Lieber Phil Geld: Darf mein Chef «Big Brother» spielen?
Aktualisiert

Lieber Phil GeldDarf mein Chef «Big Brother» spielen?

Raphael (44) fühlt sich dauernd beobachtet. Er verdächtigt den Chef, dass er seinen Mailverkehr kontrolliert. Ist das eigentlich zulässig?

Für Unternehmen ist es heute eine Kinderspiel, den Mailverkehr der Mitarbeitenden zu überwachen.

Für Unternehmen ist es heute eine Kinderspiel, den Mailverkehr der Mitarbeitenden zu überwachen.

Lieber Phil Geld,

Ich bin im Verkauf tätig. Die Aussagen meines Chefs lassen darauf schliessen, dass er mich in meiner Tätigkeit extrem kontrolliert. Er ist über die Intensität des E-Mail-Verkehrs in unserer Abteilung bestens informiert. Manchmal habe ich sogar den Verdacht, dass er meine Mails liest. Wie sieht rechtlich die Situation aus?

Liebe Raphael

Selbstverständlich hat dein Chef kein Recht, deine Mails zu lesen. Das wäre nicht nur ein Vertrauensbruch, sondern ebenso eine klare Verletzung deiner Persönlichkeitsrechte. Der Arbeitgeber muss deine Privatsphäre respektieren. Kommt hinzu, dass eine dauernde Überwachung nicht nur illegal ist, sondern auch das Arbeitsklima vergiftet.

Obwohl dies heutzutage in Mode kommt, bin ich darüber hinaus skeptisch, was die quantitative Auswertung des Mail- und Internetverkehrs angeht. Kommt hinzu, dass gesendete und empfangene E-Mails keinen hinreichenden Indikator für die Leistungsfähigkeit eines Mitarbeiters oder eines Teams bilden. Hingegen kann der Abteilungschef durchaus Wasserstandsmeldungen bezüglich Kundenkontakten verlangen.

Heute müssen Mitarbeitende in vielen Betrieben beim Stellenantritt Datenschutzreglemente unterschreiben - zum eigenen Schutz sowie zum Schutz der Firma, geht es doch oft um die sorgfältige Behandlung von vertraulichen Firmendaten. Dagegen ist nichts einzuwenden. Häufig ist in diesen Reglementen auch festgehalten, dass im Verdachtsfall (z.B. Pornographie-Konsum) der Internetverkehr des betreffenden Mitarbeitenden überwacht werden darf. Das ist ebenfalls rechtens. Die Privatsphäre des Arbeitnehmers findet dort ihre Grenzen, wo sie mit den Geschäftsinteressen oder mit dem Gesetz in Konflikt gerät.

Der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte hat sich dezidiert zur Überwachung der Brief- und elektronischen Post geäussert: Demnach darf der Arbeitgeber den Inhalt von als privat gekennzeichneten oder erkennbaren E-Mails selbst dann nicht lesen, wenn die private E-Mail-Nutzung laut Nutzungsreglement verboten ist. Ferner ist eine systematische Überwachung von E-Mails durch Spionprogramme (Content Scanner) nicht zulässig. Erlaubt sei dem Arbeitgeber hingegen die Leistungs- und Geschäftskontrolle. Das systematische Auswerten von geschäftlichen und nicht ausdrücklich als privat gekennzeichneten E-Mail müsse jedoch gerechtfertigt und verhältnismässig sein und den Angestellten im Voraus mitgeteilt werden.

Freundlich grüsst

Phil Geld

phil.geld@20minuten.ch

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