Darf man auf der Autobahn gleich zwei Spuren überfahren?

Sind doppelte Fahrspurwechsel auf der Autobahn erlaubt? Der AGVS weiss Bescheid. 

Sind doppelte Fahrspurwechsel auf der Autobahn erlaubt? Der AGVS weiss Bescheid. 

Mercedes-Benz AG
Publiziert

AutobahnDarf ich gleich zwei Spuren überfahren?

Doppelte Fahrspurwechsel sind trotz dichtem Verkehr auf den Schweizer Strassen längst keine Seltenheit mehr und bergen ein zusätzliches Unfallrisiko. Die AGVS-Experten wissen, was es bei einem Spurwechsel zu beachten gilt und was grundsätzlich erlaubt ist.

von
AGVS-Rechtsdienst

Frage von Josch ans AGVS-Expertenteam

Ich habe auf der Autobahn schon etliche Male gefährliche Situationen erlebt, bei denen Personen bei einer Einfahrt oder bei einer Fahrstreifenreduzierung gleich zwei Spuren überfahren. Vor allem bei der Autobahneinfahrt passiert es häufig, dass jemand abrupt direkt auf die linke Spur wechselt. Ist das überhaupt erlaubt?

Antwort

Lieber Josch

Besonders zu den Hauptverkehrszeiten, wenn es auf der Fahrbahn eng wird, können Spurwechsel zu brenzligen Situationen führen. Der von dir beschriebene doppelte Fahrspurwechsel ist per se nicht ausdrücklich verboten, allerdings gibt es dazu einiges zu beachten.

Fährt man von der Zufahrtsstrecke auf die Autobahn, ist denjenigen Fahrzeugen, die sich bereits auf der Autobahn befinden, Vortritt zu gewähren (Art. 36 Abs. 4 Verkehrsregelnverordnung [VRV], vgl. aber Art. 8 Abs. 5). Einfach den Blinker zu setzen und einzufahren, ist daher nicht erlaubt. Generell darf sich der Lenker, der die Spur wechselt, nicht darauf verlassen, dass ihm andere die Fahrbahn freimachen. Der Fahrstreifenwechsel muss sicher erfolgen, und der übrige Verkehr darf nicht gefährdet oder behindert werden (Art. 34 Abs. 3, Art. 44 Abs. 1 Strassenverkehrsgesetz [SVG]). Das Bundesamt für Strassen (Astra) macht auf seiner Webpage darauf aufmerksam, dass stets genügend Abstand zu wahren, der tote Winkel zu kontrollieren und rechtzeitig zu blinken ist. Zudem gilt auf Schweizer Strassen bekanntermassen das Rechtsfahrgebot (Art. 8 Abs. 1 VRV). Ein doppelter Spurenwechsel auf den linken Fahrstreifen müsste daher dazu dienen, andere Fahrzeuge zu überholen, sonst droht eine Busse (vgl. Ziff. 314.1 Ordnungsbussenverordnung).

Ein doppelter Fahrstreifenwechsel ist grundsätzlich zulässig, wenn dabei niemand behindert oder gefährdet wird.

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Auch wenn dies Fahrschullehrer und Fahrschullehrerinnen wohl ungern lesen und vor allem in der Praxis sehen, ergibt sich aus dem Gesagten aber, dass ein doppelter Fahrstreifenwechsel grundsätzlich zulässig ist. Wie erwähnt, darf dabei jedoch niemand behindert oder gefährdet werden. Das Manöver wäre also beispielsweise dann erlaubt, wenn der nachkommende Verkehr weit entfernt ist und auch zu den vorderen Fahrzeugen genügend Abstand eingehalten wird.

Problematisch und gefährlich ist ein doppelter Spurenwechsel hingegen insbesondere dann, wenn sich auf dem mittleren Fahrstreifen Fahrzeuge befinden, welche die Sicht auf den Verkehr der linken Spur verdecken. Zudem dürfen die Lenker auf den anderen Spuren grundsätzlich davon ausgehen, dass ein Fahrzeug, welches den Fahrstreifen wechseln will, sich genügend früh mittels Blinker ankündigt und ihren Vortritt wahrt (vgl. Art. 39 Abs. 1, Art. 44 Abs. 1 und Art. 26 Abs. 1 SVG).

Überfährt ein Lenker zwei Spuren und die Lenker auf der Überholspur müssen stark abbremsen, droht neben einem Fahrausweisentzug eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe.

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Überholmanöver/Spurwechsel, bei denen sich der Lenker von Beginn weg nicht sicher sein konnte, dass er andere Verkehrsteilnehmer nicht behindert oder gefährdet, werden in der Rechtsprechung oft als grobe Verkehrsregelverletzung im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG eingestuft.

Das heisst: Wenn ein Lenker im Szenario oben nun brüsk zwei Spuren überfährt und die Lenker auf der Überholspur stark abbremsen müssen, kann dies ernsthafte Konsequenzen haben. Neben einem Fahrausweisentzug drohen eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe (Art. 16a ff., Art. 90 Abs. 2 SVG). Eine Verurteilung wegen grober Verkehrsregelverletzung kann selbst dann erfolgen, wenn niemand konkret gefährdet wurde. Denn bei den Tatbeständen aus Art. 90 SVG handelt es sich um sogenannte abstrakte Gefährdungsdelikte. Das heisst: Für eine Verurteilung muss nur eine theoretische – eben abstrakte – Gefährdung hervorgerufen worden sein. Die Beweisführung für die Strafverfolgungsbehörden ist in diesen Fällen natürlich schwieriger, als wenn der nachkommende Verkehr tatsächlich abbremsen musste.

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Fazit: Besonders, wenn die Autobahnen «gefüllt» sind, sollte daher auf doppelte Spurwechsel verzichtet werden. Auf der sicheren Seite ist, wer vor dem zweiten Spurwechsel kurz mit gesetztem Blinker wartet und sich vergewissert, dass der Fahrstreifen auch wirklich frei ist.

Gute Fahrt! 

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