Falsche Etymologien: Dämlich kommt nicht von Dame
Aktualisiert

Falsche EtymologienDämlich kommt nicht von Dame

Die Wörter unserer Sprache haben oft eine lange und wechselvolle Geschichte. Unzählige Sprecher haben sie im Lauf der Jahrhunderte mündlich wie schriftlich verwendet und dabei allerlei Mutmassungen über ihre Herkunft angestellt. Dabei kann einiges schiefgehen.

Mit der Herkunft und der Geschichte der Wörter beschäftigt sich eine eigene Disziplin der Sprachwissenschaft: die Etymologie (griechisch «etymos» bedeutet «wahr», «logos» heisst «Rede»). Doch nicht nur Fachleute, sondern auch Laien versuchen sich darin und liegen erwartungsgemäss des Öfteren falsch.

dämlich

Schadenfreudige Machos werden bitter enttäuscht sein: Wenn man eine Person als «dämlich» abqualifiziert, unterstellt man ihr keineswegs die vermeintliche geistige Beschränktheit einer Dame. Das Wort geht wohl auf die indogermanische Wurzel «tem-» («dunkel») zurück, die auch in «Dämmerung» enthalten ist. Die Dunkelheit wurde dann als Metapher für «Dummheit» gebraucht.

Emanzipation

Vor einigen Jahren widerfuhr es dem Schreibenden, dass er auf einem Flugblatt das Wort «Efrauzipation» lesen musste. Verzweifelt hielt er nach Ironiesignalen Ausschau, wurde aber nicht fündig; die Verfasserinnen meinten es offenbar völlig ernst.

Die Sprache von sexistischen Ausdrücken zu befreien ist natürlich ein berechtigtes Anliegen, aber «Efrauzipation» ist lupenreiner Unsinn. Wenn «man» drinsteht, ist nicht unbedingt auch der «Mann» drin. Das Wort setzt sich vielmehr aus lateinisch «ex» («aus»), «manus» («Hand») und «capere» («nehmen») zusammen, bedeutet also «aus der Hand nehmen». Bei den Römern war damit zunächst die Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt gemeint, später dann jegliche Befreiung von Abhängigkeit (Emanzipation des Bürgertums, der Juden etc.). Im späteren 20. Jahrhundert wurde es dann fast nur noch zur Bezeichnung der rechtlichen Gleichstellung der Frau gebraucht.

post(h)um

Schreibt man dieses Wort nun mit oder ohne h? Natürlich mit, höre ich die Hobbyetymologen rufen, denn schliesslich komme es ja von lateinisch «post humum», «nach der Erde», also «nach dem Tod». Nicht so voreilig, muss ich da leider erwidern: Im römischen Erbrecht war ein «postumus» ein nach dem Tod des Erblassers geborener Sohn, der aber dennoch erbberechtigt war. Das Wort wurde dann auf nach dem Tod eines Autors erschienene Werke übertragen. Von der Etymologie her gesehen ist also einzig die Schreibung «postum» korrekt, der Duden akzeptiert aber mittlerweile auch das volksetymologische «posthum».

Elephant and Castle

Dabei handelt es sich um einen Verkehrsknotenpunkt in Südlondon. Eine verbreitete Legende führt die Bezeichnung auf spanisch «Infanta de Castilla» zurück, das von den englischen Spanischmuffeln als «Elephant and Castle» missdeutet worden sei. Die «Infanta» war die älteste Tochter des spanischen Königs, «Castilla» ist das historische Kernland des heutigen Spanien. Angeblich ist damit Eleanor von Kastilien gemeint, die Frau des englischen Königs Edward I., der von 1272 bis 1307 regierte. Das Problem dabei ist, dass Eleanor gar keine «Infanta» sein konnte, denn das Wort ist im Englischen nicht vor 1600 belegt. Tatsächlich ist die Gegend nach einem Pub benannt, auf dessen Schild ein Elefant abgebildet war, der ein Schloss («castle») trug. Das Pub war um 1760 aus einer Schmiede entstanden, die dasselbe Emblem verwendet hatte. Ursprünglich war es das Zeichen der Zunft der Messerschmiede. Ein Elefant war darauf zu sehen, weil Messergriffe häufig aus Elfenbein hergestellt wurden. Das Schloss ist wohl ein Zeichen für einen Hochsitz auf dem Rücken von Elefanten; dieser wurde in Indien traditionell von Jägern verwendet.

