Seit Jahren vermisst: Daniel (42) kaufte sich ein Messer – und verschwand
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Seit Jahren vermisstDaniel (42) kaufte sich ein Messer – und verschwand

Daniel gilt seit fast vier Jahren als vermisst. Von einem Tag auf den anderen verschwand er. Weder Familie noch Freunde wissen, wo er ist. Seine Schwester und sein bester Freund erzählen, wie sie damit umgehen.

von
Anja Zingg
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Daniel war 42 als er verschwand. Seit vier Jahren hat niemand ihn gesehen oder von ihm gehört. 

Daniel war 42 als er verschwand. Seit vier Jahren hat niemand ihn gesehen oder von ihm gehört.

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Er fuhr zu einer Autobahnraststätte. Das war auf einer Überwachungskamera zu sehen.  (Symbolbild)

Er fuhr zu einer Autobahnraststätte. Das war auf einer Überwachungskamera zu sehen. (Symbolbild)

Shopping Raststätte Würenlos
Auf dem Parkplatz wurde sein Auto von der Polizei gefunden. (Symbolbild)

Auf dem Parkplatz wurde sein Auto von der Polizei gefunden. (Symbolbild)

20min/gwa

Darum gehts

  • Daniel verschwand an einem Montag ohne Nachricht aus seinem Leben.

  • Die Polizei suchte nach ihm.

  • Sie fanden lediglich sein Auto, parkiert auf einer Autobahnraststätte.

  • Seine Schwester und sein bester Freund leiden noch heute unter seinem Verschwinden.

Am jenem Montagmorgen im Mai vor bald vier Jahren erschien Daniel wie gewohnt bei seiner Arbeit. «Doch nach einem privaten Anruf verliess er das Büro. Seither hat den damals 42-Jährigen niemand mehr gesehen. Seine damalige Freundin hat ihn am Dienstag bei der Polizei als vermisst gemeldet», erinnert sich Karin, Daniels Schwester, zurück.

Auch Marco kann sich gut an diesen Tag 2017 erinnern. Er ist ein langjähriger Freund von Daniel und ein Bekannter von Daniels damaligem Arbeitgeber. Dieser meldete sich bei Marco, gleich nachdem Daniel nicht mehr zur Arbeit kam. Er könne ihn nicht erreichen, erzählte der Arbeitgeber. Ob Marco wisse, was los sei. Marco kannte Daniel zu diesem Zeitpunkt schon über zehn Jahre. Einmal in der Woche gingen die Freunde gemeinsam essen. «Im Nachhinein realisierte ich, dass sich Dani in den Monaten vor seinem Verschwinden ziemlich verändert hatte», erinnert sich Marco zurück.

Polizei findet das Auto

Mit den Polizeiermittlungen kamen immer mehr Details ans Licht. Tage später fand die Polizei Daniels Auto auf der Autobahnraststätte Würenlos. Von dort wurde seine Spur zurückverfolgt. Sie zeigte, dass Daniel nach dem Telefonat am Arbeitsplatz zum Shoppi Tivoli in Spreitenbach fuhr und sich dort ein Filetiermesser kaufte. Von dort ging es weiter zu eben jener Autobahnraststätte. Bilder einer Überwachungskamera zeigten zwar, dass Daniel auf den Parkplatz fuhr, das Restaurant selbst hatte er aber nie betreten. Von Daniel selbst fehlte jede Spur.

Spur verlor sich in der Limmat

«Nachdem das Auto gefunden wurde, kam die Polizei mit Suchhunden. Die Leichenspürhunde gaben nicht an. Aber Daniels Spur konnte bis an die Limmat verfolgt werden. Dort verlor sie sich», erinnert sich Marco zurück. Auch Daniels Handy wurde gefunden. Die zuständige Staatsanwaltschaft kann dazu aber keine Auskunft geben. Sie verweist auf den Persönlichkeitsschutz und teilt lediglich mit, dass das Verfahren sistiert wurde, da ein Gewaltverbrechen ausgeschlossen werde.

Vermissten-Serie

In der dreiteiligen Serie erzählen Angehörige vom Verschwinden ihrer Liebsten, oder davon, wieso sie selbst sich aus dem Staub gemacht haben.

