Aktualisiert 14.03.2017 16:41

Technologie-Experte

Dank neuer Technik wird bald jeder jeden erkennen

Mario Sixtus ist Journalist, Dok-Filmer und Grimmepreis-Träger. Im Interview erzählt der Deutsche, wie Technologie unser Leben beeinflussen wird.

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swe
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Mario Sixtus ist Journalist, Buchautor, Dokumentarfilmer und ehemaliger Moderator der TV-Sendung «Elektrischer Reporter».

Mario Sixtus ist Journalist, Buchautor, Dokumentarfilmer und ehemaliger Moderator der TV-Sendung «Elektrischer Reporter».

Flickr/re:publica
Er berichtete jahrelang über Technologie, Internet und Netzkultur. Am Mittwoch, 15.3.2017, hält er einen Vortrag am Trendtag des Gottlieb Duttweiler Instituts in Rüschlikon ZH.

Er berichtete jahrelang über Technologie, Internet und Netzkultur. Am Mittwoch, 15.3.2017, hält er einen Vortrag am Trendtag des Gottlieb Duttweiler Instituts in Rüschlikon ZH.

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Herr Sixtus, Sie besuchen diese Woche die Schweiz. Wie sehen Sie unser Land aus technologischer Sicht?

In Sachen Digitaltechnik sehe ich die Schweiz gleichauf mit den anderen mitteleuropäischen Ländern, wie zum Beispiel Deutschland. Es ist in der Bevölkerung zwar durchaus ein Interesse sichtbar an neuen Entwicklungen, aber auch eine gewisse Scheu und Reserviertheit. Ich bin bisweilen in Asien unterwegs, wo man beispielsweise Senioren im Park beim «Pokémon Go»-Spielen zusehen kann. Diese Selbstverständlichkeit, mit der dort digitale Innovationen in den Alltag eingebaut werden, kann ich mir weder in Deutschland noch in der Schweiz vorstellen.

Die Technologie entwickelt sich rasant. Welche Chancen und Risiken sehen Sie?

Wie bei vielem anderem ist bei technisch-gesellschaftlichen Veränderungen der grösste Feind die Angst. Es ist wichtig, Zukunftsszenarien mit einem klaren Kopf und ohne Panik durchzudenken. Wenn wir in Europa vor dem Neuen immer erst zurückschrecken und mit ängstlichen Augen darauf starren, dann verpassen wir nicht nur noch mehr den Anschluss im Digitalen, sondern erlauben auch Bremsern und Populisten, unsere Zukunft zu bestimmen. Ich wünsche mir mehr Optimismus und mehr gesellschaftliches Selbstvertrauen dem Neuen gegenüber.

Nach den Enthüllungen zu Schnüffeleien durch die NSA und die CIA: Steuern wir auf eine Big-Brother-Zukunft zu, sind wir schon da, oder ist alles halb so schlimm?

Dass alles, was wir online treiben, ob wir nun gerade einkaufen oder Pornos anschauen, von Geheimdiensten und von fremden oder eigenen Regierungen beobachtet werden kann, sollte jedem klar sein. Dagegen hilft auch verschlüsselte Kommunikation nur bedingt und Gesetze eher gar nicht. Interessant wird es – und dieses Szenario habe ich ja in meinem Spielfilm «Operation Naked» entworfen –, wenn der Zugriff auf persönliche Informationen nicht mehr nur von einem einzigen Big Brother durchgeführt wird, sondern praktisch von jedem Bürger, von unendlich vielen Little Brothers also.

Welchen Einfluss wird Augmented Reality auf unseren Alltag haben?

Augmented Reality führt das Digitale mit dem Alltäglichen zusammen, und zwar direkt vor unseren Augen. Sie erlaubt uns den Blick auf eine Informationsschicht, ohne dass wir dafür mühsam Internet-Adressen irgendwo eintippen müssten. Der Wikipedia-Eintrag zu einem berühmten Gebäude, die Gästebewertungen zu einem Restaurant, der Weg zum Hotel in einer fremden Stadt, die Inhaltsstoffe eines Lebensmittels im Supermarkt usw. – all das werden wir künftig automatisch im Blick haben.

In Ihrem Vortrag geht es um Augmented Places, also um die digitale Erweiterung von Orten. Werden wir künftig in einer Art Parallelwelt leben?

Wenn Sie sich heute eine Gruppe «Pokémon Go»-Spieler anschauen, die an einem bestimmten Ort in der Stadt mit ihren Smartphones stehen und dort Zeichentrick-Wesen einfangen, die nur sie selbst sehen, dann kann man ahnen, wohin die Reise geht. Möglicherweise steuern wir auf eine Zukunft zu, in der jeder Mensch tatsächlich einen Ort anders wahrnimmt als die Person direkt neben ihm, obwohl diese sich doch zur gleichen Zeit am gleichen Ort aufhält. Vermutlich benötigen wir für Ort dann eine ganz neue Vokabel.

Sie haben viele Jahre über digitale Trends berichtet. Welche Entwicklungen sehen Sie am Horizont?

Ich vermute das nächste grosse Disruptionspotenzial in der Technologie der Gesichtserkennung. Die Big-Brother-Szenarien, die davon ausgehen, dass Regierungen oder Konzerne mithilfe von Überwachungskameras jeden Passanten auf der Strasse erkennen, sind ja bekannt. Wenn aber jeder Zeitgenosse mithilfe seines Smartphones oder einer Datenbrille jeden Menschen, den er auf der Strasse sieht, mit Namen nennen und beispielsweise dessen Facebook-Profil einsehen kann, dann werden sich die Gesellschaft und unser Zusammenleben massiv ändern.

Weil die Vögel es nicht von den Dächern zwitschern

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13. Europäischer Trendtag am GDI

Diesen Mittwoch findet am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon ZH bei Zürich der 13. Europäische Trendtag statt, bei dem über das Thema digital erweiterter Raum diskutiert wird. Im Rahmen des Trendtages hat 20 Minuten mit dem Journalist und Dokumentarfilmer Mario Sixtus ein schriftliches Interview geführt.

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