08.02.2018 07:11

Secondos in der Armee«Dank dem Militär kann ich jetzt Polizist werden»

Aus Stolz, weil es dazugehört oder um den Traumjob zu bekommen: Darum haben diese fünf Secondos Militärdienst geleistet.

von
sil
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Immer weniger junge Erwachsene entscheiden sich für die Rekrutenschule. Die Zulassungen für den Zivildienst erreichten denn auch 2017 ein Rekordhoch.

Immer weniger junge Erwachsene entscheiden sich für die Rekrutenschule. Die Zulassungen für den Zivildienst erreichten denn auch 2017 ein Rekordhoch.

Keystone/Gaetan Bally
An den Secondos kann dies kaum liegen: Eine bisher unveröffentlichte detaillierte Auswertung einer ETH-Umfrage bei 1291 Rekruten aus dem Jahr 2014 zeigt, dass sie der Armee deutlich positiver gegenüberstehen als ihre Kollegen ohne Migrationshintergrund.

An den Secondos kann dies kaum liegen: Eine bisher unveröffentlichte detaillierte Auswertung einer ETH-Umfrage bei 1291 Rekruten aus dem Jahr 2014 zeigt, dass sie der Armee deutlich positiver gegenüberstehen als ihre Kollegen ohne Migrationshintergrund.

Keystone
So glaubten am Ende ihrer Zeit in der RS 37 Prozent der Secondo-Rekruten, dass sich ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt durch ihren Dienst steigern werden. Bei den «Schweizer» Rekruten waren es nur 28 Prozent. Zu Beginn der RS sahen gar 44 Prozent der Secondos ihre Job-Chancen durch die Armee verbessert.

So glaubten am Ende ihrer Zeit in der RS 37 Prozent der Secondo-Rekruten, dass sich ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt durch ihren Dienst steigern werden. Bei den «Schweizer» Rekruten waren es nur 28 Prozent. Zu Beginn der RS sahen gar 44 Prozent der Secondos ihre Job-Chancen durch die Armee verbessert.

Keystone/Gaetan Bally

Secondos versuchen den Militärdienst für sich zu nutzen: Eine ETH-Umfrage bei 1291 Rekruten von 2014 zeigt, dass Personen mit Migrationshintergrund die Armee klar positiver bewerten als ihre Schweizer Kameraden. So erhoffen sich 44 Prozent der Secondos zu Beginn der Rekrutenschule, dass sich ihre Job-Chancen durch den Militärdienst verbessern. Bei den «Schweizer» Rekruten waren es 28 Prozent.

20 Minuten hat mit fünf Secondos gesprochen und sie gefragt, was die Armee ihnen gebracht hat:

Oktawian Staniec (22), angehender Polizist:

«Ich bin in Polen geboren und aufgewachsen. Mit 11 Jahren kam ich dann in die Schweiz und habe mit 20 den Schweizer Pass bekommen. Nach der Lehre zum Bäcker/Konditor arbeitete ich einige Zeit als Lagerist und machte meine Berufsmatur. Ins Militär wollte ich, da ich schon früh wusste, dass ich Polizist werden will. Darum habe ich mich dann auch für die harte Rekrutenschule entschieden und ging in die Truppe der Grenadiere.

Ich habe nie, weder in der Armee noch im Privaten, zu spüren bekommen, dass ich Secondo bin. Dank dem Militär habe ich das Auswahlverfahren für die Polizeischule locker bestanden. Auch bei den Gesprächen mit den Polizeipsychologen konnte ich mit der militärischen Ausbildung punkten. Denn als Grenadier muss man belastbar sein und seine Grenzen ausloten. Im Mai kann ich nun die Ausbildung zum Polizist beginnen. Darauf freue ich mich sehr.»