Teil 1: «Ich würde ihm wohl als erstes eine Ohrfeige geben» Nicole war 25, als ihr Onkel verschwand. Das war vor rund acht Jahren. Sie ist überzeugt, dass ihr Götti noch am Leben ist.

Teil 2: Daniel (42) kaufte sich ein Messer – und verschwand. Daniel gilt seit fast vier Jahren als vermisst. Von einem Tag auf den anderen verschwand er. Weder Familie noch Freunde wissen, wo er ist. Seine Schwester und sein bester Freund erzählen, wie sie damit umgehen.

Teil 3: «Mit 18 bin ich für drei Jahre untergetaucht» Nach seinem Outing fühlte sich Giovanni zu Hause nicht mehr wohl. Eines Tages packte er einen Koffer und verschwand – drei Jahre lang hatte er keinen Kontakt zu seiner Familie. → Folgt

Marco ist überzeugt, dass Daniel noch am Leben ist. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich etwas angetan hat. Allein schon, weil nie eine Leiche aufgetaucht ist.» Wäre er ihm Fluss ertrunken, hätte man früher oder später seine sterblichen Überreste aus dem Wasser gezogen, ist Marco überzeugt. «Nur ein kleines Stück flussabwärts ist ein Wasserwerk. Dort wird das ganze Wasser gefiltert. Es ist unmöglich, dass ein Körper an dieser Stelle der Limmat einfach verschwindet.»

Marco glaubt, dass Daniel unglücklich gewesen war. Er macht keinen Hehl daraus, dass er Daniels damalige Freundin nicht sonderlich mochte. «Dani begann sich zu verändern. Er kam weniger oft mit, wenn wir ausgingen. Einmal waren wir im Restaurant und sie rief ihn gefühlt alle fünf Minuten an. Ich glaube, er sah keinen anderen Ausweg aus der Beziehung, als unterzutauchen.»

Familie wird mit Problemen konfrontiert

Wird eine Person vermisst, ist dies für die Familie oft sehr schwierig. Nicht nur emotional, sondern auch rechtlich oder finanziell. Daniels Schwester Karin war nach dessen Verschwinden mit völlig unbekannten Problemen konfrontiert. «Daniel hatte seine Wohnung gekündigt, weil er bald mit seiner Freundin zusammenziehen wollte. Der Dauerauftrag für die Miete lief aber immer noch. Ich habe keine Vollmacht über sein Konto, also konnte ich den Auftrag nicht kündigen.» Sie habe darum die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) kontaktiert und ihr den Fall geschildert. «Dani erhielt einen Beistand, der seine Finanzen verwaltete. Er muss nach wie vor Krankenkasse und Steuern zahlen.» Denn wer vermisst ist, gilt offiziell als noch am Leben (siehe Box unten).

Unterschied zwischen vermisst und verschollen

Eine Person, die als vermisst gilt, ist rechtlich gesehen noch am Leben. Dies hat weitreichende Folgen für die Angehörigen dieser Person. So werden zum Beispiel keine Renten wie Halbwaisen- oder Witwenrenten ausbezahlt. Auch Versicherungsleistungen oder Erbschaften werden von Amtes wegen zurückgehalten. Erst wenn die Person offiziell als verschollen gilt, gelten die gleichen Rechte wie bei einem Todesfall. Verschwindet jemand ohne Nachricht von der Bildfläche, muss mindestens fünf Jahre gewartet werden, bis Angehörige am Gericht des Wohnorts der vermissten Person eine Verschollenenerklärung beantragen können. Nach dem Ablauf einer weiteren Frist von 12 Monaten gilt die Person dann offiziell als verschollen.

Einzige Ausnahme: Wenn der Tod wahrscheinlich ist, zum Beispiel wenn jemand aufgrund einer Naturkatastrophe als vermisst gilt, ist die Frist kürzer. Dann kann die Ausschreibung durch das Gericht nach einem Jahr erfolgen, was insgesamt einer Frist von zwei Jahren statt sechs entspricht.

Per Anfang 2021 waren national 1085 Personen als vermisst ausgeschrieben. Nicht alle vermissten Personen werden auch international gesucht. Darüber entscheidet der zuständige Kanton. Die aktuellsten Zahlen sind von November 2020. Im Schengenraum waren zu diesem Zeitpunkt 712 Personen als vermisst ausgeschrieben.

