Prozess in Bellinzona: «Dann wäre auch Wilhelm Tell ein Terrorist»
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Prozess in Bellinzona«Dann wäre auch Wilhelm Tell ein Terrorist»

Laut Kuruparan Kurusamy (26) stehen die zwölf Tamilen zu Unrecht vor dem Bundesstrafgericht. Tamil Tigers seien keine Terroristen.

von
D. Pomper
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Der Präsident des Tamil Movement in der Schweiz nimmt die angeklagten Tamilen in Schutz: «Die LTTE ist eine Befreiungsbewegung. Ihre Mitglieder sind keine Terroristen.» Die Tamilen in der Schweiz fühlten sich schikaniert.

Der Präsident des Tamil Movement in der Schweiz nimmt die angeklagten Tamilen in Schutz: «Die LTTE ist eine Befreiungsbewegung. Ihre Mitglieder sind keine Terroristen.» Die Tamilen in der Schweiz fühlten sich schikaniert.

Einen Prozess dieser Grössenordnung hat es vor Bundesstrafgericht noch nie gegeben. Insgesamt 13 Beschuldigte sind nach Bellinzona vorgeladen, 12 in der Schweiz wohnhafte Tamilen und ein Deutscher. Zum Auftakt des Prozesses demonstrieren Sympathisanten der Tamil Tigers auf der Piazza della Foca in Bellinzona.

Einen Prozess dieser Grössenordnung hat es vor Bundesstrafgericht noch nie gegeben. Insgesamt 13 Beschuldigte sind nach Bellinzona vorgeladen, 12 in der Schweiz wohnhafte Tamilen und ein Deutscher. Zum Auftakt des Prozesses demonstrieren Sympathisanten der Tamil Tigers auf der Piazza della Foca in Bellinzona.

Alessandro Crinari
Der Hauptvorwurf an die beschuldigten Tamilen lautet, zwischen 1999 und 2009 an der tamilischen Befreiungsbewegung Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) beteiligt gewesen zu sein beziehungsweise diese von der Schweiz aus unterstützt zu haben.

Der Hauptvorwurf an die beschuldigten Tamilen lautet, zwischen 1999 und 2009 an der tamilischen Befreiungsbewegung Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) beteiligt gewesen zu sein beziehungsweise diese von der Schweiz aus unterstützt zu haben.

Alessandro Crinari

Herr Kurusamy, Sie sind Präsident des Tamil Movement in der Schweiz. Was treibt Sie an?

Mein Vater war Bauer in der Nähe von Jaffna und versteckte die Befreiungstiger von Tamileelam LTTE auf seinem Grundstück. Als meine Mutter mit mir schwanger war, wurde er von sri-lankischen Regierungsgruppen ermordet. Weil sie Angst um mein Leben hatte, schickte sie mich mit neun Jahren mit einem Schlepper nach Europa. Jetzt will ich den Kampf meines Vaters für einen unabhängigen Tamilischen Staat weiterverfolgen.

Was ist Ihr Ziel?

Wir Tamilen wollen unsere historische Heimat, die wir vor der Kolonialzeit hatten, zurück. Dafür braucht es eine demokratische Abstimmung, bei der auch die Exil-Tamilen abstimmen können. Und wir wollen, dass der Völkermord der sri-lankischen Regierung an den Tamilen auf internationaler Ebene anerkannt und aufgeklärt wird. Die Beschuldigten müssen bestraft werden.

Seit Montag müssen sich zwölf Tamilen vor dem Bundesstrafgericht wegen Unterstützung der Tamil Tigers und Terrorfinanzierung verantworten. Was denken Sie darüber?

Die LTTE ist eine Befreiungsbewegung. Ihre Mitglieder sind keine Terroristen. Die verantwortliche Staatsanwältin behauptet, dass es sich nicht um einen politischen Prozess handelt. Doch das Gegenteil ist der Fall: Das ist ein politischer Prozess. Die Schweiz muss unsere Heimat Tamileelam anerkennen. Macht sie das nicht und kooperiert weiterhin mit der sri-lankischen Regierung – etwa indem sie verschiedene Abkommen abschliesst –, dann leistet die Schweiz Beihilfe zum tamilischen Völkermord. Anstatt dass die Schweiz die sri-lankische Regierung zur Rechenschaft zieht, schweigt sie zum Völkermord. Wir Tamilen fühlen uns schikaniert.

Die Bewegung LTTE wird als kriminelle Organisation eingestuft, die auch Terrorakte gegen die Zivilbevölkerung verübt hat.

Das ist eine Unterstellung. Die Regierung hat während der Kriegszeit alle internationalen Medien und Organisationen im Kriegsgebiet verboten und den Völkermord an Tamilen ausgeübt. Die LTTE hat sich mit Waffen dagegen gewehrt und für die Unabhängigkeit der Tamilen gekämpft. Das ist legitim, auch wenn es leider keinen gerechten Krieg geben kann.

