Analyse - Darum erholt sich der Pendlerverkehr erst 2024
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AnalyseDarum erholt sich der Pendlerverkehr erst 2024

Einbruch bei den GAs und düstere Prognosen: Corona verändert die Mobilität der Schweiz tiefgreifend. Das zeigt eine Analyse der Branche.

von
Pascal Michel
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Die Zahl der GAs ist in der Pandemie um 20 Prozent zurückgegangen.

Die Zahl der GAs ist in der Pandemie um 20 Prozent zurückgegangen.

20min/Marco Zangger
Leicht gestiegen ist dagegen die Zahl der gelösten Halbtax-Abos.

Leicht gestiegen ist dagegen die Zahl der gelösten Halbtax-Abos.

20min/Marco Zangger
Insgesamt rechnet die Alliance Swiss Pass erst wieder mit Spitzen-Auslastungen im Jahr 2024 – wenn überhaupt.

Insgesamt rechnet die Alliance Swiss Pass erst wieder mit Spitzen-Auslastungen im Jahr 2024 – wenn überhaupt.

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Die ÖV-Branche rechnet erst 2024 mit einer Normalisierung.

  • Eine Analyse zeigt, wie sich das Verhalten der Pendler verändert hat.

Pendeln, amtlich erschwert: Der Lockdown und die Homeoffice-Regeln zu Beginn der Corona-Pandemie liessen die Zahl der ÖV-Reisenden ins Bodenlose fallen. Zeitweise registrierte die SBB noch eine Auslastung von unter 20 Prozent. Erholt hat sich die Branche bis heute nicht ganz, auch wenn die Zahl der Nah- und Fernreisenden langsam wieder anzieht.

Der Branchenverband Alliance Swiss Pass hat anhand der Abo-Zahlen, Einzelbillettverkäufe und Fahrgastzählungen errechnet, wann wieder Normalität in Zug und Bahn zurückkehren wird. Die Aussichten sind düster: Erst 2024 dürfte sich die Auslastung wieder auf Vorkrisen-Niveau befinden.

Die Details des Papiers sind zwar nur für den internen Gebrauch bestimmt. Trotzdem gibt Sprecher Thomas Ammann 20 Minuten exklusiven Einblick in die wichtigsten Erkenntnisse. Die Prognose beruht auf den aktuell verfügbaren Daten und der Annahme, dass die Regierung den ÖV nicht wieder mit Massnahmen belastet und etwa die Zertifikatspflicht auf den ÖV ausdehnt.

1. Weniger GAs, mehr Halbtax-Abos

Im Februar 2020 waren rund 500‘000 Generalabos im Umlauf. Aktuell sind es 20 Prozent weniger. In diesem Frühjahr fiel die Zahl der GA-Besitzer erstmals seit Ende 2009 unter 400’000. «Lockdown und Homeoffice haben wohl dazu geführt, dass sich viele Pendlerinnen und Pendler gefragt haben, ob sich das Abo noch lohnt», sagt Thomas Ammann. Immerhin: Seit Ende Juli ziehen die Verkäufe wieder an.

Die Nachfrage nach Halbtax-Abos ist derweil stabil geblieben. Ende August sind mit 2,72 Millionen gleich viele Abonnemente im Umlauf wie Ende 2019. «Wir sehen, dass Kundinnen und Kunden vom GA aufs Halbtax umsteigen», sagt Ammann. Ammann nennt sie «Convenience-Kunden, die das GA wegen des Komforts schätzen». Einzelbillette haben die ÖV-Unternehmen fast wieder so viele wie zuvor verkauft.

Alliance Swiss Pass

2. Corona-Schock fürs Pendlerland Schweiz

Laut dem Mobilitätsmonitoring Mobis der ETH liegt die Zahl der gefahrenen Kilometer in der Bahn noch im August fast 30 Prozent tiefer als vor der Pandemie. Bei den Busfahrten ist bereits eine Erholung eingetreten. Insgesamt rechnet die Alliance Swiss Pass erst wieder mit Spitzen-Auslastungen im Jahr 2024 – wenn überhaupt. «Es ist denkbar, dass wir im Pendlersegment das Vorkrisen-Niveau länger nicht mehr erreichen», sagt Thomas Ammann. Die Daten zeigen, dass der Corona-Schock die Gewohnheiten der Pendlernation Schweiz tiefgreifend verändert hat. «Ein Teil der Kunden wird wahrscheinlich nicht mehr zurückkommen. Deshalb werden andere Segmente umso wichtiger», so Ammann.

3. Neue Einnahmequellen

Diese sieht die Branche im Freizeitverkehr sowie bei internationalen Reisen. Das Potential ist da: In der Pandemie hat sich gezeigt, dass viele Menschen die frei gewordene Zeit statt fürs Pendeln für andere Fahrten nutzten. Die Idee von Bundesrat Ueli Maurer, den ÖV mit einem Preisaufschlag von zwei Prozent zu sanieren, kommt bei Thomas Ammann schlecht an: «Es ist jetzt der völlig falsche Zeitpunkt, Preise zu erhöhen. So holen wir verlorene Kunden nicht zurück.»

4. Wie weiter mit dem GA?

Derzeit tüftelt die Branche an neuen Abo-Modellen. Das GA werde dabei – trotz sinkender Nachfrage – nicht angetastet, sagt Thomas Ammann. «Das Generalabo ist ein Eckpfeiler unseres Systems. Wir sind überzeugt, dass der Preis weiterhin sehr attraktiv ist und sich schnell amortisiert.» Auch für Teilzeitpendler könne sich ein GA rasch lohnen.

5. Was bedeutet Corona für die Infrastruktur?

«Die Spitzen am Morgen und am Abend zu brechen, ist mit dem Corona-Einbruch nicht mehr so dringlich wie zuvor», sagt Thomas Ammann. Trotzdem bleibe das Thema aktuell. So sei es ein Ziel der neuen Abo-Modelle, die Passagiere besser zu verteilen. Dazu dienten auch Sparbillette für Fahrten zu wenig ausgelasteten Zeiten. In den Verkehrsperspektiven bis 2040 rechnet der Bund damit, dass die ÖV-Nutzung um 51 Prozent zunehmen wird. Der Bericht stellt fest, dass es einen weiteren Ausbau der Kapazitäten braucht, um die gesamte Nachfrage zu decken.

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