Daniel Cohn-Bendit: «Dany, le Rouge» wird 65
Aktualisiert

Daniel Cohn-Bendit«Dany, le Rouge» wird 65

Gefürchteter Studentenführer, radikaler Aktivist, Fernsehmoderator, Politiker: Daniel Cohn-Bendit, der am Ostersonntag 65 Jahre alt wird, ist schon in vielen unterschiedlichen Rollen aufgefallen.

von
Gerhard Kneier
AP
Daniel Cohn-Bendit ist auch mit 65 noch fern des Ruhestandes.

Daniel Cohn-Bendit ist auch mit 65 noch fern des Ruhestandes.

Multikulti ist für ihn nicht nur eine Überzeugung - der «rote Dany», wie er vor allem wegen seiner Haarfarbe genannt wird, lebt sie auch: Der Sohn eines deutsch-jüdischen Vaters und einer französischen Mutter pendelt bis heute zwischen den beiden Nachbarländern. Der Mann, der Charles de Gaulle bei den Pariser Studentenunruhen zur Weissglut brachte und auch in Deutschland vielen etablierten Politikern lange als rotes Tuch galt, wohnt nach wie vor im Frankfurter Westend. Doch ins Europaparlament gewählt wurde er im vergangenen Jahr wieder einmal für die französischen Grünen.

Mit ihm als Spitzenkandidat holte die Gruppe Europe Ecologie landesweit sensationelle 16,2 Prozent und landete damit als drittstärkste Kraft nur ganz knapp hinter den Sozialisten. Und auch bei den französischen Regionalwahlen Mitte März haben sich die Grünen mit noch gut 12 Prozent als Nummer Drei des Parteiengefüges etabliert.

An Ruhestand verschwendet Cohn-Bendit auch mit bald 65 keinen Gedanken. Er ist ja erst vor ein paar Monaten wieder zum Ko-Vorsitzenden der Grünen-Fraktion im Europaparlament bestimmt worden und gilt in Strassburg nach wie vor als einer der versiertesten Redner. Im vergangenen Herbst wurde Cohn-Bendit mit dem Cicero-Rednerpreis der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet. Solange es Redner wie ihn gebe, müsse man nicht ob der üblichen Sprachlosigkeit der Politik verzweifeln, sagte Rhetorik-Professor Gert Ueding in seiner Laudatio.

Wandlung ohne Brüche

Ob er den saarländischen Grünen-Chef nach Bildung der Jamaika-Koalition einen Mafioso nennt oder reichen Muslimen rät, nach dem Minarettbauverbot ihr Geld von Schweizer Konten abzuziehen: Langweilig ist selten, was Cohn-Bendit sagt. Dabei hat er sich vom revolutionären «Dany, le Rouge» der Pariser Studentenunruhen 1968 bis zum Grünen Realpolitiker durchaus gewandelt.

Doch Cohn-Bendit steht zu seiner Vergangenheit. Er ist stolz auf seine Rolle als Studentenführer in Paris. Und im Lebenslauf auf seiner Homepage hebt er auch die Mitgliedschaft in der Gruppe «Revolutionärer Kampf» selbstbewusst hervor, die in den 70er Jahren an Hausbesetzungen und politischer Agitation in Betrieben wie Hoechst und Opel beteiligt war. Schliesslich befand er sich da mit dem späteren Aussenminister Joschka Fischer, dem Kabarettisten Matthias Beltz und dem heutigen Varietechef Johnny Klinke in guter Gesellschaft.

Und tatsächlich verlief Cohn-Bendits politische Vita trotz aller Unterschiede zwischen dem Barrikadenkämpfer von Paris und Frankfurt auf der einen und dem seriösen Europaparlamentarier des 21. Jahrhunderts auf der anderen Seite durchaus geradlinig und ohne Brüche. Am 4. April 1945 wurde er im französischen Montabaun als Sohn eines nach der Machtergreifung der Nazis aus Deutschland emigrierten Anwalts geboren. Das Pendeln zwischen Deutschland und Frankreich begann schon 1958, als Cohn-Bendit mit der Mutter zu dem in Deutschland schwer erkrankten und pflegebedürftigen Vater ausreiste.

Von der Karl-Marx-Buchhandlung zum «Pflasterstrand»

Kurz nach dem Abitur an der Odenwaldschule 1965 kehrte er dann zum Studieren wieder nach Frankreich zurück und stieg schnell zum Anführer der Studentenunruhen auf, die im Frühjahr 1968 mit heftigen Unruhen und Strassenschlachten ihren Höhepunkt fanden und die konservative Regierung von de Gaulle schwer erschütterten. Schliesslich wurde der deutsche Staatsbürger Cohn-Bendit aus Frankreich ausgewiesen und kehrte wieder in die Bundesrepublik zurück, wo er in Frankfurt am Main seine zweite Heimat fand.

Er arbeitete in der Karl-Marx-Buchhandlung nahe der Universität, engagierte sich als Betreuer in der Kinderladen-Bewegung, wurde Herausgeber der Szenezeitschrift «Pflasterstrand», benannt nach der Losung der Pariser Maiunruhen «Unter dem Pflaster liegt der Strand». Cohn-Bendit lebte in Wohngemeinschaften unter anderem mit Joschka Fischer. Aber auch mit dem späteren OPEC-Attentäter Hans-Joachim Klein hatte er engen persönlichen Kontakt, den Cohn-Bendit auch nach dessen Untertauchen und Abkehr vom Terrorismus weiter pflegte.

Und dem jüdischen Kaufmann Ignatz Bubis trat Cohn-Bendit in den 70er Jahren noch als Hausbesetzer gegenüber - in den 80er Jahren besetzten sie gemeinsam die Bühne des Frankfurter Kammerspiels, um die Uraufführung von Rainer Werner Fassbinders umstrittenem Stück «Der Müll, die Stadt und der Tod» mit seiner Figur des «reichen Juden» zu verhindern.

Ende der 70er Jahre war Cohn-Bendit zusammen mit Fischer einer der Wegbereiter der Grünen, deren Mitglied er allerdings erst 1984 wurde. In der Partei gehörte er schnell zu den entschiedensten Realpolitikern und Widersachern der ökosozialistischen Fundis um Jutta Ditfurth. 1994 zog Cohn-Bendit erstmals ins Europaparlament ein, dem der verheiratete Vater eines Sohnes und passionierte Fussballspieler bis heute angehört.

Deine Meinung