Zerstörerische Winde: Darum gibt es in den USA so viele Tornados
Aktualisiert

Zerstörerische WindeDarum gibt es in den USA so viele Tornados

Erneut hat ein verheerender Twister die sogenannte Tornado-Allee in den USA heimgesucht. Der Landstrich bietet die perfekten Bedingungen für die Entstehung der zerstörerischen Wirbelstürme.

von
jcg

Der Tornado, der am Montag die Stadt Moore im US-Bundesstaat Oklahoma heimgesucht hat, war einer der heftigsten der vergangenen 20 Jahre. Er hinterliess eine breite Schneise der Verwüstung und kostete mindestens 24 Menschenleben. Es war nicht der erste verheerende Tornado, der die Vorstadt von Oklahoma-City in jüngerer Zeit heimgesucht hatte. Bereits 1999 war Moore Katastrophen-Schauplatz, als der stärkste je gemessene Tornado den mitten in der «Tornado Alley» gelegenen Ort heimsuchte und 34 Menschen tötete.

Die sogenannte Tornado-Allee ist ein Gebiet, das im Osten durch den Mississippi und im Westen durch die Rocky Mountains begrenzt ist. Hier ziehen die meisten Tornados der USA durch. Diese Wirbelstürme, die umgangssprachlich auch Twister genannt werden, wurden bisher auf jedem Kontinent ausser der Antarktis beobachtet. 75 Prozent aller Tornados ereignen sich allerdings in Nordamerika. Spitzenreiter in absoluten Zahlen sind Texas, Kansas und Oklahoma, die in der Tornado-Allee liegen, sowie Florida (siehe Bildstrecke oben).

Beste Voraussetzungen

Die Tornado-Allee bietet optimale Bedingungen für die Entstehung von Tornados. Die kleinräumigen Luftwirbel entstehen aus Gewitterzellen, wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind. In der Tornado-Allee bilden sich besonders viele Gewitter, weil hier kalte trockene Luft von den Rocky Mountains in den oberen Schichten auf warme, feuchte Luft vom Golf von Mexiko in Bodennähe trifft. Dabei können sogenannte Superzellen entstehen, die sich durch sehr starke rotierende warme Aufwinde (Mesozyklone) und kalte Abwinde auszeichnen. Wo sich Auf- und Abwinde treffen, entstehen Tornados, was bei 10 bis 20 Prozent der Superzellen der Fall ist.

Von einem Tornado spricht man dann, wenn der Luftwirbel sich von der Cumulonimbus- oder seltener Cumulus-Wolke bis zum Boden erstreckt. Im Zentrum des Wirbels strömt Luft nach oben, wodurch in Bodennähe Luft angesogen wird, die zur Drehachse hin aufgrund des Pirouetteneffekts immer schneller dreht. Zu Beginn ist ein Twister unsichtbar. Erst wenn im Innern Wasser kondensiert oder Staub und Gegenstände aufgewirbelt werden, wird er weit herum sichtbar.

Tiefe Wahrscheinlichkeit

Die Forscher können nicht genau sagen, weshalb aus gewissen Superzellen Tornados entstehen und aus anderen nicht. Klar ist aber, dass starke Gewitter die Bildung von Superzellen begünstigen. Und je mehr Superzellen entstehen, desto mehr Twister gibt es. Deshalb haben die Gebiete mit den meisten starken Gewittern die meisten Tornados.

Allerdings sind auch im Zentrum der Tornado-Allee die Chancen, dass ein bestimmter Ort von einem Tornado getroffen wird, sehr klein. In dieser Gegend, in der auch Moore liegt, rechnen die Experten damit, dass sich nur viermal pro Jahrhundert im Umkreis von 40 Kilometern von einem bestimmten Ort ein derart verheerender Sturm ereignet (siehe Bildstrecke). Dass Moore also bereits nach 14 Jahren zum zweiten Mal heimgesucht wurde, war nicht zu erwarten.

