07.09.2020 17:59

Ikea unterstützt Vaterschaftsurlaub«Dahinter steckt sicher ein Stück Marketing und Imagepflege»

Der schwedische Möbelkonzern setzt sich für den Vaterschaftsurlaub ein und greift damit in den Abstimmungskampf ein. Für die Gegner der Vorlage ist klar, das Unternehmen will Kosten sparen.

von
Barbara Scherer
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Am 27. September stimmt die Schweiz über den Vaterschaftsurlaub ab. Ikea unterstützt die Vorlage.

Am 27. September stimmt die Schweiz über den Vaterschaftsurlaub ab. Ikea unterstützt die Vorlage.

Ikea
Damit greift das Unternehmen zum ersten Mal in einen Abstimmungskampf ein.

Damit greift das Unternehmen zum ersten Mal in einen Abstimmungskampf ein.

KEYSTONE
Bei Ikea erhalten werdende Väter seit 2017 einen sechswöchigen Urlaub. Damit habe das Unternehmen gute Erfahrungen gemacht und man wolle andere Firmen animieren, das Gleiche zu tun.

Bei Ikea erhalten werdende Väter seit 2017 einen sechswöchigen Urlaub. Damit habe das Unternehmen gute Erfahrungen gemacht und man wolle andere Firmen animieren, das Gleiche zu tun.

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Darum gehts

  • Ikea setzt sich für zwei Wochen Vaterschaftsurlaub ein.
  • Die Befürworter der Vorlage freuen sich über die Unterstützung.
  • Die Gegner sagen, Ikea wolle damit die Kosten auf die Allgemeinheit abwälzen.

Statt einen Tag sollen frischgebackene Väter zwei Wochen bezahlten Urlaub bekommen. Dafür setzt sich der schwedische Möbelhersteller Ikea ein. Damit greift das Unternehmen zum ersten Mal in einen Abstimmungskampf ein. Denn am 27. September stimmt die Schweiz über den Vaterschaftsurlaub ab.

Bei Ikea erhalten werdende Väter seit 2017 einen sechswöchigen Urlaub. Damit habe das Unternehmen gute Erfahrungen gemacht. «Diese wollen wir teilen und andere Firmen animieren, das Gleiche zu tun», erklärte ein Sprecher im Mediengespräch am Montag.

Auch aus Marketingsicht sei die politische Positionierung sinnvoll: «Schliesslich machen junge Familien einen Grossteil unserer Kunden aus.» Sich als grosses Unternehmen politisch zu äussern, sei heute auch nichts Neues: Gerade jüngere Kunden würden von Firmen einen gewissen politischen Einsatz erwarten.

Unternehmen finden Vaterschaftsurlaub notwendig

«Dass ein so bekanntes und grosses Unternehmen wie Ikea den Vaterschaftsurlaub unterstützt, spricht für die Abstimmungsvorlage», sagt Adrian Wüthrich, Travailsuisse-Präsident und SP-Politiker. Er ist Präsident des Ja-Komitees «Vaterschaftsurlaub jetzt». Das Engagement von Ikea zeige, dass Unternehmen den Vaterschaftsurlaub notwendig finden.

«Entgegen der Meinung der Gegner beweist es, dass der bescheidene Vaterschaftsurlaub mit zwei Wochen für die Wirtschaft tragbar ist», so Wüthrich. So sprechen sich auch die Arbeitgeberverbände der Westschweiz sowie der Schweizerische Baumeisterverband und der IT-Branchenverband Swico für die Vorlage aus.

Kosten werden auf Allgemeinheit abgeschoben

Die Gegner der Vorlage sehen den Einsatz von Ikea kritisch: «Heute bezahlt Ikea den Urlaub zu 100 Prozent selber. Wird die Vorlage angenommen, würde Ikea einen Teil der Kosten auf die Allgemeinheit abschieben», sagt SVP-Politikerin Diana Gutjahr. Sie ist Co-Präsidentin des Komitees gegen den Vaterschaftsurlaub.

