Steigende Fallzahlen: «Dann haben wir 300, 400 und dann 500 Fälle an einem Tag»

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Steigende Fallzahlen«Dann haben wir 300, 400 und dann 500 Fälle an einem Tag»

National und international steigen die Fallzahlen an. Ferienrückkehrer seien dafür nur zum Teil verantwortlich, sagt der Infektiologe Andreas Cerny.

von
Bettina Zanni
Claudius Seemann
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In der Schweiz und im umliegenden Ausland steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen an.

In der Schweiz und im umliegenden Ausland steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen an.

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 «Verzichten die Kantone weiterhin auf eine Maskenpflicht, kann es schon in wenigen Wochen mit einem exponentiellen Anstieg rasch losgehen», sagt Infektiologe Andreas Cerny.

«Verzichten die Kantone weiterhin auf eine Maskenpflicht, kann es schon in wenigen Wochen mit einem exponentiellen Anstieg rasch losgehen», sagt Infektiologe Andreas Cerny.

Privat
Die Maskenpflicht im ÖV sei ein Tropfen auf den heissen Stein. Den Rest der Zeit verbringen Menschen dort, wo keine Maskenpflicht herrscht.

Die Maskenpflicht im ÖV sei ein Tropfen auf den heissen Stein. Den Rest der Zeit verbringen Menschen dort, wo keine Maskenpflicht herrscht.

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Darum gehts

  • In der Schweiz und im umliegenden Ausland steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen konstant an.
  • Zu denken, die Epidemie gehe mit einer abnehmenden Reisetätigkeit zurück, sei ein Fehlschluss, sagt Epidemiologe Andreas Cerny.
  • Zuzuschauen, wie die Zahlen weiter stiegen, sei falsch. Nun müsse gehandelt werden, fordert er.

Herr Cerny*, die Zahl der positiv getesteten Covid-19-Fälle nimmt nicht nur in der Schweiz, sondern auch in den umliegenden Ländern stetig zu. Läuft die Situation aus dem Ruder?

Aus meiner Sicht sollte man nicht einfach zuschauen, wie die Zahlen weiter steigen, sondern handeln. Die Fallzahlen von über 200 in der Schweiz sind beunruhigend. In allen geschlossenen oder auch freien öffentlichen Räumen, wo die Abstandsregeln nicht eingehalten werden können, braucht es eine Maskenpflicht. Das sind Läden, Büros und Schulen.

Im ÖV gilt seit dem 6. Juli eine Maskenpflicht. Warum nehmen die Ansteckungen trotzdem zu?

Die Maskenpflicht im ÖV ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Sie ist sinnvoll und kam auch auf Druck der Betreiber zustande. Aber man darf nicht vergessen, dass die meisten Menschen an einem normalen Tag nur wenige Prozent ihrer Zeit in einem Zug oder Bus verbringen. Den Rest der Zeit verbringen sie dort, wo keine Maskenpflicht herrscht.

Die Kantone zeigen sich bis jetzt mit einer Maskenpflicht zurückhaltend. Wo stehen wir in ein paar Wochen, wenn das so bleibt?

Das Contact-Tracing ist schon jetzt am Limit. Die Kantone müssen zusätzliches Personal einstellen. Wir laufen Gefahr, Infektionsketten nicht mehr unterbrechen zu können. Verzichten die Kantone weiterhin auf eine Maskenpflicht, kann es schon in wenigen Wochen mit einem exponentiellen Anstieg rasch losgehen. Dann haben wir 300, 400 und dann 500 Fälle an einem Tag.

Für die steigenden Fallzahlen machen die Länder aber vor allem die Reiserückkehrer verantwortlich. Sind die Ansteckungen ein Ferien-Problem?

Das ist nur zum Teil richtig. Man weiss, dass die Mobilität die Verbreitung des Virus fördert. Zu denken, die Epidemie gehe mit einer abnehmenden Reisetätigkeit zurück, ist aber ein Fehlschluss. Die Ferienrückkehrer sind nicht der Hauptgrund für die steigenden Fallzahlen. Das Virus ist da und zirkuliert. Es macht keinen Sinn, wenn die Länder einander die Schuld für ihre epidemiologische Lage zuschieben. Die hohen Zahlen sind eine Folge von einer Summe von Lockerungsmassnahmen. Das nächste Problem werden die Schulen sein.

Womit rechnen Sie dort?

Es wird zu Virusübertragungen von Kindern und Jugendlichen kommen. Zum Teil werden dafür Rückkehrende verantwortlich sein, die nicht in Quarantäne gingen, weil ihr Ferienland bis vor kurzem noch nicht auf der Risikoliste war. Je nach epidemiologischer Situation im jeweiligen Kanton sollten die Schulen sich erneut Vorsichtsmassnahmen, wie sie sie vor den Sommerferien hatten, überlegen.

Werden die Staaten wieder Grenzschliessungen anordnen, um das Virus zu bremsen?

Grenzschliessungen sind sinnvoll, wenn ein Land im Verhältnis zu den anderen viele Infektionen hat. Im Moment steigen die Zahlen in der Schweiz und in den umliegenden Ländern aber eher synchron.

Welche Massnahmen sind wahrscheinlich?

Steigen die Zahlen weiter an, wird es erneut zu restriktiven Massnahmen kommen wie zum Beispiel Clubschliessungen, Einschränkungen der Gästezahl in Restaurants usw. Kantone, die mit dem Contact-Tracing nicht mehr nachkommen, werden gezwungen sein, sich solche Massnahmen zu überlegen, um einen erneuten Lockdown zu verhindern.

* Andreas Cerny ist Infektiologe am Moncucco-Spital in Lugano TI.

Steigende Neuinfektionen in Europa

In der Schweiz belaufen sich die bestätigten Fälle pro 100’000 Einwohner der letzten 14 Tage derzeit auf knapp 28. Am 31. Juli lag dieser Wert noch bei 20. In vielen anderen europäischen Ländern steigt dieser Wert wieder an. Sehen Sie eine Übersicht (Stand: 13. August) über diese Länder in der unten stehenden Grafik:

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