Bis 480 km/h schnell

Die Stärke von Tornados wird auf der sogenannten Fujita-Skala gemessen, beziehungsweise auf ihrer verfeinerten Variante, der «Enhanced Fujita Scale». Die Zuordnung geschieht dabei meist nachträglich basierend auf der angerichteten Zerstörung, weshalb der Zuordnung der Windstärken die letzte Präzision fehlt.

Die Abstufung der Skala geht von EF0 bis EF6, wobei EF6 eine Sturmstärke bezeichnet, die in der Natur eigentlich nicht vorkommen kann. EF6 trägt deshalb den beschreibenden Zusatz «inconceivable» (unvorstellbar). In den USA werden etwa 88 Prozent der Tornados den Kategorien EF0 und EF1 (schwach) zugeordnet, was Windstärken von 105 bis 178 Kilometern pro Stunde entspricht. 11 Prozent werden als EF2 und EF3 (179 bis 266 km/h) klassifiziert. Knapp 1 Prozent sind verheerend und fallen in die Kategorien EF4 und EF5 (ab 267 km/h). Der Moore-Tornado von 1999 kratzte mit einer Wirbelgeschwindigkeit von 486 km/h an der EF6-Stufe, gilt aber offiziell auch als EF5-Twister.

Der Grad der Zerstörung hängt nicht nur von den Windgeschwindigkeiten ab, sondern auch von der Breite des Luftwirbels. Die meisten Tornados werden nicht breiter als 75 Meter und lösen sich nach wenigen Kilometern auf. Extreme Tornados, die oft aus mehreren Luftwirbeln bestehen, können über 3 Kilometer breit werden und über dutzende Kilometer hinweg ziehen.

Das durchschnittliche Tempo der Fortbewegung beträgt 50 km/h, wobei der Twister der Mutterwolke folgt. Tornados können aber auch quasi stationär wirbeln oder sich mit über 100 km/h vorwärts bewegen.

Regional genaue Vorhersagen möglich

Meteorologen können die Tornadogefahr heutzutage mit grosser Genauigkeit vorhersagen. Im Fall des aktuellen Tornados von Moore stimmten sowohl ermittelte Zeit als auch die ungefähre Region. Die örtliche Aussenstelle des Nationalen Wetterdiensts (NSW) sagte in einem Bulletin von 11.30 Uhr vorher, dass zwischen drei und sechs Uhr nachmittags in der Region östlich der Autobahn I-44 und südlich der I-40 Tornados entstehen würden. Der Tornado traf Moore, das nur 25 Kilometer von der Kreuzung von I-44 und I-40 liegt, kurz nach drei.

Die effektive Vorwarnzeit für einen bestimmten Ort liegt allerdings bei nur knapp einer Viertelstunde. Für Moore ging die Warnung am Montag 16 Minuten vor dem Ereignis heraus – drei Minuten schneller als im nationalen Schnitt. Wie in einem solchen Fall üblich, ertönten die Sirenen und das Fernsehprogramm wurde durch Warnhinweise unterbrochen. Das Warnsystem in Moore funktionierte wie erwartet.

Dass es trotzdem verhältnismässig viele Tote gegeben hat, liegt neben der aussergewöhnlichen Wucht des Tornados daran, dass nie alle Leute die Warnungen rechtzeitig mitbekommen, um noch eine sichere Unterkunft zu erreichen. Zudem hatte in der Gegend von Moore bereits der frühe Feierabendverkehr eingesetzt, weshalb viele Menschen in ihren Autos vom Wirbelsturm getroffen wurden. Die oft nicht Tornado-taugliche Bauweise der Häuser trug ihr Übriges dazu bei. Wie «The Atlantic» berichtet, beschrieb ein Sachverständiger 2002 viele der nach dem Tornado von 1999 neu aufgebauten Häuser als nach wie vor wenig geeignet, einem starken Twister zu wiederstehen. Genau diese Häuser erwiesen sich nun als Todesfallen.

Der Tornado vom 20. Mai 2013 in Moore. (Video: Reuters)

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