Ukraine-Krieg – Darum geben sich russische Firmen in der Schweiz jetzt kleinlaut

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Ukraine-KriegDarum geben sich russische Firmen in der Schweiz jetzt kleinlaut

«Kein Kommentar»: Zum Krieg in der Ukraine äussern sich fast keine russischen Unternehmen, die in der Schweiz tätig sind. Bei den Firmen herrscht Angst.

von
Fabian Pöschl
Marcel Urech
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Gazprom ist die grösste Erdgasfirma der Welt und führt mehrere Tochtergesellschaften in der Schweiz.

Gazprom ist die grösste Erdgasfirma der Welt und führt mehrere Tochtergesellschaften in der Schweiz.

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Zwei davon sind die «Nord Stream AG» und die «Nord Stream 2 AG» mit Hauptsitz in Zug.

Zwei davon sind die «Nord Stream AG» und die «Nord Stream 2 AG» mit Hauptsitz in Zug.

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Auch die Gazprombank ist in der Schweiz aktiv. Sie beschäftigt hierzulande 84 Mitarbeitende.

Auch die Gazprombank ist in der Schweiz aktiv. Sie beschäftigt hierzulande 84 Mitarbeitende.

Wikipedia/Salech Hcelas/CC BY 3.

Darum gehts

Der Ukraine-Krieg wirkt sich auch auf Russinnen und Russen in der Schweiz aus. In der Politik fordern manche, russischen Künstlerinnen wie der Starsopranistin Anna Netrebko keine Aufträge mehr zu geben. Auch die Sport-Welt cancelt, was aus Russland kommt: Der EV Zug entfernte Sponsor Nord Stream vom Trikot.

Russische Firmen haben es nun ebenfalls schwer. Wie viele es in der Schweiz gibt, ist nicht bekannt. Gemäss dem auf Geschäftsbeziehungen spezialisierten Wirtschaftsberater Kommunikation Ost-West waren es 2013 geschätzt 160. Laut Regula Spalinger, Leiterin der Firma, dürften es nun mehr sein. Sie sind vor allem in der Finanz- und Energiebranche tätig.

«Kein Kommentar»

Wie denken diese Firmen über den Krieg? 20 Minuten hat über 30 russische Unternehmen in der Schweiz angefragt, doch die meisten gaben bis Redaktionsschluss keine Antwort. Ein «Kein Kommentar» gabs von der Sberbank, vom Berner Russian Shop und der Rohstofffirma Taftnet.

Ein Statement gabs dafür von der schweizerisch-russischen Beratungsfirma Quorus. Man sei «zutiefst erschüttert und schockiert», so Isabelle Ganz von Quorus. Die Gedanken seien bei allen, die der russische Einmarsch in Not gebracht habe. Die Kriegsparteien sollen den militärischen Konflikt unverzüglich beenden.

Darum schweigen russische Firmen

Die russischen Firmen seien gerne in der Schweiz wegen der politischen Stabilität und der günstigen Steuersituation. Sie geben sich in der aktuellen Situation aber lieber wortkarg, wie Russland-Kenner Ulrich Schmid von der HSG zu 20 Minuten sagt. Sie würden sich nicht mit einer Aussage exponieren wollen.

Insbesondere trifft das auf die Nord Stream AG zu. Bei der Zuger Firma, die eine Gas-Pipeline zwischen Russland und Deutschland baut, handle es sich um ein politisch «hochsensibles Projekt, das in den letzten Wochen und Monaten immer wieder in den Schlagzeilen war», so Schmid.

Wer rebelliert, kämpft auch gegen die russische Regierung 

Die Firmen sind jetzt im Clinch, sagt Russland-Experte Michael Derrer, Unternehmer und Dozent an der Hochschule Luzern. «Sie stehen zwischen der offiziellen staatlichen russischen Vorgabe und der Verurteilung des Westens gegen den Krieg», so Derrer.

Die russischen Firmen wollen in der Schweiz präsent sein. «Die Schweiz ist eines der führenden Finanzzentren», so Derrer. Doch wenn die Firmen nichts gegen den Krieg sagen, müssten sie Kundenverluste befürchten.

Sollten sie sich aber gegen die Regierung positionieren, drohen schlimme Konsequenzen. «Die russische Staatsanwaltschaft hat gemäss einem gestern veröffentlichten Erlass das Recht, gegen alle vorzugehen, die russische Interessen verletzen», so Derrer.

Diese grossen russischen Firmen gibt es in der Schweiz

  • Die weltweit grösste Erdgasfirma Gazprom führt mehrere Tochtergesellschaften in der Schweiz. Sie generiert jährlich 123 Milliarden Dollar Umsatz und beschäftigt weltweit 474’000 Mitarbeitende.

  • Gazprom führt in der Schweiz die Gazprom Schweiz AG, die Gas beschafft, transportiert und verkauft. Hierzulande ist auch die Gazprom Marketing & Trading Switzerland AG aktiv. Sie wickelt den Gashandel mit Westeuropa ab. Die Gruppe führt zudem die Gas Project Development Central Asia AG, die laut Zeitungen von Tamedia Projekte zur Gewinnung von Erdgas in Zentralasien umsetzt.

  • Auch die Gazprombank unterhält in der Schweiz eine Tochtergesellschaft. Die Gazprombank Schweiz mit 84 Mitarbeitenden hat ihren Sitz in Zürich und hielt Ende 2020 laut eigenen Angaben ein Vermögen im Wert von 1,8 Milliarden Franken. Letztes Jahr schrieb die Bank in der Schweiz rund vier Millionen Franken Verlust.

  • Weitere Tochtergesellschaften von Gazprom sind Nord Stream und Nord Stream 2 mit Hauptsitz in Zug. Sie bauten eine Pipeline, die Gas von der russischen bis zur deutschen Küste transportieren soll. US-Präsident Joe Biden verhängte am Mittwoch Sanktionen gegen diese Firmen von Gazprom. 

  • Die grössten russischen Banken sind Sberbank und VTB. Beide führen Tochtergesellschaften in der Schweiz. Diese wickeln vor allem Geschäfte rund um Währungen und Rohstoffe ab. Die Zürcher Tochter der Sberbank beschäftigt laut Zeitungen von Tamedia rund 100 Personen.

  • Russland tätigt auch Direktinvestitionen in die Schweiz: Vermögensanlagen sollen Schweizer Firmen beeinflussen. Ende März 2021 hielt Russland in der Schweiz Direktinvestitionen im Wert von 22,5 Milliarden Dollar. Das sind rund fünf Prozent der Investitionen, die Russland im Ausland tätigt.

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