Jetzt spricht der Verlag – Darum bleibt Chef nach Belästigungs-Vorwürfen auf seinem Posten
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Jetzt spricht der VerlagDarum bleibt Chef nach Belästigungs-Vorwürfen auf seinem Posten

Eine Journalistin beschuldigt ihren ehemaligen Chef, sie sexuell belästigt zu haben. Sie zeigt den Mann an, doch danach passiert erstmal nichts. Der Redaktor werde von seinem Amt dispensiert, falls er angeklagt wird, verteidigt sich der Verlag.

von
Jeanne Dutoit
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Es habe viel Mut gebraucht, ihren ehemaligen Chef anzuzeigen, sagt die Journalistin Larissa Bucher. 

Es habe viel Mut gebraucht, ihren ehemaligen Chef anzuzeigen, sagt die Journalistin Larissa Bucher.

20 Minuten
Sie wurde Opfer von sexueller Belästigung, erzählt sie.

Sie wurde Opfer von sexueller Belästigung, erzählt sie.

Screenshot Telebasel
Der Chefredakteur habe immer wieder anzügliche Kommentare fallen gelassen, per Nachricht und auch persönlich. (Symbolbild)

Der Chefredakteur habe immer wieder anzügliche Kommentare fallen gelassen, per Nachricht und auch persönlich. (Symbolbild)

20min/Stevan Bukvic

Darum gehts

Eine junge Frau erstattet im April bei der Staatsanwaltschaft Anzeige. Ihr ehemaliger Chef habe sie sexuell belästigt. Sie war zum Zeitpunkt der Übergriffe 17 Jahre alt, schildert sie und arbeitete als Praktikantin bei einem Basler Lokalmedium.

Der Schritt zur Staatsanwaltschaft hätte sie viel Mut gekostet, sagt Larissa Bucher gegenüber 20 Minuten. Doch dann passierte erstmal nichts. Der Chef blieb auf seinem Posten. Der Verlag begründet den Entscheid, am Beschuldigten festzuhalten, gegenüber 20 Minuten wie folgt: Es handle sich «nicht einmal» um ein laufendes Verfahren, sondern «erst» um eine Anzeige. Zu den weiteren Schritten sagt er: «Sobald die Staatsanwaltschaft entscheidet, den Beschuldigten anzuklagen, werden wir ihn von seinem Amt dispensieren, nicht freistellen.» Fristlos entlassen werde der Mann im Falle einer Verurteilung.

Wurde bereits ein Verfahren eröffnet?

Kriminalkommissär Martin Schütz schreibt auf Anfrage, dass sich die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt grundsätzlich nicht zu hängigen Strafverfahren äussert. Allgemein könne er versichern, dass Anzeigen und Strafanträge sehr ernsthaft geprüft und ermittelt werden. Aber: «Dass sich eine zwingend vorzunehmende Priorisierung von Fällen hinsichtlich der zeitlichen Bearbeitung von anderen Verfahren negativ auswirkt, ist unumgänglich», so Schütz.

Unzählige Emails verschickte der Chefredaktor an Bucher. Die Nachrichten liegen 20 Minuten vor. Die Worte, die er wählte, sind explizit, die Andeutungen sexuell. Die Stellungnahme des Verlags zu den Nachrichten des Chefs: «Seine Aussage bei uns war, dass er das Schreiben und weitere verfasst habe, aber dass sie mit seiner Wortwahl einverstanden gewesen sei und sie ihn sogar ausdrücklich dazu animiert habe, so weiter zu schreiben.»

Der Verlag sieht das Versagen auf Seiten der Behörden, von fehlender Verantwortung will das Unternehmen nichts wissen. Hätte die Staatsanwaltschaft «rechtzeitig ermittelt», hätte die Betroffene nicht den «Mut aufbringen müssen, an die Öffentlichkeit zu gehen», so der Standpunkt des Verlags.

Seit Bucher mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen ist, hätten sich weitere Frauen gemeldet, die ebenfalls schildern, Opfer des Mannes geworden zu sein. Der Beschuldigte sei schon vor vielen Jahren durch sexuelle Belästigung aufgefallen, schreibt eine Journalistin auf Twitter.

Auch Bucher schildert im Gespräch, dass der Chef routiniert und selbstsicher vorgegangen sei. «Ich weiss, dass ich nicht die Einzige war, die er sexuell belästigt hat», sagt sie.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?

Hier findest du Hilfe:

Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz

Verzeichnis von Anlaufstellen

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

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