«Notfälle nicht verdrängen»: Darum gibts am Wochenende massiv weniger Covid-Tests
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«Notfälle nicht verdrängen»Darum gibts am Wochenende massiv weniger Covid-Tests

An den Wochenenden werden im Vergleich zu Werktagen schweizweit seit Beginn der Corona-Krise deutlich weniger Tests gemacht. Ein Epidemiologe erklärt, wieso.

von
Michelle Muff
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In der Schweiz werden am Wochenende weniger Covid-Tests gemacht als an Werktagen.

In der Schweiz werden am Wochenende weniger Covid-Tests gemacht als an Werktagen.

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Dies ist schon seit Beginn der Krise so, wie eine Grafik des BAG zeigt.

Dies ist schon seit Beginn der Krise so, wie eine Grafik des BAG zeigt.

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Während am Samstag die Anzahl der Tests nur ein bisschen abfällt, liegt sie am Sonntag im Vergleich zu den vorausgehenden Werktagen praktisch immer sehr viel tiefer.

Während am Samstag die Anzahl der Tests nur ein bisschen abfällt, liegt sie am Sonntag im Vergleich zu den vorausgehenden Werktagen praktisch immer sehr viel tiefer.

Screenshot: BAG

Darum gehts

  • An den Wochenenden werden in der Schweiz weniger Covid-Tests durchgeführt als an Werktagen.

  • Epidemiologe Andreas Cerny erklärt, dass dies mit der Ausrichtung des Gesundheitswesen zu tun habe.

  • Solange man sich an die Weisungen des Arztes halte, stelle dies aber kein Risiko dar, sagt der Experte.

Am Sonntag finden nur ein Viertel so viele Tests statt wie wochentags: So wurden am vergangenen Freitag schweizweit 24’160 Personen auf Corona getestet, zwei Tage später sank die Anzahl auf nur 5800 Covid-Tests. Die Zahlen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zeigen, dass dies keine Ausnahme ist: Bereits seit Beginn der Corona-Krise werden am Wochenende massiv weniger Tests durchgeführt.

Wie Andreas Cerny, Infektiologe am Moncucco-Spital in Lugano, erklärt, hat dieser Trend mit der Ausrichtung des Gesundheitssystems im Allgemeinen zu tun. «Am Wochenende ist das Gesundheitswesen dafür ausgelegt, Notfälle sowie Intensivpatienten zu behandeln. Da die Personalkosten wegen Zuschlägen für Samstags- und Sonntagsarbeit am Wochenende höher sind, sind aber weniger Ärzte und Pfleger im Einsatz.»

Wie Cerny weiter sagt, könnten es sich die Gesundheitseinrichtungen gar nicht leisten, am Wochenende mit der gleichen Kapazität fortzufahren, wie sie es unter der Woche tun. «In dem man Wahleingriffe verschiebt – wie einen Covid-Test bei einer Person mit milden Symptomen –, stellt man sicher, dass man genügend Ressourcen für die Behandlung von Notfall- und Intensivpatienten hat, die unabhängig von Corona ein Spital oder eine Praxis aufsuchen.»

«Am Wochenende kümmern wir uns um Notfälle»

Diese Strategie verfolgen beispielsweise die Praxen des Medbase. In den schweizweiten Zentren werden Coronatests angeboten – Samstag und Sonntag teilweise aber nur auf stark reduzierter Basis. An Wochenenden seien «keine Tests möglich», schreibt das Gesundheitsinstitut für den Standort Permanence Zürich gar auf ihrer Webseite.

«Am Wochenende kümmern wir uns um Notfälle – beispielsweise um Menschen mit hohem Fieber und starken Symptomen, die eine umfassende Abklärung wünschen», sagt Sprecherin Sonja Benninger auf Anfrage von 20 Minuten. Menschen mit milden Covid-Symptomen biete man keine Tests an. «Wir möchten nicht, dass die Corona-Abstriche bei wenig symptomatischen Patienten die echten Notfälle verdrängen und wir keine Zeit mehr für diese finden.» Aber: «Wenn jemand starke Covid-Symptome hat, kann die Person bei uns selbstverständlich auch am Wochenende einen Test machen», sagt Benninger.

Die Kantone handhaben das Testen am Wochenende unterschiedlich – die Reduktion von Tests zeichnet sich aber auch hier ab: Im Thurgau besteht am Wochenende ein «reduziertes Angebot», schreibt der Informationsdienst und auch in Bern werden «etwas weniger Tests» gemacht, bestätigt die kantonale Gesundheitsdirektion. Analog zu Medbase hält der Kanton St. Gallen Personen mit leichten grippalen Symptomen auf ihrer Webseite gar dazu an, am Wochenende auf einen Covid-Test zu verzichten. Ohne Unterschied zu anderen Arbeitstagen führt der Kanton Graubünden Tests durch. Als Ausnahme sticht der Kanton Solothurn heraus: Es werde «keine Statistik geführt», ob am Wochenende weniger getestet werde, schreibt die Kommunikationsstelle auf Anfrage.

«Kein Risiko, sofern man sich an Weisungen des Arztes hält»

Das Problem an der generellen Reduktion von Tests am Wochenende: Dies widerspricht der Corona-Strategie des BAG. Diese besagt, dass man «auch bei leichten Symptomen einen Test machen lassen sollte». Stellt das ein Risiko für die Ausbreitung des Virus dar? Experte Andreas Cerny hat keine Bedenken – sofern man sich strikt an die Weisungen des Hausarztes hält. «Wenn ein Arzt eine Person mit milden Covid-Symptomen erst am folgenden Montag in ein Testcenter schickt, gibt er ihr die Anweisung, sich bis dahin in Quarantäne zu begeben. Hält sich die Person daran, provoziert sie bis zum Test keine potenziellen Ansteckungen.»

Im Moment gelte generell die Weisung, dass alle, die sich krank fühlen oder Corona-Symptome aufweisen, zu Hause bleiben sollten. «Gefährlich wird es erst, wenn Leute sich nicht daran halten. Dann kann jede Verzögerung, die im Prozess des Testens gemacht wird, auch eine Verzögerung der Unterbrechung der Infektionskette darstellen.»

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