Für sie ist klar: Das geht nicht. Ihrer Meinung nach müssen grosse Konzerne den Vaterschaftsurlaub weiterhin selber bezahlen. KMU dagegen können den Vaterschaftsurlaub weder organisatorisch noch finanziell stemmen. Darum müsse der staatliche Vaterschaftsurlaub abgelehnt werden.

Das sagt der Politologe:

Herr Perron, sollten Unternehmen wie Ikea in Abstimmungen eingreifen? Grundsätzlich sehe ich darin kein Problem. Schliesslich sind Firmen, die hier Steuern zahlen und Arbeitsplätze schaffen, ein Teil der Gesellschaft. Deshalb dürfen sie ihre Meinung kundtun.

Aber was bringt das der Firma? Dahinter steckt sicher ein Stück Marketing und Imagepflege. Ikea möchte damit gerade die jüngere Generation ansprechen. Auch springt sie damit auf einen neuen Trend aus den USA auf. Dort ist es schon länger normal, dass Unternehmen politisch Stellung beziehen, wie zurzeit bei der Anti-Rassismus-Bewegung «Black Lives Matter».

Welche Risiken birgt es, wenn Unternehmen politisch Stellung beziehen? Kunden, die anderer Meinung sind, könnten in Zukunft nicht mehr bei Ikea einkaufen. Aber ich denke, das wird sich in Grenzen halten. Schliesslich ist die Vorlage nicht so umstritten. Ikea sagt zudem, sie hätten einen Leistungsausweis für dieses Thema. Damit exponiert sich das Unternehmen natürlich auch und wird angreifbar.

Louis Perron ist Politologe und Politberater aus Zürich

Statement könnte Kunden vergraulen

Dass Ikea mit einer politischen Aussage die Stimmbürger beeinflussen könnte, glaubt FDP-Politiker Hans-Ulrich Bigler nicht. Er ist Gewerbeverbandsdirektor und Mitglied des Komitees gegen den Vaterschaftsurlaub. «Unter den Ikea-Kunden gibt es sicher Befürworter und Gegner der Abstimmungsvorlage», so Bigler.

Es stelle sich daher vielmehr die Frage, ob es marketingtechnisch eine gute Idee ist, dass sich das Unternehmen politisch äussert. Schliesslich könnte die politische Positionierung von Ikea gewisse Kunden auch vergraulen.

Auch andere Firmen mischen sich ein

Ikea ist aber nicht das erste Unternehmen, das sich in einen Abstimmungskampf in der Schweiz mischt: Im Januar hat sich Coca-Cola für die Erweiterung der Antirassismus-Strafnorm ausgesprochen. Kritiker warfen dem Konzern Heuchelei vor: Es handle sich dabei um eine reine Marketingkampagne.

Trotz der Kritik steht Coca-Cola zum Entscheid: «Wir stehen ein für eine vielfältige und diskriminierungsfreie Schweiz», sagt ein Sprecher zu 20 Minuten. Mit der Aktion wollte das Unternehmen Farbe bekennen.

Dass es kritische Rückmeldungen gab, sieht Coca-Cola positiv: Dank einigen kritischen Reaktionen sei ein Dialog entstanden. Deshalb ist klar: «Wir würden es wieder so machen.»

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352 Kommentare
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Bruno Manser

08.09.2020, 19:36

Wieso hat IKEA Ressourcen (Personal und Geld) für Wahlkampf und schafft es nicht die Holzart und Holzherkunft bei ca. 1'200 Produkten vollständig zu deklarieren? "Von einem Konzern von der Grösse und Bedeutung von IKEA erwarten wir, dass er die Holzherkunft seiner Produkte jederzeit gesetzeskonform und kundenfreundlich kenntlich macht."

Susanne

08.09.2020, 16:46

Wie wäre es, wenn Alleinstehende auch mal bervorzugt würden gegenüber Familien und ein Zückerli bekämen? Alleinstehende können Familien mitfinanzieren und können kaum profitieren. Wer sich für Kinder entscheidet, soll alles schön selber finanzieren und nicht noch auf Kosten anderer leben.

Elchi

08.09.2020, 16:11

Was würde ein Ikeamitarbeiter antworten, wenn er gefragt würde: was möchtest du lieber, 4 Wochen Vaterschaftsurlaub oder einen Monatslohn als Geburtszulage.