Fisimatenten

Für dieses schöne Wort, das «Ausflüchte» oder «Scherereien» bedeutet, gibt es eine köstliche Volksetymologie: Als Deutschland in napoleonischer Zeit grösstenteils französisch besetzt war, versuchten sexuell ausgehungerte französische Soldaten angeblich, deutsche Mädchen mit der Aufforderung «Visitez ma tente!» («Besuchen Sie mein Zelt!») zu sich zu locken. Daraufhin sollen deutsche Eltern, die um die durch welsche Tücke gefährdete Unschuld ihrer Töchter besorgt waren, den jungen Damen eingeschärft haben, bloss keine «Fisi ma tenten» zu machen. Die Geschichte kann leider nicht stimmen, denn das Wort «visimetent» ist bereits im Jahr 1499 belegt. Die etymologischen Wörterbücher führen es auf den Ausdruck «visae patentes» («ordnungsgemäss geprüfte Patente») aus der mittellateinischen Kanzleisprache zurück. Die abschätzige Bedeutung entwickelte sich möglicherweise aus der Verspottung der Bürokratie. Doch wie sagen die Italiener? «Se non è vero, è ben trovato» («Wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden»).

Guter Rutsch

Mit diesen Worten wünscht man bekanntlich einen angenehmen Übergang ins neue Jahr. Ursprünglich bestand aber kein Zusammenhang mit «Rutsch». Zugrunde liegt vielmehr das jüdische Neujahrsfest «Rosch ha-Schanah» («Kopf des Jahres»). Passanten, die hörten, wie sich Juden einen guten «Rosch» wünschten, machten daraus einen «Rutsch».

Hals- und Beinbruch

Hier scheint bittere Ironie vorzuliegen: Man wünscht scheinbar jemandem Glück, indem man ihm den Tod wünscht. In Wahrheit wurde aber auch in diesem Fall eine jiddische Wendung falsch verstanden: «hatsloche un' broche» bedeutet Glück und Segen.

Hängematte

Die Spanier hörten von Eingeborenen auf Haiti ein Wort für eine Schlafvorrichtung, das sie als «hamaca» wiedergaben. Daraus entwickelten sich beispielsweise französisch «hamac» und englisch «hammock». Auch in deutschen Reisebeschreibungen des 16. und 17. Jahrhunderts liest man «Hamacca» oder «Hamach». Für deutsche Ohren klang das Wort extrem fremd. Da das Aussehen des entsprechenden Gegenstandes mit «hängen» und «Matte» assoziiert wurde, prägte man noch im 17. Jahrhundert daraus das neue Wort «Hängematte».

Quäntchen

Offensichtlich unterstellen die geistigen Mütter und Väter der Orthografiereform den Leuten, dass sie sich bei der Schreibung mancher Wörter von etymologischen Überlegungen leiten lassen, dazu noch von falschen. Bei «Quentchen» denkt man an «Quantum», dachten die Reformer und verordneten die Schreibung «Quäntchen». Dabei hiess es früher (16. Jahrhundert) sogar «Quintchen» oder «Quintel»; das Wort geht nämlich auf lateinisch «quintus» («der fünfte») zurück. Verwirrenderweise meinte man damit aber nicht etwa ein Fünftel, sondern ein Viertel eines Lots, also eines Senkbleis.

Habseligkeiten

Dieses Wort wurde in einem vom Deutschen Sprachrat und dem Goethe-Institut veranstalteten Wettbewerb zum schönsten Wort der deutschen Sprache gekürt. In der Begründung hiess es, es verbinde das weltliche Haben mit dem unerreichbaren Ziel des menschlichen Glücksstrebens, der Seligkeit nämlich. Den Mitgliedern des Deutschen Sprachrats war diese Aussage wohl ziemlich peinlich, denn die dadurch implizierte Etymologie ist leider falsch. «Habseligkeiten» sind nämlich keine «Hab-seligkeiten», sondern «Habsel-igkeiten». So wie aus «Trübsal» «trübselig» und aus «Mühsal» «mühselig» wurde, bildete man aus ursprünglichem «Habsal» «habselig», dass dann mit dem Suffix «-keit» zu «Habseligkeit» erweitert wurde. Die Wahrheit ist manchmal leider sehr prosaisch.

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