Lucies Mörder: Daniel H. könnte 2024 ein freier Mann sein
Aktualisiert

Lucies MörderDaniel H. könnte 2024 ein freier Mann sein

Das Urteil gegen Daniel H. ist gefällt worden, doch viele Fragen bleiben: Wieso wird er nicht zwingend verwahrt? Und warum könnte der Mörder in 12 Jahren frei sein? Die wichtigsten Antworten.

von
meg

Lebenslängliche Freiheitsstrafe und Verwahrung: So lautet das Urteil gegen den Mörder von Lucie Trezzini, das gestern das Bezirksgericht Baden gefällt hat. Was lebenslänglich heisst und warum auch eine Verwahrung nicht vor Sextätern schützt, haben wir mit Lukas Gschwend, Strafrechtsprofessor an der Universität St. Gallen besprochen.

Wann kommt Daniel H. frühestens aus dem Gefängnis?

Daniel H. wurde zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Das bedeutet, dass er mindestens 15 Jahre absitzen muss. Rechnet ihm das Gericht die drei Jahre an, die er seit seiner Verhaftung bereits im Gefängnis sitzt, könnte er theoretisch in 12 Jahren frei kommen – also im Jahr 2024. Denn theoretisch ist es auch möglich, dass er die Verwahrung nie antreten muss (siehe Frage weiter unten).

In welchem Fall könnte er im Jahr 2024 entlassen werden?

Dazu müssten mindestens zwei Experten unabhängig voneinander zum Schluss kommen, dass Daniel H. nicht rückfallgefährdet und also keine Gefahr für die Gesellschaft mehr ist. Zudem muss er im Strafvollzug gute Führung gezeigt haben.

Ist er dann sofort ein freier Mann?

Daniel H. würde bedingt entlassen werden. Das heisst, es wird eine Probezeit von maximal 5 Jahren angesetzt. Während dieser Probezeit hat er verschiedene Bewährungsauflagen zu erfüllen. Er müsste sich in diesem Fall auch regelmässig bei seinem Bewährungshelfer melden und darf nicht delinquieren. Erfüllt er diese Auflagen, ist Daniel H. frei. Der Lucie-Mörder könnte also theoretisch – nach Ablauf der Mindeststrafe und der Probezeit – nach 20 Jahren ein Leben in absoluter Freiheit ohne Auflagen geniessen. Dass dies passiert, ist eher unwahrscheinlich, nicht zuletzt, weil er derzeit als nicht therapierbar eingestuft wird.

Wird Daniel H. auf jeden Fall verwahrt?

Grundsätzlich ist es möglich, dass Daniel H. nie verwahrt wird. Wenn ihm die Gutachter während dem Strafvollzug eine günstige Prognose ausstellen, könnte er theoretisch nach Verbüssung der lebenslänglichen Freiheitsstrafe (nach mindestens 15 Jahren) noch vor der Verwahrung entlassen werden. Wahrscheinlicher ist aber, dass Daniel H. trotzdem ein Leben lang hinter Gittern sitzt. Denn eine lebenslängliche Freiheitsstrafe hat keine Maximaldauer – sie kann bei entsprechenden Prognosen bis zum Tod dauern.

Wann wird Daniel H. verwahrt?

Der Strafvollzug in der Schweiz zielt auf Resozialisierung: Das heisst, Sträflinge gehen einer Arbeit und einem geregelten Alltag nach. Kommt eine Expertenkommission zum Schluss, dass eine Resozialisierung bei Daniel H. nach Ablauf der minimalen Strafdauer keinen Sinn macht, wird er verwahrt. In der Verwahrung könnte Daniel H. theoretisch vor sich hinvegetieren – ohne geregelten Arbeitsalltag.

Wann kann Daniel H. aus der Verwahrung entlassen werden?

Kommt Daniel H. in die Verwahrung, wird er nach zwei Jahren zum ersten Mal, später jährlich, begutachtet. Kommen zwei Gutachter unabhängig voneinander zum Schluss, dass bei Daniel H. keine Rückfallgefahr mehr besteht und von ihm keine Gefahr ausgeht, könnte der Vollzug gelockert bzw. die Massnahme aufgehoben werden.

Wie kann es sein, dass ein Sextäter wie Markus Wenger zunächst 22 Frauen sexuell missbraucht, dann 1999 verwahrt wird und 2012 bereits wieder eine Frau sexuell missbraucht?

Das Gericht ist dem bekannten Serienvergewaltiger schlicht auf den Leim gegangen. Der Serienvergewaltiger überzeugte das Verwaltungsgericht Luzern, dass er keine Gefahr mehr für die Gesellschaft sei. Dieses gewährt dem Verwahrten erst begleitete, dann unbegleitete Urlaube. Schliesslich darf Wenger im Oktober 2011 auf Anordnung des Verwaltungsgerichts in den offenen Vollzug. Seither lebte er in Basel in einer eigenen Wohnung. Obwohl er eine elektronische Fussfessel trägt, begeht er erneut ein Sexualdelikt. Ein Szenario, das auch bei Daniel H. nicht auszuschliessen ist. Sowohl Wenger als auch Daniel H. wurden von Gutachtern als grosse Manipulatoren eingeschätzt.

Warum wird Daniel H. nicht lebenslang verwahrt?

Herr Urbaniok, Daniel H. hat auf bestialische Art und Weise ein Mädchen getötet. Warum wird er nicht lebenslänglich verwahrt? Frank Urbaniok: Aufgrund des hohen Rückfall-Risikos und der ganz ungünstigen Therapieaussichten war es richtig, dass das Gericht eine lebenslängliche Verwahrung geprüft hat. Den endgültigen Entscheid kann ich nicht kommentieren, da ich Daniel H. selbst nicht beurteilt habe.

Herr Urbaniok, Daniel H. hat auf bestialische Art und Weise ein Mädchen getötet. Warum wird er nicht lebenslänglich verwahrt? Frank Urbaniok: Aufgrund des hohen Rückfall-Risikos und der ganz ungünstigen Therapieaussichten war es richtig, dass das Gericht eine lebenslängliche Verwahrung geprüft hat. Den endgültigen Entscheid kann ich nicht kommentieren, da ich Daniel H. selbst nicht beurteilt habe.

Beide psychiatrischen Gutachter wollten sich darin nicht festlegen, Daniel H. als dauerhaft untherapierbar zu bezeichnen, weshalb die Richter den Täter nicht lebenslang verwahren konnten...

Der Gutachter muss Chancen und Risiken genau herausarbeiten. Dabei muss z.B. das Risiko für eine neues Tötungsdelikt nicht 100% sein. Auch wenn das Risiko aufgrund sehr schlechter Therapieaussichten dauerhaft bei 70 oder 90 Prozent liegt, kann es sinnvoll sein, jemanden lebenslang zu verwahren. Die Entscheidung darüber muss der Richter treffen.

Daniel H. ist 28. Hat ihn eventuell auch sein Alter vor einem noch härteren Urteil bewahrt?

Klar ist man zurückhaltender, einen jungen Täter lebenslang zu verwahren. Ein junges Alter kann für die Therapie ein günstiger Faktor sein – oder aber auch das Gegenteil. Denn begeht zum Beispiel ein 17-Jähriger ein äusserst schweres Delikt, so kann dies auf eine besonders gravierende und in der Persönlichkeit fest verankerte Störung hinweisen.

Frank Urbaniok ist Gerichtspsychiater und Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich.

ram

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