«Er würde uns das nicht antun»

Karin glaubt allerdings nicht daran, dass Daniel untergetaucht ist: «Ich kann und will nicht glauben, dass Dani die letzten vier Jahre irgendwo sein Leben lebte und uns dieser Ungewissheit und diesem Schmerz voller Absicht aussetzt. Das würde mein Bruder nie tun.» Karin hat eine andere Theorie. «Mein Bruder hatte enge Freunde, aber alle waren vergeben, hatten Freundinnen oder Ehefrauen und Kinder. Er sehnte sich ebenfalls danach. Vielleicht war die Beziehung am Kriseln und das hat etwas bei ihm ausgelöst. Was, bleibt ungewiss.»

Wie die Polizei vorgeht

«Jeder hat das Recht, zu verschwinden»

zvg

Marco Cortesi, Mediensprecher der Stadtpolizei Zürich, musste schon einige Vermisstenmeldungen veröffentlichen. Wieso dies nicht in jedem Fall getan wird, erzählt er im Interview.

Herr Cortesi, nehmen wir an, mein Partner geht am Morgen aus dem Haus zur Arbeit und kommt abends nicht mehr zurück, wann soll ich zur Polizei?

Wenn Sie das Gefühl haben, etwas stimmt nicht, melden Sie sich bei der Polizei. Damit beginnen interne Abklärungen. Wie die Polizei genau vorgeht, möchten wir aber nicht mitteilen.

Wieso nicht?

Schlussendlich hat jeder erwachsene Mensch das Recht zu verschwinden. Wenn wir ermitteln, steht das Wohl des Vermissten im Vordergrund. Wenn er nicht gefunden werden will, müssen wir das respektieren.

Wie wissen Sie, ob jemand nicht gefunden werden will, oder ob nicht tatsächlich ein Gewaltdelikt vorliegt?

Natürlich wird immer eine umfassende Umfeldabklärung vorgenommen. Zu Beginn wird zum Beispiel geschaut, wo wohnt die vermisste Person, ist sie tatsächlich nicht mehr dort aufzufinden, wie hat sie die Wohnung hinterlassen? Dann wird mit dem Umfeld gesprochen. So kommen einige Informationen zusammen. Es gibt manchmal aber auch klare Zeichen, dass sich jemand freiwillig aus dem Staub gemacht hat.

Zum Beispiel?

Wenn die Person im Ausland von der dortigen Polizei aufgegriffen wird und wohlauf ist. Dann ist für uns selbstverständlich ein Gewaltverbrechen ausgeschlossen. Dieses Wissen hilft oft auch den Angehörigen. Die Person gilt weiter als vermisst, der Wunsch nicht gefunden zu werden, wird jedoch respektiert.

Wird darum auch nicht in jedem Fall öffentlich nach einer vermissten Person gefahndet?

Genau. Der Schritt an die Öffentlichkeit ist immer der letzte und erfolgt nur wohlüberlegt. Stellen Sie sich vor, Sie werden als vermisst gemeldet, weil Sie zum Beispiel eine Psychose erleben. Wenn wir Ihren Namen und Ihr Foto öffentlich machen, erfahren das alle aus Ihrem Umfeld. Wenn Sie gefunden werden, es Ihnen besser geht und Sie auf einen neuen Job bewerben, lässt sich Ihr Name mit einer Google-Suche ganz einfach finden. Deshalb wägen wir immer ab.

Wie sieht es aus, wenn Kinder oder ältere Personen verschwinden?

Wenn Kinder vermisst werden oder Personen aus Institutionen wie Pflegeheimen verschwinden, ist das Vorgehen ein anderes. Gerade bei den jetzigen Temperaturen setzen wir alles daran, die Vermissten zu finden. Da wird zum Beispiel auch einmal ein Helikopter eingesetzt. Anders sieht die Situation aus, wenn zum Beispiel Heranwachsende nach einem Streit mit den Eltern nicht mehr nach Hause kommen. Dort wird nochmals anders vorgegangen. Es gibt darum nicht “den Vermisstenfall”, bei jedem Fall wird individuell vorgegangen.

Hast du oder jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirche

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Tel. 147

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