Strafgericht BS - «Dann habe ich ihm halt einen geblowt»
Publiziert

Strafgericht BS«Dann habe ich ihm halt einen geblowt»

Kam es am 9. November 2019 in einem Wartehäuschen am Bahnhof SBB zu einem Sexualdelikt? Der Beschuldigte bestritt dies vor Gericht. Und dieses konnte am Ende keine strafbare Handlung erkennen.

von
Lukas Hausendorf
1 / 5
Hier geschah es: In einem Wartehäuschen auf dem Perron von Gleis 9 kam es am 9. November 2019 zu sexuellen Handlungen. Geschahen diese einvernehmlich oder unter Zwang? Diese Frage hatte das Basler Strafgericht zu klären.

Hier geschah es: In einem Wartehäuschen auf dem Perron von Gleis 9 kam es am 9. November 2019 zu sexuellen Handlungen. Geschahen diese einvernehmlich oder unter Zwang? Diese Frage hatte das Basler Strafgericht zu klären.

20 Minuten/lha
Am Claraplatz sprach der damals 18-Jährige das 16-jährige Opfer an. Sie und ihre 13-jährige Kollegin waren schon stark alkoholisiert und begleiteten den Beschuldigten zum Bahnhof.

Am Claraplatz sprach der damals 18-Jährige das 16-jährige Opfer an. Sie und ihre 13-jährige Kollegin waren schon stark alkoholisiert und begleiteten den Beschuldigten zum Bahnhof.

Bilddatenbank Kanton BS
Eine Passantin griff die alkoholisierten Teenagerinnen nach der Tat beim Claraplatz auf und rief die Polizei.

Eine Passantin griff die alkoholisierten Teenagerinnen nach der Tat beim Claraplatz auf und rief die Polizei.

Bilddatenbank Kanton BS

Darum gehts

  • Am Bahnhof SBB kam es in einem Wartehäuschen im November 2019 mutmasslich zu einem Sexualdelikt, begangen durch einen damals 18-jährigen Afghanen.

  • Das Opfer, eine 16-Jährige, lernte den Beschuldigten am Claraplatz kennen. Sie und ihre 13-jährige Kollegin begleiteten den 18-Jährigen zum Bahnhof.

  • Der Beschuldigte bestritt vor Gericht allerdings den Tatvorwurf und die Einvernahmeprotokolle zeichneten ein widersprüchliches Bild des Tatgeschehens.

«Es gibt keine andere Möglichkeit, als ihn freizusprechen», schloss Verteidiger Moritz Gall sein Plädoyer am Dienstag vor dem Basler Strafgericht. Seinem Mandanten, einem 20-jährigen Afghanen, warf die Anklage vor, am 9. November 2019 eine 16-Jährige in einem Wartehäuschen am Bahnhof SBB in Basel geschändet zu haben. In widerstandsunfähigem Zustand soll er sie zum Oralverkehr gezwungen haben. Dies während ihre 13-jährige Kollegin daneben infolge übermässigen Alkoholkonsums erbrechen musste.

Nur: Schon die Einvernahmeprotokolle liessen Zweifel am Tatvorwurf aufkeimen. «Ich kann nicht sagen, dass ich gezwungen wurde, es war eigentlich freiwillig», sagte sie gegenüber der Jungendanwaltschaft aus. Zuvor hatte sie dem damals 18-Jährigen bereits klargemacht, dass sie keinen Geschlechtsverkehr mit ihm wolle. Aber sie knutschten einvernehmlich und sie gab an, dass sie ihn hübsch fand.

Der junge Afghane aus dem Kanton Bern gabelte die 16-Jährige und ihre jüngere Kollegin an jenem Abend am Claraplatz auf, wo sie ins Gespräch kamen. Die Mädchen waren da bereits betrunken, die 13-Jährige konnte selbst kaum mehr gehen. Die 16-Jährige habe hingegen noch einen sicheren Gang gehabt, wie auch die Videoüberwachung der Bahnhofspasserelle belegte. Der Beschuldigte sagte auch aus, auf ihn habe sie keinen sehr betrunkenen Eindruck gemacht.

Betrunken ja, aber widerstandsunfähig?

Für Anklägerin Alexandra Frank gab es hingegen keine Zweifel. «Welchen Vorteil hatte sie von einer Anzeige? Das macht man nicht freiwillig», führte sie aus. Als das Mädchen später am Abend weinend auf dem Claraplatz aufgegriffen worden sei, habe sie einer Passantin gesagt, dass sie von einem Typen belästigt worden sei, der ihren Kopf nach unten gedrückt habe und ihr sein Ding in den Mund gesteckt habe.

Der Beschuldigte bestritt dies. Auch, dass überhaupt Oralverkehr stattgefunden habe. Das Gericht glaubte ihm das aber nicht. Nur: Es glaubte auch nicht, dass irgendeine Form von Zwang im Spiel war oder die Teenagerin widerstandsunfähig war. «Allein durch den Alkoholkonsum ist das nicht gegeben. War sie fähig einen Willen zu bilden und zu äussern? Ja», befand Gerichtspräsidentin Dorrit Schleiminger. Und auch ihre Aussagen deuteten nicht auf eine strafbare Handlung hin. «Irgendwann liess er die Hose runter und ich habe ihm halt eins geblowt», zitierte sie aus der zweiten Einvernahme.

Heute könne sie besser Stopp sagen

Das Gericht sprach den mehrfach vorbestraften, vorläufig aufgenommenen Asylbewerber in der Folge frei. Der 20-Jährige kann nun im August seine Lehre zum Logistiker antreten. Ob die Staatsanwältin in Berufung gehen wird, ist fraglich. Sie verlangte eine unbedingte Freiheitstrafe über 29 Monate mit anschliessendem Landesverweis. Sie müsse sich das noch überlegen, sagte sie nach der Urteilseröffnung.

Die Teenagerin habe vor der Jugendanwaltschaft immerhin einen stabilen Eindruck gemacht. Sie könne heute besser Stopp oder nein sagen, sagte sie im letzten Einvernahmeprotokoll.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?

Hier findest du Hilfe:

Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz

Verzeichnis von Anlaufstellen

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Deine Meinung