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Lieber Phil GeldDarf der Chef Einsicht in Krankenakten fordern?

Markus (38) soll eine Einverständniserklärung unterzeichnen, damit sein Chef Einsicht in sämtliche Krankenakten bekommt. Ist das erlaubt?

Der Arbeitgeber hat keinen Anspruch auf Einsicht in sämtliche Krankenakten des Arbeitnehmers. (Bild: Colourbox)

Der Arbeitgeber hat keinen Anspruch auf Einsicht in sämtliche Krankenakten des Arbeitnehmers. (Bild: Colourbox)

Lieber Phil Geld

Ich hatte vor einigen Wochen eine Knieoperation. Während der ersten zwei Wochen war ich zu 100 Prozent, danach noch während fünf Wochen zu 50 Prozent arbeitsunfähig. Nun verlangt mein Arbeitgeber von mir, dass ich für die Lohnausfallversicherung eine Einverständniserklärung unterzeichne, wodurch er Einsicht in sämtliche Krankenakten betreffend meiner Knieoperation nehmen kann und diese allenfalls sogar auch Dritten zugänglich machen darf. Weiter soll ich ihm ein detaillierteres Arztzeugnis mit Diagnosen und Einschätzungen des Arztes vorlegen, obwohl ich ihm eines vorgelegt habe. Muss ich diese Einverständniserklärung tatsächlich unterschreiben?

Lieber Markus

Der Arbeitgeber hat grundsätzlich keinen Anspruch auf Einsicht in sämtliche Krankenakten seines Arbeitnehmers. Er muss sich mit dem von dir vorgelegten Arztzeugnis über die (teilweise) Arbeitsunfähigkeit begnügen. Unter Umständen hätte er jedoch das Recht gehabt, einen Vertrauensarzt zu verlangen. Auch die Lohnausfallversicherungen haben in der Regel keinen Anspruch auf Einsicht in solch detaillierte Arztzeugnisse. Anhand deiner Schilderungen ist auch nicht ersichtlich, zu welchem Zweck dein Arbeitgeber und/oder die Versicherung diese Auskünfte benötigen.

Ein Nachweis, dass du teilweise oder ganz arbeitsunfähig warst, muss grundsätzlich genügen. So wie ich das anhand deiner Angaben beurteilen kann, bist du nicht verpflichtet, eine solche Einverständniserklärung zu unterzeichnen. Das würde quasi einer Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht gleichkommen.

Anspruch auf Einsicht in die vollständigen Berichte, Diagnosen und Einschätzungen etc. besteht somit nicht. Zu sagen ist, dass unbeschränkte Akteneinsicht nicht einmal die Krankenkassen haben. Der Arbeitgeber hat jedoch Anspruch auf Auskunft, ob die Arbeitsunfähigkeit tatsächlich gegeben war oder nicht.

Weiter könnte die vollständige Einsichtnahme in sämtliche Krankenakten durch deinen Arbeitgeber sowie allenfalls deine Versicherung unter Umständen eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte im Sinne von Art. 28ff. ZGB darstellen. Gemäss Art. 328 OR ist der Arbeitgeber verpflichtet, die Persönlichkeit seines Arbeitnehmers zu achten und angemessen zu schützen.

Angesichts der oben genannten Ausführungen empfehle ich dir, deinem Arbeitgeber mitzuteilen, dass du nicht bereit bist, diese Einverständniserklärung zu unterzeichnen, da diese zu weit gehe und deine Persönlichkeitsrechte verletze. Weiter ist festzuhalten, dass du gemäss Art. 324ff. OR im Krankheitsfall Anspruch auf Lohnfortzahlung hast. Deiner Pflicht als Arbeitnehmer, deinem Arbeitgeber ein ärztliches Zeugnis vorzulegen, bist du nachgekommen. Weitere Pflichten bestehen grundsätzlich nicht.

Freundlich grüsst

Phil Geld

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