Aktualisiert 08.11.2019 06:11

Marko will sterbenDarf ein 24-Jähriger mit Exit in den Tod gehen?

Der Winterthurer Marko (24) möchte mit Exit aus dem Leben scheiden. Sein Wunsch befeuert die Diskussion um Sterbehilfe neu.

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Q.Llugiqi/I.Himmelberger

Nach einer Hirnblutung vor vier Jahren kämpfte sich Marko A.* (24) ins Leben zurück. Doch nun will der gelernte Elektroinstallateur mit der Sterbehilfeorganisation Exit begleitet sterben. Die ganze Story hier.

Exit hat laut Vizepräsident Jürg Wiler seit ihrem rund 37-jährigen Bestehen sehr selten sterbewillige Menschen unter 40 Jahren in den Tod begleitet. Doch: «Exit weist niemanden in Not ab und empfängt alle zum Gespräch.» Jedoch begleite die Non-Profit-Organisation nur Mitglieder, die unter anderem volljährig sein müssen.

Die meisten würden sich nach dem Beratungsgespräch für einen anderen Weg als den Tod entscheiden, so Wiler. «Deshalb hat der Bundesrat uns auch eine suizidpräventive Wirkung zugesprochen.» Zum Einzelfall Marko will Exit nicht öffentlich Stellung nehmen.

«Nach christlichen Überzeugungen keine Lösung»

Die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog versteht, in welcher schwierigen Situation sich A. befindet. «Der junge Mann muss ein äusserst tragisches Lebensschicksal hinnehmen, das aus seiner Sicht verständlicherweise kaum nachvollziehbar ist. In diesem Alter sind noch so viele unerfüllte Pläne, die plötzlich unerreichbar scheinen.»

Über ihn zu urteilen, wäre eine Anmassung, so Herzog. Dennoch: «Ich empfehle ihm, nicht Sterbens-, sondern Lebenshilfe beispielsweise in der Seelsorge zu holen. Mit Exit zu sterben, bleibt Suizid. Nach unseren tiefen christlichen Überzeugungen ist dies keine Lösung.» Trotzdem müsse jeder Mensch für sich entscheiden. «Wenigstens werden durch diese Art, zu sterben, nicht noch andere Menschen gefährdet oder in Mitleidenschaft gezogen – ausser natürlich das nächste Umfeld.»

Trotzdem finde sie die Situation nicht gut, sagt Herzog. Die Schweiz habe eine im internationalen Vergleich extrem liberale Gesetzgebung, was sogar zu «Sterbetourismus» führe. «Ich erwarte aber nicht primär Unterstützung von staatlicher Seite oder via Strafgesetz, sondern setze auf Überzeugungsarbeit und auf das verantwortliche Handeln derer, die zu entscheiden haben, ob sie das todbringende Medikament verabreichen oder nicht, also insbesondere der Ärzte.»

Ethische Perspektive

Peter Schaber, Professor für angewandte Ethik, sagt, die Heilungschancen seien bei einer Entscheidung wie im Fall A. sehr wichtig. «Eine Entscheidungsformel gibt es aber nicht», so Schaber. Bei jungen Menschen gibt es eine besondere Sorgfaltspflicht: «In jedem Fall sollten medizinische Gutachten eingeholt werden.» Die Beihilfe könne nur verantwortet werden, wenn Markos Sterbewunsch für die Sterbebegleiter nach eingehender Prüfung nachvollziehbar sei und sie sicher seien, dass es keine anderen Möglichkeiten gebe.

Familienangehörige und Freunde sollten die betroffene Person unterstützen, betont Schaber. «Das Umfeld hat die Pflicht, dem Sterbewilligen beratend und verständnisvoll beizustehen, ihn nicht alleine zu lassen, auch wenn es die Entscheidung möglicherweise nicht gutheisst. Wichtig ist, dass es ihm gegenüber offen ist und zeigt, dass es seine Wünsche und Sorgen ernst nimmt, ihn nicht mit dem Leid alleine lässt.» Letztlich liege die Entscheidung zum Sterben aber beim Betroffenen und den Sterbebegleitern. «Das Umfeld muss das akzeptieren.»

«Ich habe die Hoffnung aufgegeben»

Ob Marko tatsächlich den Weg mit Exit geht, bleibt offen. «Da ich noch jung bin und sehr wahrscheinlich noch Heilungschancen habe, wäre es vielleicht besser, noch zu warten, auch wenn ich so fast täglich leide», sagt Marko. «Andererseits habe ich die Hoffnung aufgegeben. Ich denke nicht, dass sich mein Zustand bessert.»

*Name der Redaktion bekannt

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)

Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);

Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

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