Kaufleuten-Mörder: Darum gabs für Shivan M. nicht die Höchststrafe
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Kaufleuten-MörderDarum gabs für Shivan M. nicht die Höchststrafe

16 Jahre muss Shivan M. hinter Gitter, der Staatsanwalt hatte 20 Jahre gefordert. Das Bezirksgericht konnte beim Kaufleuten-Mord nicht alle Fragen klären.

von
num

Es bereitete dem Richter Roland Heimann fast Mühe, am Donnerstagnachmittag die Schuldsprüche und den Freispruch den Angeklagten und deren Angehörigen so zu erklären, dass sie seinen Überlegungen folgen konnten. «Versetzen Sie sich einmal in unsere Lage», sagte er. «Unendlich ist nicht nur das All und die menschliche Dummheit, sondern in diesem Fall die Möglichkeiten der Interpretationen und Spekulationen dieser Tat.»

Heimann hatte zuvor die Schuldsprüche verlesen: Shivan M. (22) muss 16 Jahre in Haft, vier Jahre weniger, als der Staatsanwalt gefordert hatte. Seine Kollegen kamen mit einer bedingten Geldstrafe und einem Freispruch davon.

Den Zuschauern im Raum, den Angehörigen und Freunden des Opfers Vigan M., die still der Urteilsverkündung folgten - nur einige schüttelten manchmal den Kopf - ging es vor allem um den Mörder, um Shivan M. Dieser nahm den Schuldspruch regungslos zur Kenntnis, setzte sich schliesslich auf die Bank, den Kopf gesenkt, den Blick nach unten.

«Die Tat war ungeplant»

Was in jener Nacht zum Mord geführt habe, sagte der Richter, könne man nur anhand äusserer Abläufe beurteilen. Die inneren Abläufe seien schwerer zu werten. Für das Gericht aber gesichert sei, dass Shivan M. «tief gekränkt» gewesen sein müsse. «Sie haben einen Mord begangen», sagte der Richter. «Elf Mal haben sie so stark zugestochen, dass es die Gerichtsmedizin im Test nicht nachstellen konnte.»

Dass er ihm nicht die Maximalstrafe gegeben hat, sei diversen Faktoren geschuldet. Zum einen, dass die Tat ungeplant gewesen sei. Shivan M. müsse den Vorsatzwechsel - vom schlichtenden Gespräch zum überraschenden Angriff - erst Sekunden vor der Tat gefasst haben. Es sei eine hochaffektive Tat gewesen, «die Hassgefühle haben ihn richtig überschwemmt, es begann in ihm zu kochen».

Darum sei - so schwierig dies bei Mord sei - die Tat als «mittelschwer» eingestuft worden. «Ich will Ihre Gefühle nicht verletzen», sagte der Richter zu den Zuschauern, «aber ich habe schlimmere Fälle beurteilen müssen.» Schlimmer im juristischen Sinne, also «wenn Shivan nach Hause gegangen wäre, die Tat von langer Hand geplant hätte und nicht vor den Augen Dutzender Zeugen zugestochen hätte».

«Sie hätten aussteigen sollen»

Die grosse Unbekannte in diesem Fall betraf aber den Mitangeklagten S. - ob er Shivan M. das Tatmesser überreicht hat und sich so der Gehilfenschaft schuldig machte, konnte das Gericht nicht abschliessend klären. «Wir konnten nicht feststellen, wer von Ihnen lügt», sagte er zu den drei jungen Männern.

Es sei ein klassischer Fall von «in dubio pro reo», im Zweifel für den Angeklagten. Der einzige Beweis, dass S. seinem Kollegen Shivan M. das Messer überreichte, war - Shivan selbst. «Und er hat mehrfach gelogen», sagte Richter Heimann. Zudem komme hinzu, dass S. in der Nacht nie als Aggressor aufgetreten sei. Aber, so der Richter: «Wir wissen es einfach nicht.»

Zum zweiten Mitangeklagten M., der Shivan M. nach der Tat das Auto zum Bellevue brachte, sagte Heimann: «Ihnen war klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Sie hätten aussteigen sollen, stattdessen haben sie ihm geholfen, blitzschnell aus dem Raum Zürich zu verschwinden.» Da sein Leumund aber gut sei und er gute Aussichten habe, werde die Strafe bedingt ausgesprochen.

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