Aktualisiert 10.10.2019 13:44

Fragen und AntwortenDarum führt Erdogan in Syrien Krieg

Die Türkei hat in Nordsyrien ihre Offensive gestartet. 20 Minuten gibt Antworten auf die drängendsten Fragen.

von
jk
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Sollten die Europäer den Armee-Einsatz als Besatzung brandmarken, werde die Türkei den Weg für Flüchtlinge nach Europa wieder frei machen, sagte Erdogan vor Abgeordneten seiner AKP. (10. Oktober 2019)

Sollten die Europäer den Armee-Einsatz als Besatzung brandmarken, werde die Türkei den Weg für Flüchtlinge nach Europa wieder frei machen, sagte Erdogan vor Abgeordneten seiner AKP. (10. Oktober 2019)

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Das türkische Militär hat seine Offensive gegen Kurdenmilizen in Nordsyrien in der Nacht auf Donnerstag (10.10.2019) fortgesetzt.

Das türkische Militär hat seine Offensive gegen Kurdenmilizen in Nordsyrien in der Nacht auf Donnerstag (10.10.2019) fortgesetzt.

Getty Images/Burak Kara
In einem Tweet des Verteidigungsministeriums in Ankara vom frühen Donnerstagmorgen hiess es, «die heldenhaften Soldaten» rückten mit der «Operation Friedensquelle» im Osten des Flusses Euphrat weiter vor.

In einem Tweet des Verteidigungsministeriums in Ankara vom frühen Donnerstagmorgen hiess es, «die heldenhaften Soldaten» rückten mit der «Operation Friedensquelle» im Osten des Flusses Euphrat weiter vor.

Was will Erdogan?

Am Mittwochnachmittag hat die Türkei mit Luftangriffen ihre Militäroffensive in Nordsyrien gestartet. Gemäss eigenen Aussagen will der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan dort Terrorismus bekämpfen und Stabilität in die Region bringen. Weiter will Erdogan entlang der Grenze zur Türkei eine sogenannte «Sicherheitszone» schaffen, um die rund 3,6 Millionen Syrer, die in die Türkei flüchteten, umzusiedeln.

Tatsächlich zielt der türkische Militäreinsatz gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), die Erdogan aus dem Gebiet vertreiben will. Die YPG unterstützte die USA in ihrem Kampf gegen den Islamischen Staat (IS). Die Türkei hingegen stuft die kurdische Miliz als «terroristisch» ein, da diese der kurdischen Partei PKK nahestehe. Seit 2016 ist die Türkei bereits zwei Mal gegen die YPG-Miliz vorgegangen.

Welche Rolle spielt Trump?

Möglich machte den türkischen Einzug der von Donald Trump angeordnete Abzug der US-Truppen aus Nordsyrien. Kritik daran wies der US-Präsident lapidar zurück: Die Kurden hätten den USA 1944 nicht geholfen: «Sie haben uns nicht im Zweiten Weltkrieg geholfen, sie haben uns beispielsweise nicht mit der Normandie geholfen», so Trump am Mittwoch. Die Kurden würden vielmehr für «ihr Land» kämpfen. Die USA hätten die Kurden bereits stark unterstützt: «Wir haben enorme Geldbeträge ausgegeben, um den Kurden zu helfen, mit Munition, mit Waffen, mit Geld, mit Sold.»

Welche internationalen Reaktionen gibt es?

International stösst die Militäroffensive auf Kritik. Laut dem «Spiegel» will sich der UNO-Sicherheitsrat am Donnerstag zum Thema beraten. Abgesehen von Katar hat sich kein Staat hinter die Türkei gestellt. Auf Twitter schreibt der deutsche Aussenminister Heiko Mass: «Wir verurteilen die türkische Offensive in Nordost-Syrien aufs Schärfste. Die Türkei nimmt eine weitere Destabilisierung der Region in Kauf und riskiert das Wiedererstarken des IS. Wir rufen die Türkei auf, die Offensive zu beenden.»

Wer will Erdogan stoppen?

Bereits am Mittwochabend haben die EU-Staaten die Türkei in einer gemeinsamen Erklärung zum Abbruch der Militäroffensive in Nordsyrien aufgefordert. Wie der «Spiegel» schreibt, wollen auch US-Senatoren, Erdogan persönlich sanktionieren, sollte er seine Streitkräfte nicht abziehen. Sie schlagen vor, jegliche Besitze Erdogans und seiner Minister in den USA einzufrieren. Weiter sollen US-Rüstungsgüter nicht mehr an türkische Truppen verkauft werden dürfen. Gegenüber dem Radio SRF weist der freie Journalist Thomas Seibert jedoch darauf hin, dass Erdogan sich davon wohl wenig beeindrucken lasse, da er aufs Veto-Recht von Präsident Trump vertraue. Dieser hat bereits in der Vergangenheit vom Senat verlangte Sanktionen gegen den türkischen Präsidenten verhindert. Trotzdem hat Trump via Twitter damit gedroht, die türkische Wirtschaft zu zerstören.

Wie sieht die aktuelle Lage aus?

Gemäss dem Rojava Information Center ist es im Laufe des Mittwochs zu zahlreichen Bodenangriffen entlang der Grenze gekommen. Laut Medienberichten sind bis am Donnerstagmorgen 15 Menschen ums Leben gekommen, darunter 2 Kinder. In der betroffenen Region leben rund zwei Millionen Menschen. Zehntausende Zivilisten sind seit gestern zu Fuss oder auf Motorrädern auf der Flucht ins Landesinnere.

Laut dem Rojava Information Center haben die türkischen Streitkräfte Häuser nahe des al-Chirkin-Gefängnisses beschossen. Dort werden mitunter die gefährlichsten IS-Kämpfer festgehalten. Weiter soll es im weiter weg gelegenen Gefangenen-Lager Al-Hol im nordost-syrischen Hasakah zu Fluchtversuchen von IS-Kämpferinnen gekommen sein. Ob bereits IS-Kämpfer aus der kurdischen Gefangenschaft entkommen konnten, ist bis jetzt nicht bestätigt.

Was geschieht mit den IS-Gefangenen in Nordsyrien?

Die kurdischen Einheiten sollen über 10'000 IS-Kämpfer festhalten. Nach dem Einzug der türkischen Truppen ist unklar, ob die Gefangenen unter Kontrolle gehalten werden können. Die von Kurden angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) haben alle Operationen gegen den IS gestoppt, um sich den türkischen Truppen entgegenzustellen. Via Twitter verkündete US-Präsident Trump, die USA habe zwei besonders gefährliche IS-Gefangen übernommen, um deren Flucht zu verhindern. Laut focus.de handelt es sich dabei um Alexanda Kotey und El Schafi Elscheich. Die beiden sollen über 20 Geiseln enthauptet und viele weitere gefoltert haben. Gleichzeitig sagte Trump gegenüber Medien punkto IS-Kämpfer: «Nun, sie werden nach Europa fliehen.»

Auch Schweizer Dschihadisten befinden sich in Nordsyrien in Gefangenschaft. Vor gut einem Jahr lag die Zahl der dort inhaftierten Schweizer laut dem SRF bei fünf. Lokale Behörden bestätigten, dass es sich dabei um drei Frauen, einen Mann sowie ein Kind handelte.

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