Eriksen, Dwamena, Agüero & Co. – Darum haben Herzprobleme bei Fussballern nichts mit der Impfung zu tun
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Eriksen, Dwamena, Agüero & Co. Darum haben Herzprobleme bei Fussballern nichts mit der Impfung zu tun

Herzprobleme, ja sogar Herzstillstände, kommen bei Fussballern immer wieder vor. Eine Folge der Corona-Impfung? Mitnichten. Der ehemalige GC-Arzt Walter O. Frey erklärt, inwiefern das Fussballerherz unter besonderer Belastung steht.

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Christian Eriksen kollabierte im EM-Spiel gegen Finnland.

Christian Eriksen kollabierte im EM-Spiel gegen Finnland.

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Sportarzt und ehemaliger GC-Doktor Walter O. Frey erzählt, weshalb Sportler besonders gefährdet sind für einen Herzstillstand. 

Sportarzt und ehemaliger GC-Doktor Walter O. Frey erzählt, weshalb Sportler besonders gefährdet sind für einen Herzstillstand.

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Davide Astori (rechts) starb an Herzstillstand.

Davide Astori (rechts) starb an Herzstillstand.

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Darum gehts

Die Bilder gingen um die Welt: Christian Eriksen brach im EM-Spiel zwischen Dänemark und Finnland zusammen, lag plötzlich regungslos am Boden. Was folgte, waren bange Minuten. Dann zum Glück eine erste Entwarnung: Der 29-Jährige wurde den TV-Zuschauern wach auf einer Trage gezeigt. Sogar zu einem Daumen-Hoch war er fähig.

Erleichterung, ja. Trotzdem die Frage: Wie konnte es zu einem solchen Drama kommen? «Häufiger Grund dafür ist eine Herzrhythmusstörung, die sehr unterschiedliche Ursachen haben kann», sagt der Sportarzt Walter O. Frey gegenüber 20 Minuten. Die Ursachen bei Eriksen seien ihm unbekannt, so Frey. Das könne unter anderem eine angeborene Krankheit sein, von einem Bluthochdruck verursacht oder es könnte nach einer Grippe aufgetreten sein. Frey: «Eine Herzrhythmusstörung kann uns alle betreffen. Der Herzstillstand ist die zweithäufigste Todesursache beim Menschen. Bei einer hochintensiven Leistung, wie im Sport, besteht eine grössere Chance, dass das Herz überreagiert.»

Prominente Fussball-Fälle

Mittelfeld-Star Eriksen ist nur eines von mehreren prominenten Beispielen von Fussballprofis mit Herzproblemen. Anfang November kollabierte der isländische Fussballer Emil Pálsson während eines Zweitligaspiels in Norwegen. Der 28-Jährige erlitt einen Herzstillstand, konnte aber wiederbelebt werden. Zuvor war der ehemalige FCZ-Spieler Raphael Dwamena beim österreichischen Cup-Achtelfinal zwischen Blau Weiss Linz und dem TSV Hartberg zusammengebrochen. Der 26-Jährige spielt seit 2020 mit einem implantierten Defibrillator, der unvermittelt anschlug. Und Barcelona- sowie Argentinien-Star Sergio Agüero musste am Dienstag aufgrund von Herzproblemen seine Karriere beenden.

Ist das ein neues Phänomen im Sport? Nein. Ein tragischer Fall ereignete sich beispielsweise im Jahr 2003, als der senegalesische Nationalspieler Marc-Vivien Foé (†28) während eines Confederations-Cup-Spiels gegen Frankreich zusammenbrach und wenig später in den Katakomben des Stade Gerland in Lyon verstarb. Erleben wir gerade eine Häufung der Fälle? Nein, ebenfalls nicht. Zumindest nicht, wenn es nach Dr. Florian Egger geht. Der Sportmediziner leitet das Fifa-Register für plötzliche Herzstillstände, das seit 2014 geführt wird.

Keine Häufung feststellbar

Ein Blick in das Register zeigt: Im Vergleich zum Vorpandemie-Jahr 2018 gab es keinen Anstieg an Herzstillständen im Fussball. Gemäss Egger seien 2021 sogar weniger Herz-Notfälle als vor Corona passiert. Egger sagt: «Es wird unter Fussballerinnen und Fussballern nicht mehr gestorben als vor der Covid-19 Pandemie.» Vor allem auf sozialen Medien wird dennoch fleissig behauptet, dass es einen enormen Anstieg von Herzstillständen gegeben habe. Es wird impliziert, dass es nicht nur einen Anstieg gibt, sondern dass dies auch noch mit der Corona-Impfung zu tun habe. Nicht das erste Mal: Nach dem Spiel zwischen Dänemark und Finnland wurde eine Corona-Impfung für Eriksens Herzstillstand verantwortlich gemacht. Fussball-Fans stellten Behauptungen und Verschwörungstheorien auf. Dabei war der Däne zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs noch gar nicht geimpft. «Und darum sollte man diesen Fall nicht mit der Impfung in Verbindung bringen», warnt Sportarzt Walter O. Frey. Es werde bei dieser Corona-Impf-Diskussion aber sowieso ein Elefant mit einer Ameise verglichen.

Frey klärt auf: «Wenn jemand an Corona erkrankt (also dem Elefanten), dann ist die Gefahr einer Herzerkrankung sehr hoch. Nach einer Impfung (also der Ameise) besteht hingegen ein äusserst geringes Risiko.» Zudem treten Herzprobleme allgemein gesehen äussert selten als Impffolge auf. «Bis im Juni 2021 wurden in der Schweiz über fünf Millionen Impfdosen verabreicht. Dabei wurde pro 400000 Impfungen nur ein möglicher Zwischenfall mit Herzproblemen gemeldet», so Frey.

«Es ist die Sportart, die am meisten kontrolliert wird»

Wie sind dennoch die aktuellen Fälle im Profifussball zu erklären? Laut Frey aufgrund der immensen Belastung der Spieler: «Das Herz ist ein Organ aus Fleisch und Blut. Niemand kann voraussehen, was in den nächsten Minuten damit passiert. Nur schon eine Grippe kann das Herz im Sport aus seinem Rhythmus bringen. Weil Sportler ihre Kraft in den Sport investieren, haben sie weniger Power im Immunsystem und sind besonders anfällig für Infektionskrankheiten.»

In der Schweiz ist man auf die Thematik sensibilisiert. Fussballer werden regelmässig untersucht. Frey sagt: «In der Super League wird zur Standard-Untersuchung mit Anamnese, klinischer Untersuchung durch den Arzt und Ruhe-EKG zusätzlich noch eine Echokardiografie (eine detaillierte Ultraschall-Herzuntersuchung, Red.) durchgeführt. Diese Vereine werden vom Schweizerischen Fussballverband kontrolliert und erhalten ohne Untersuchungen keine Lizenz. Es ist die Sportart, die wohl am fundiertesten kontrolliert wird.»

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(ape/sih)

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