Die Tigers haben kurz vor Kriegsende 2009 Anschläge und Attentate auf missliebige tamilische Politiker, Journalisten und Aktivisten verübt.

Ich kann nicht für die Tigers sprechen. Sie sollten aber wissen, dass die sri-lankische Regierung viele Falschmeldungen und Anschuldigungen in Umlauf bringt.

Das Gericht wird die zentrale Frage beantworten müssen: «Handelte es sich bei der LTTE tatsächlich um eine kriminelle Vereinigung?» Was, wenn die Frage mit Ja beantwortet wird?

80 bis 90 Prozent aller Tamilen in der Schweiz unterstützen die Tigers. Wären das dann alles Terroristen? Das ist lächerlich. Wenn jeder, der zur Waffe greift, als Terrorist gilt, dann wäre ja auch der Schweizer Freiheitskämpfer Wilhelm Tell – auch wenn er eine erfundene Figur ist – ein Terrorist, weil er für sein Land zur Armbrust griff. Das würde ja auch keiner ernsthaft behaupten (lacht).

Die Angeklagten sollen von in die Schweiz geflüchteten Tamilen mehr als 15 Millionen Franken eingesammelt haben. Die Bundesanwaltschaft beschuldigt die Tigers, nicht nur Geld gewaschen, sondern auch hiesige Tamilen erpresst zu haben. Haben Sie Kenntnis davon?

Ich kenne niemanden, der erpresst wurde.

Es gibt Tamilen, die erzählen, dass der Druck nicht auszuhalten sei, der von den Tigers ausgehe. Die Rede ist von Telefon- und Klingelterror. «Die Tigers machen dir den Alltag kaputt und sorgen dafür, dass du nicht mehr schlafen kannst», hiess es etwa.

Diese Unterstellungen muss man zuerst einmal beweisen. Ich persönlich glaube nicht, dass Leute erpresst wurden. Wir Tamilen haben die LTTE freiwillig finanziell unterstützt, damit sie unseren Freiheitskampf weiterführen können und unsere De-facto-Regierung Tamileelam schützen und entwickeln können.

Weiter sollen die Beschuldigten jahrelang tamilische Landsleute ausgenutzt haben, um über die Bank Now Kredite in der Höhe von bis zu 100'000 Franken zu erhalten und die Gelder an die Tigers zu übermitteln, so die Bundesanwaltschaft (BA). Da die Tamilen zu wenig verdienten, um einen Kredit aufnehmen zu können, wurde ein Verein gegründet, der falsche Lohnausweise ausstellte, um kreditwürdig zu sein. Für die BA ein klassischer Fall von Betrug und Urkundenfälschung.

Es ist unklar, wer diese Urkundenfälschungen gemacht haben soll. Und ich verstehe nicht, warum nicht auch die Bank auf der Anklagebank sitzt. Schliesslich wurden die Kreditanträge ja von den oberen Etagen gesichtet. Die Bank muss doch erklären können, warum sie die Kredite gesprochen hat.

Würden Sie nach Sri Lanka zurückkehren, wenn die Tamilen einen unabhängigen Staat errichten können?

Ich glaube nicht. Inzwischen bin ich mit einer Schweizer Tamilin verheiratet. Mein Leben findet hier in der Schweiz statt.

Der «Monsterprozess»

Einen Prozess dieser Grössenordnung hat es vor Bundesstrafgericht noch nie gegeben. Insgesamt 13 Beschuldigte sind nach Bellinzona vorgeladen, 12 in der Schweiz wohnhafte Tamilen und ein Deutscher. Die Hauptverhandlung wird bis Mitte März dauern. Das Verfahren hat den Übernamen «Monsterprozess» erhalten.

Hintergrund ist der jahrzehntelange Bürgerkrieg in Sri Lanka, der 2009 mit einer Niederlage der tamilischen Minderheit endete. Der Hauptvorwurf an die beschuldigten Tamilen lautet, zwischen 1999 und 2009 an der tamilischen Befreiungsbewegung Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) beteiligt gewesen zu sein beziehungsweise diese von der Schweiz aus unterstützt zu haben. Diese Bewegung wird als kriminelle Organisation eingestuft, die auch Terrorakte gegen die Zivilbevölkerung verübte. Die BA hatte acht Jahre lang ermittelt, bevor sie 2016 die Anklageschrift vorlegte.

Kuruparan Kurusamy

Der 26-jährige Tamile Kuruparan Kurusamy lebt in Uznach SG und arbeitet als Ausbildner Fachmann Gesundheit bei der Spitex. Er wurde in Sri Lanka geboren, flüchtete 1999 nach Dänemark und lebt seit 2003 als anerkannter Flüchtling in der Schweiz.

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