedingungen waren eher Horror.

Sie haben mir Ihren Arbeitsvertrag gezeigt. Was hat Sie daran am meisten gestört?

Da steht, es sei ein unbefristeter Arbeitsvertrag – und gleichzeitig steht drin, man werde fristlos gekündigt, wenn man einmal nicht erscheint. Dann steht etwas von fixem Stundenlohn. Aber es gilt, dass die Zielvereinbarung erreicht werden muss – ansonsten entfällt der fixe Stundenlohn. Das wiederum steht auf der Zielvereinbarung. Es muss eine gewisse Anzahl von gültigen Abschlüssen erreicht erreicht werden, sonst gibt es sehr schnell nur noch ganz wenig Geld.

Und das war schwierig?

Meistens gelang es schon. Im Stelleninserat hiess es, man könne 30 bis 35 Franken pro Stunde verdienen – aber das ist fast unmöglich.

Warum wehrt sich denn niemand gegen diese Arbeitsbedingungen?

Dort arbeiten viele ehemalige Arbeitslose und Ausländer. Fast alle sind sehr auf diesen Job angewiesen, aus verschiedensten Gründen. Niemand traut sich, dagegen vorzugehen.

Sie haben mir auch die Verkaufsgesprächsvorlage gezeigt. Hiessen bei Ihnen alle Frau Schneider?

Wir hiessen fast alle gleich, ja. Ohne Allerweltsnamen musste man den Namen ändern, Ausländer-Namen gingen überhaupt nicht.

Und ich habe gesehen, dass alle Fragen nur mit ja beantwortet werden können.

Ja.

Und der wichtigste Teil ist wohl der Schluss: Der heisst Closing. Da sagten Sie den Leuten, dass Sie ihr Ja zum Vertragsabschluss auf Band aufnehmen würden.

Genau. Die Chefs sagten: Es ist völlig egal, was ihr vorher sagt. Was zählt, sind die Abschlüsse.

*Name geändert

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