Aktualisiert 24.02.2019 20:13

Studie

Darum haben wir Angst vor dem Telefonieren

Viele telefonieren nicht mehr – weil sie Angst haben oder weil es ihnen zu unbequem ist. Doch Experten sagen: Für unsere Beziehungen werden Anrufe immer wichtiger.

von
maz
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Telefonieren zu müssen, sorgt bei vielen für ein ungutes Gefühl – in der Freizeit wie bei der Arbeit. Das habe verschiedene Gründe, sagen Experten.

Telefonieren zu müssen, sorgt bei vielen für ein ungutes Gefühl – in der Freizeit wie bei der Arbeit. Das habe verschiedene Gründe, sagen Experten.

Keystone/Martin Ruetschi
«Durch das Telefonieren werden paraverbale Informationen übertragen, die bei einem geschriebenen Text verloren gehen. Emotionen oder Stress sind in der Stimme hörbar. Man merkt am Telefon, ob jemand genervt ist oder Freude hat», sagt Michael In Albon von der Swisscom.

«Durch das Telefonieren werden paraverbale Informationen übertragen, die bei einem geschriebenen Text verloren gehen. Emotionen oder Stress sind in der Stimme hörbar. Man merkt am Telefon, ob jemand genervt ist oder Freude hat», sagt Michael In Albon von der Swisscom.

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Laut der James-Studie der Zürcher Hochschule für Wissenscahften nutzt jeder dritte Jugendliche die Telefonie-Funktion seines Smartphones gar nicht oder selten.

Laut der James-Studie der Zürcher Hochschule für Wissenscahften nutzt jeder dritte Jugendliche die Telefonie-Funktion seines Smartphones gar nicht oder selten.

Hauke-christian Dittrich

Zittrige Finger beim Wählen einer Telefonnummer, ein «unerträgliches, nie enden wollendes Tuten» und der Wunsch, das folgende Telefongespräch möge so schnell wie möglich vorbei sein: Viele fürchten sich vor dem Telefonieren ähnlich stark wie eine Autorin von «Zeitjung». Statt einen Anruf anzunehmen, schicken viele lieber eine Mail oder antworten per Textnachricht.

Mittlerweile nutzt fast jeder dritte Jugendliche im Alter zwischen 12 und 19 Jahren die Telefonie-Funktion seines Smartphones nie oder nur selten, wie die James-Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften belegt. Von einem «beeindruckenden» Ergebnis spricht Michael In Albon, Beauftragter für Jugendmedienschutz bei der Swisscom. Schliesslich sei das die zentrale Funktion eines Smartphones.

Doch wieso scheuen wir uns vor dem Telefonieren? Philippe Wampfler, Dozent für Fachdidaktik an der Universität Zürich und Experte für Lernen mit neuen Medien, sagt, die junge Generation telefoniere schlicht weniger, weil sie mit anderen digitalen Medien und Kommunikationsmitteln sozialisiert worden sei. «Die Begeisterung fürs Telefon ist einfach kleiner und die Lust, zu telefonieren, ebenfalls», sagt Wampfler,

«Einfachere Alternativen»

Dass das Telefonieren nicht mehr en vogue sei, habe auch praktische Gründe. «Die Leute sind telefoniermüde, weil es einfachere Alternativen gibt. Textnachrichten sind beispielsweise schnell mal verfasst», sagt Philippe Wampfler. Zudem bieten andere Kommunikationsformen einen gewissen Komfort. «Für komplexere Themen sind Kommunikationsmittel wie Nachrichten angenehmer, da sie nicht von der Reaktion vom Gegenüber abhängen.»

Das Gleiche gilt für Sprachnachrichten. «Diese bieten einen gewissen Freiheitsgrad. Während man beim Telefonieren gezwungen ist, sofort zu reagieren, kann man sich bei einer Sprachnachricht Zeit lassen», so Wampfler. Viele würden das Telefon nicht mehr abnehmen, weil ein Anruf als störend empfunden werde.

Telefonieren in intimen Beziehungen

Trotz verändertem Nutzungsverhalten glauben die Experten aber nicht, dass das Telefonieren ganz verschwinden wird. «Es wird eine Verlagerung geben und das Telefonieren wird in anderen Situationen gebraucht», so Wampfler. Beispielsweise werde das Telefonieren als intime Form der Kommunikation in Beziehungen in Zukunft mehr geschätzt. In Geschäftsbeziehungen werde es weiterhin ein Thema dort sein, wo man auf individuelle Kommunikation und Überzeugungsarbeit setze, zum Beispiel in Verkaufsgesprächen.

In Albon pflichtet dem bei: «Ich glaube nicht, dass das klassische Telefonieren ausstirbt. Durch das Telefonieren werden paraverbale Informationen übertragen, die bei einem geschriebenen Text verloren gehen. Emotionen oder Stress sind in der Stimme hörbar. Man merkt am Telefon, ob jemand genervt ist oder Freude hat.»

«Einige haben Angst davor, etwas Falsches zu sagen»

Andere hingegen werden wohl nie häufig zu Telefon greifen. Sie haben regelrecht Angst vor dem Telefonieren. «Beim Telefonieren kann man das Gegenüber nicht sehen und die Reaktionen somit schlechter abschätzen. Das kann Ängste hervorrufen. Zudem haben einige Angst davor, etwas Falsches zu sagen, das man nicht korrigieren kann», sagt Sebastian Olbrich, stellvertretender Leiter des Zentrums für Soziale Psychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Bei den Textnachrichten habe man mehr Zeit und könne es besser formulieren. Der Zeitdruck, wie man ihn beim Telefonieren habe, falle weg.

Deshalb rät er: «Hat man Angst, kann man sich im Vornherein vorbereiten. Zum Beispiel kann man sich vorstellen, was im schlimmsten und was im besten Fall passieren könnte, sich also vor dem Telefonat in beide Extremsituationen hineinversetzen.» Dann sollte man sich den Ängsten stellen und lernen, damit umzugehen, rät der Experte. Stelle man sich diesen und lerne, damit umzugehen, würden sie meistens kleiner. Konkret könne das heissen, dass man am Telefonat so lange dranbleibe, bis die Ängste nachlassen würden. Nach dem Telefonieren sollte man das Gespräch reflektieren.

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