«Dann machte es Klatsch»
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«Dann machte es Klatsch»

Beinahe ungebremst rauschte ein Schweizer Gleitschirmflieger mitsamt seiner Tochter in den Vierwaldstättersee. 20minuten.ch befragte den Piloten nach seinem 800-Meter-Sturz zu Todesangst, Panik und dem Leben danach - und erhielt erstaunlich nüchterne Antworten.

Der erfahrene Gleitschirmpilot Guido Müller absolvierte mit seiner 20-jährigen Tochter Jacqueline im vergangenen Juli ein Sicherheitstraining mit seinem Tandem-Schirm. In 800 Metern Höhe kam es zum Unglück. Der 45-jährige Pilot und seine Tochter fielen in den Schirm, verhedderten sich komplett und schlugen schliesslich mit grossem Tempo im Vierwaldstättersee auf. Beide überlebten unverletzt.

Guido Müller, wie konnte das passieren?

Es war unser zweiter Flug an diesem Tag. Wir übten heikle Manöver. Als ich während des B-Stalls die Bremsen löste, schoss der Schirm mit voller Kraft nach vorne. Ich hoffte noch, dass wir am Tuch vorbeifallen würden.

Und dann?

Dann ging alles blitzschnell und Jacqueline und ich waren komplett im Gleitschirmsegel eingepackt. Wir sahen nur noch das Weiss des Untersegels.

Wieso haben Sie nicht den Notschirm geworfen?

Ich hing so in die Leinen verwickelt, dass es mir unmöglich war, den Notschirm zu ziehen. Ich rief Jacqueline also zu, dass sie am roten Griff reissen soll, was sie auch tat.

Da tat sich aber nichts?

Der Kanister mit dem Notschirm war zu stark von den Leinen eingeschnürt.

Sind Sie nicht vor Angst fast ohnmächtig geworden?

Nein. Zum Glück hatten wir vor dem Start noch das richtige Verhalten im Worst-Case-Szenario besprochen. Meine Tochter ist selber angehende Gleitschirmpilotin und hat schon viele Flüge hinter sich. Ihr gelang es zuerst, sich aus dem Segel zu befreien.

Lief vor Ihren Augen der Film ihres Lebens ab?

Nein, dazu waren wir zu konzentriert mit dem Werfen des Notschirms beschäftigt.

Aber Sie hatten schon mit ihrem Leben abgschlossen?

Es ist nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn wir statt in den See auf den Boden gekracht wären.

Aber auch der Aufschlag auf dem Wasser war hart "wie auf Beton".

Glücklicherweise füllte sich kurz vor dem Aufprall zirka ein Viertel des Segels wieder mit Luft. Dadurch wurde der Fall abgebremst. Dann machte es "Klatsch" und wir tauchten tief in den Vierwaldstättersee ein. Ich erinnere mich noch, wie ich nach oben schaute und die Sonnenstrahlen auf der Wasseroberfläche sah - wunderschön war es.

Was dachten Sie, als Ihnen bewusst wurde, dass sie überlebt haben?

Wir sind uns in die Arme gefallen aus Freude und Dankbarkeit - mit dem ganzen Adrenalin im Blut fühlt man sich als könnte man fliegen.

Manuel Bühlmann, 20minuten.ch

P.S: Müller machte am Tag des Unglücks noch einen weiteren Flug als Passagier. Diesmal klappte das B-Stall-Manöver. Seine Tochter setzte am nächsten Wochenende ihre Piloten-Ausbildung fort.

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