Aktualisiert 21.04.2017 16:27

Pisa-Studie

Darum fehlt es Schweizer Schülern an Ehrgeiz

Nur 40 Prozent der Schweizer Schüler wollen zu den Besten der Klasse gehören – viel weniger als in anderen Ländern. Ist das ein Problem?

von
A. Schawalder
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Nur 40 Prozent der Schweizer Schüler wollen zu den Besten der Klasse gehören. Nur in Korea sind es weniger. Der Schnitt liegt bei etwa 60 Prozent.

Nur 40 Prozent der Schweizer Schüler wollen zu den Besten der Klasse gehören. Nur in Korea sind es weniger. Der Schnitt liegt bei etwa 60 Prozent.

Der fehlende Ehrgeiz wirke «lähmend», sagt Bildungsexperte Patrik Schellenbauer vom Thinktank Avenir Suisse gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Die Schweiz könnte dadurch mit der Zeit ihren Bildungsvorsprung einbüssen.

Der fehlende Ehrgeiz wirke «lähmend», sagt Bildungsexperte Patrik Schellenbauer vom Thinktank Avenir Suisse gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Die Schweiz könnte dadurch mit der Zeit ihren Bildungsvorsprung einbüssen.

Keystone/Gaetan Bally
Urs Moser, Mitglied der nationalen Pisa-Projektleitung, hält die Unterschiede der Befragung grösstenteils für kulturell bedingt. Die Soziologin Marlis Buchmann macht zusätzlich das Schweizer Bildungssystem verantwortlich. «Es wird früh eingeteilt.»

Urs Moser, Mitglied der nationalen Pisa-Projektleitung, hält die Unterschiede der Befragung grösstenteils für kulturell bedingt. Die Soziologin Marlis Buchmann macht zusätzlich das Schweizer Bildungssystem verantwortlich. «Es wird früh eingeteilt.»

Keystone/Christian Beutler

In der Pisa-Studie fiel abgesehen von der Zufriedenheit der Schweizer Schüler noch etwas anderes auf: wenig Ehrgeiz. Auf die Frage, ob sie zu den besten Schüler gehören möchten, antworteten nur 40 Prozent mit Ja. Zum Vergleich: Im Nachbarland Italien waren es ganze 86 Prozent. Im Schnitt der OECD waren es knapp 60 Prozent.

Der Dachverband der Zürcher Schulorganisationen kann das Ergebnis der Pisa-Studie teilweise nachvollziehen. «Es gibt mehrere Gründe, weshalb Schüler nicht übermässigen Ehrgeiz zeigen», sagt Sprecher Timothy Oesch. «Es liegt nicht nur daran, dass ehrgeizige Schüler teilweise als Streber gesehen werden, sondern auch an ungenügender Förderung von ehrgeizigen und begabten Lernenden.»

Bildungsexperte: Wohlstand als Ursache

Der fehlende Ehrgeiz wirke «lähmend», sagt Bildungsexperte Patrik Schellenbauer vom Thinktank Avenir Suisse gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Die Schweiz könnte dadurch mit der Zeit ihren Bildungsvorsprung einbüssen. Letztlich beruhe unser Wohlstand aber auf Wissen und Fähigkeiten.

Ursache für den geringeren Ehrgeiz der Schüler sind laut Schellenberger unterschiedliche Wohlstandsniveaus der Länder. In aufstrebenden Ländern mit grossem Unterschied zwischen Arm und Reich sei der Bildungshunger viel grösser, da ein guter Abschluss Aufstieg verspreche.

Kulturelle Unterschiede beeinflussen Selbsteinschätzung

Urs Moser, Mitglied der nationalen Pisa-Projektleitung und Professor am Institut für Bildungsevaluation der Uni Zürich, will nicht dramatisieren. Er hält die Unterschiede bei dieser Befragung für zu einem grossen Teil kulturell bedingt. «Man sieht das oft auch bei der Selbsteinschätzung. Amerikaner etwa schätzen ihre eigenen Leistungen in Mathe oft sehr optimistisch ein. Japaner hingegen stufen sich zu tief ein.» In der Realität seien die Japaner im Schnitt klar besser.

Die Soziologin Marlis Buchman von der Uni Zürich sieht es ähnlich. Sie fügt an: «Das Resultat ist natürlich auch vom Bildungssystem abhängig.» In der Schweiz würden Schüler früh in verschiedene Stufen mit unterschliedlichen Leistungsniveaus eingeteilt. Da stecke man eine Weile in einem bestimmten Lernmilieu. Übermässiger Ehrgeiz bringe also gar nicht so viel. Deshalb sehe man etwa in Deutschland mit ähnlichem Bildungssystem ein ähnliches Resultat wie in der Schweiz.

Gar positiv findet es Jürg Brühlmann vom Lehrerverband, dass die Schüler nicht zu ambitioniert sind: «Dass die Schüler innerhalb ihrer Klasse nicht die Besten sein wollen, passt zusammen mit dem tieferen Stresslevel. Die Leistungen stimmen trotzdem.» Die Schüler könnten auch so ihre Ziele erreichen. Er ergänzt: «Die Situation ist mir so viel lieber als in Japan, wo der Ehrgeiz teilweise bis zum Suizid führt.»

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