Trümmerteile einer chinesischen Rakete stürzen auf die Erde - Absturzort unbekannt
Aktualisiert

Weltraumschrott aus ChinaDarum berechnet man den Absturzort der Raketenteile nicht einfach

Der bevorstehende unkontrollierte Absturz eines Raketenteils erregt die Gemüter – und wirft Fragen auf. 20 Minuten ist ihnen nachgegangen.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Teile einer chinesischen Rakete könnten unkontrolliert auf die Erde stürzen.

Teile einer chinesischen Rakete könnten unkontrolliert auf die Erde stürzen.

AFP
Das sogenannte Core Stage der Rakete treibt offenbar unkontrolliert im Orbit.

Das sogenannte Core Stage der Rakete treibt offenbar unkontrolliert im Orbit.

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Wo sie auf der Erde aufkommen wird, ist ungewiss. (Im Bild: Menschen beobachten den Start der Trägerrakete, 29. April 2021) 

Wo sie auf der Erde aufkommen wird, ist ungewiss. (Im Bild: Menschen beobachten den Start der Trägerrakete, 29. April 2021)

VIA REUTERS

Darum gehts

  • Eine rund 22 Tonnen schwere chinesische Raketenstufe stürzt unkontrolliert Richtung Erde.

  • Wo sie aufschlagen wird, ist noch unklar.

  • Grund für den Kontrollverlust ist laut westlichen Fachleuten das Design der Rakete.

  • Normalerweise kehren derartige Raketenteile kontrolliert zurück.

  • Doch es gibt auch Ausnahmen wie der Blick auf die Geschichte zeigt.

Nach dem Start des Kernmoduls von Chinas neuer Raumstation droht die Raketenstufe der Transportrakete Changzheng-5B (Langer Marsch 5B) in den nächsten Tagen unkontrolliert auf die Erde zu stürzen. Das Problem: Der Weltraumschrott ist mehrere Tonnen schwer und niemand weiss, wo er aufprallen wird.

Ein Grossteil der Raketenstufe wird beim Wiedereintritt in die Atmosphäre verglühen. Wie viel wird auf die Erde aufschlagen?

Die Raketenstufe ist rund 22 Tonnen schwer, etwa 30 Meter lang und fünf Meter breit. Wie viel davon den Flug durch die Atmosphäre überstehen wird, ist unklar. Laut Experten wie Holger Krag, dem Leiter des Space Safety Programme Office der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, sei es schwierig, «die Menge der die Erde erreichenden Masse und die Anzahl der Fragmente abzuschätzen, ohne die Konstruktion des Objekts zu kennen.» Allgemein gehe man davon aus, dass «etwa 20 bis 40 Prozent der ursprünglichen Masse» aufschlagen. Im Fall der Trümmerteile aus China rechnet man mit etwa vier bis acht Tonnen.

Warum berechnet man den Aufprallort nicht einfach?

Es gibt schlichtweg zu viele Unsicherheiten: Um den genauen Absturzort zu kennen, müsste man angesichts des hohen Tempos, mit der die Raketenstufe unterwegs ist, den Absturzzeitpunkt extrem genau vorhersagen. Schon die kleinste Abweichung würde die Vorhersage unbrauchbar machen. Was das konkret heisst, erklärt Spektrum.de: «Ein Irrtum von nur fünf Minuten würde bedeuten, dass die Stufe in der Zwischenzeit über 2000 Kilometer weiter geflogen ist.»

Die Raketentrümmer umkreisen die Erde derzeit mit einer Geschwindigkeit von sieben Kilometern pro Sekunde in einer Höhe von 165 bis 326 Kilometern. Dabei umrundet sie diese etwa einmal alle 90 Minuten.

Welche Regionen müssen sich auf einen Aufschlag der Rakete gefasst machen?

Die Bahnneigung der Raketenstufe beträgt 41,5 Grad. Das heisst, sie könnte überall in einem Korridor zwischen 41,5 Grad nördlicher und südlicher Breite abstürzen. In diesem Korridor liegen Metropolen wie Barcelona, Rom, New York, Madrid, Istanbul, Peking und Wellington. Allerdings auch viele unbewohnte Gebiete sowie Meer. Fachleute wie der Astrophysiker Jonathan McDowell hoffen, dass der Weltraumschrott dort aufprallt. «Im schlimmsten Fall wird es wie der Absturz eines kleinen Flugzeugs, der sich aber über Hunderte Kilometer verteilt», zitiert ihn die Deutsche Presse-Agentur.

Wie gross ist die Gefahr, dass es einen Menschen trifft?

Ausschliessen kann man das im Falle eines unkontrollierten Absturzes nie. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person von Weltraumschrott getroffen wird, ist äusserst gering und wurde vor einigen Jahren auf eins zu mehreren Billionen geschätzt.

Warum hat sich China für diesen Weg entschieden?

Es ist wohl kein bewusster Entscheid, aber ein fahrlässiger. Fachleute wie McDowell sehen das grosse Problem im Design der «Langer Marsch 5B»-Rakete, die sich nach dem Start nicht mehr so steuern lasse, um an einem vorbestimmten Punkt ins Meer zu fallen. Schon nach dem ersten Flug im Mai 2020 waren Trümmer in der westafrikanischen Elfenbeinküste niedergegangen und hatten mehrere Häuser in Dörfern beschädigt. McDowell postete damals auf Twitter ein Bild, auf dem eine zwölf Meter lange Metallstange zu sehen ist, die mit hohem Tempo auf die Erde gekracht war.

Wie häufig kommen derartige Abstürze vor?

Laut dem Weltraum-Sicherheitsexperten Krag ereignen sich pro Jahr etwa 50 bis 60 solch unkontrollierter Wiedereintritte in die Erdatmosphäre. Allerdings sind die deutlich kleiner und leichter als die Raketenstufe aus China. «Seit 1990 wurde nichts über zehn Tonnen absichtlich im Erdorbit gelassen, um unkontrolliert abzustürzen», sagt McDowell.

Was geschieht sonst mit derartigen Teilen?

Die meisten Raktenstufen kommen irgendwann wieder zur Erde zurück – entweder indem man sie gezielt zurückholt, wie es etwa Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX macht, um sie wiederzuverwenden, oder indem man sie kontrolliert über dem Meer abstürzen lässt. Im Südpazifik etwa gibt es einen Bereich, der auch als «Raumschifffriedhof» bezeichnet wird. Dieser befindet sich mehr als 2000 Kilometer vom nächsten Ufer entfernt, um Kollateralschäden an Land auszuschliessen. Insgesamt wurden dort 260 Raumschiffe versenkt. Auch die russische Raumstation Mir befindet sich dort.

Ist jemals schon etwas Grösseres auf die Erde geprallt, das von Menschen geschaffen war?

Ja. Am 11. Juli 1979 stürzte die etwas mehr als 76 Tonnen schwere Skylab-Raumstation der Nasa ab. Zwar gelang es den Bodenkontrolleuren damals die Steuerung des vorübergehend ausser Kontrolle geratenen Himmelslabors wieder zu übernehmen und die Gefahrenzone von Nordamerika weg auf den Atlantik und den Indischen Ozean zu verlagern. Allerdings zerbrach die Station erst später als berechnet in mehrere Teile, so dass das Absturzgebiet weiter östlich als geplant lag. Betroffen war die Gegend südöstlich von Perth in West-Australien bei Balladonia. Verletzt wurde niemand. Allerdings erstreckte die Trümmerspur sich viel weiter als erwartet.

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