Lara Alabastro (29), Sale Agent bei einer Versicherung:

«Ich bin in der Schweiz geboren, aber in Italien aufgewachsen. Als ich mit 19 Jahren in die Schweiz kam, war für mich klar: Ich habe dieselben Rechte wie Schweizer, aber auch dieselben Pflichten. Darum wollte ich ins Militär. Anfangs war es recht schwierig, da ich einerseits die Sprache noch nicht so gut konnte und andererseits eine Frau war. Meine Familie in Italien war zuerst geschockt, dass ich als ihre einzige Tochter in die Armee ging. Heute sind sie stolz auf mich.

Es war eine tolle Erfahrung, die mir auch beruflich weitergeholfen hat: Meinen ersten Job bei einer Bank habe ich nur bekommen, da der Chef wusste, dass ich im Militär war. Auch heute ist es noch so, dass ich bei Bewerbungsgesprächen auf den Militärdienst angesprochen werde. Die meisten loben mich dafür. Mittlerweile habe ich alle Diensttage absolviert. Da ich das Militär aber sehr vermisse, bin ich einem Militärverein in Zürich beigetreten.»

Visar Maliqi (29), Filialleiter:

«Ich bin im Kosovo geboren und kam mit drei Jahren in die Schweiz. 2009 habe ich die Rekrutenschule als Übermittlungssoldat gemacht. Damals hatte es nicht so viele Secondos im Militär. Im Vergleich zu den Rekruten ohne Migrationshintergrund haben wir die Aufgaben viel präziser ausgeführt. Und unser Verhältnis war um einiges kollegialer.

Während der Zeit in der Armee habe ich oft mit meinen Kameraden über die Schweiz und auch die Politik diskutiert. Wir Secondos wussten teilweise mehr als die anderen. Unser Zugführer, der kein Secondo war, wusste beispielsweise nicht, wie viele Bundesräte es gibt. Im Nachhinein hat mir das Militär auch beruflich etwas gebracht: Ich lernte dort, etwas durchzuziehen und präzise zu arbeiten.»

Manimaran Visvalingam (35), Abteilungsleiter:

«Im Alter von acht Jahren bin ich aus Sri Lanka in die Schweiz gekommen. Ich wollte unbedingt in die Armee, da das nun mal dazu gehört, wenn man Schweizer ist – zu den Privilegien gehören auch Pflichten. Der Bürgerkrieg in meiner Heimat hatte nichts mit der Entscheidung zu tun. Als ich zur ersten Aushebung fürs Militär aufgefordert wurde, musste ich kurz zuvor meine Schulter operieren lassen. Deshalb sagten sie mir, ich solle ein Jahr später nochmals kommen. Blöderweise hatte ich während meiner zweiten Aushebung erneut einen Unfall und musste an der Schulter operiert werden. Darum erklärte man mich für untauglich.

Ich legte Rekurs ein und erhielt schliesslich Recht: Mittlerweile habe ich es dank meiner Motivation und meinem Ehrgeiz bis zum Oberleutnant geschafft. Das Militär hat mir im Beruf viel gebracht. Ich habe gelernt, eine Führungsperson zu sein und Entscheidungen zu treffen. Und für mich persönlich konnte ich mir Disziplin und Ordnung aneignen und lernen, nie aufzugeben. Die Zeit war eine Lebensschule für mich.»

A. B. (23), Logistiker:

«Ich bin kein grosser Fan der Armee. Denn durch meine Erlebnisse im Kosovo bezeichne ich mich eher als Pazifist. Beigetreten bin ich nur, damit ich nicht zahlen muss. Im vergangenen Sommer habe ich die Rekrutenschule bei der Luftwaffe gemacht.»

«Dank der vielen Bewegung und weil ich nur wenig gegessen habe, konnte ich während der RS insgesamt 18 Kilogramm abnehmen. Das war das einzig Gute am Militär. Ansonsten hatte ich nur Probleme mit Infektionen und meinem Arbeitgeber, der nicht wollte, dass ich Militärdienst leiste.»

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